500 winzige Kunstwerke

Brigitte Schmidt sammelt seit mehr als 30 Jahren Fingerhüte

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Brigitte Schmidt hat vor mehr als 30 Jahren ihre Leidenschaft für Fingerhüte entdeckt. Das Modell an ihrem Finger war einst ein Profigerät aus Afghanistan. Damit die Näherin es nicht verlieren konnte, wurde es an einem Ring befestigt.

Altena - Er sollte ein Geburtstagsgeschenk für ihre Schwägerin Anke sein, doch als Brigitte Schmidt erstmals die Läden nach einem hübschen Fingerhut durchforstete, da war es um sie geschehen.

Das ausgesuchte Stück ist nie bei Anke angekommen, denn Schmidt eröffnete mit dem Fundstück kurzerhand ihre eigene Sammlung. Mehr als 500 Stück sind in 30 Jahren zusammengekommen. 

Alt und silbern oder aus verschiedenen Materialien müssen sie sein – dann ist Brigitte Schmidt Feuer und Flamme für Fingerhüte. „Man muss die Kriterien eingrenzen, sonst müsste ich hier anbauen“, erklärt die Sammlerin lachend.

Nicht nur in Druckersetzkästen, sondern auch in alten Briefmarkenschränken haben die Fingerhüte einen Ehrenplatz.

Obwohl Fingerhüte ja eher kleinformatig sind, ist der Markt riesig. Die Objekte füllen ganze Kataloge von Fachhändlern, doch diese Modelle sind für Schmidt meistens uninteressant. „Viel größer ist der Schatz für mich, wenn ich ihn auf einem Flohmarkt, in einem Antiquitätengeschäft oder im Urlaub entdeckt habe. Oder wenn mir jemand einen Hut mitbringt.“ 

Zwei Unikate in der Sammlung

Zwei Unikate finden sich in der Sammlung: Eine Freundin bemalte innerhalb eines Jahres einen Fingerhut in der russischen Palechmalereitechnik und zauberte winzige filigrane Muster mit einer einzelnen Pinselborste auf das Schmuckstück. Am Boden ist eine Widmung zu finden – „das war eine tolle Überraschung!“ erinnert sich die Sammlerin.

Die Anfertigung dieses Modells hat über ein Jahr gedauert. Eine Freundin bemalte es filigran in der russischen Technik der Palechmalerei – eine gelungene Überraschung!

Und dann gibt es sogar einen Fingerhut mit Rahmen: Eine Zeichnung nebst persönlichen Initialen, die Tochter Ariane anfertigte. 

Viele der silbernen Modelle in dem alten Vitrinenschrank stammen aus England und anhand der gestempelten Punzen lässt sich gut zurückverfolgen, welche Manufaktur in welchem Zeitraum mit der Herstellung beschäftigt war. 

Häufig aus Muranoglas

In viele Stücke der Kollektion Schmidts lässt sich eine solche Punze nicht hineindrücken, denn sie bestehen aus Muranoglas, gepresstem Kohlenstaub, Lapislazuli, Rosenquarz oder Bernstein. 

Um den Überblick zu behalten, hat die Sammlerin alle Exponate katalogisiert. In jedem Fingerhut steckt ein Zettel mit Nummer.

Dann gibt es Fingerhüte aus finnischen Rentierknochen und aus Porzellan. Zum Jubiläum brachte die Manufaktur Meißen einst einen Fingerhut mit allen sieben Schwertern raus, die je in die Glasuren des Unternehmens eingebrannt wurden. 

Exponate aus Korea und Ägypten 

Aus Ägypten ist bekannt, dass es Fingerhüte aus Papyrusgras gab, von denen Brigitte Schmidt einen Nachbau besitzt. Von der Expo brachte sie sich einen Stoff-Fingerhut aus Korea mit, aus Danzig stammt ein bronzener mit sichtbaren Gebrauchsspuren.

Der „Steigbügel“ aus der Mongolei ist massiv gearbeitet und könnte in der Lederverarbeitung verwendet worden sein.

Wie exzessiv Fingerhüte einst im professionellen Sinn genutzt wurden, zeigt ein Exponat aus Afghanistan, wo der Fingerhut an einem Ring mit Kette befestigt ist, damit die Näherin ihn nicht verlieren konnte. Funde in den holländischen Grachten, schwer verdreckt und verbeult, zeugen ebenfalls davon, dass Fingerhüte echte Gebrauchsgegenstände waren. „Und das schon im 15. Jahrhundert“, weiß Brigitte Schmidt.

Jakob und Jan dürfen die unempfindlicheren Modelle gern auch mal aufsetzen. Insbesondere die bunten Fingerhüte faszinieren auch die Enkelkinder.

In vielen Kulturen waren Fingerhüte Kunstwerke mit Botschaften. Aus Gibraltar stammt der kleine Kopf mit Igelform, in der Gotik wurden sechseckige Hüte geschaffen. Die Franzosen nutzten Gold, die Thüriger Eisen, die Österreicher verarbeiteten Groschenmünzen. 

Fingerhut als Schnapsglas

Die Briten erfanden den Gag mit dem Thimble, ein überdimensionierter Fingerhut zur Nutzung als Schnapsglas. In Anlehnung daran gravierten auch deutsche Hersteller den Spruch „Nur ein Fingerhut“ in die Becher für Hochprozentiges.

Tochter Ariane machte ihrer Mutter eine Freude, indem sie ihr einen Fingerhut mit persönlichen Initialen zeichnete.

Auch in der Region wurden einst Fingerhüte hergestellt – bei der mittlerweile längst geschlossenen Firma Johann Moritz Rump Altena (JRMA). Von einem der dort produzierten Fingerhüte weiß die Sammlerin, dass der ehemalige Bauamtschef Hans Bretta damit seine Pfeife stopfte. Deshalb ist die Vergoldung abgerieben. „Aber genau diese Geschichte macht ja den Charme aus!“

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