Bilanz

Ein Jahr Bonpflicht: Das regt keinen mehr auf

„Maria“ aus der Pommesbude am Markaner
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Die meisten Kunden verzichten auf den Grill. Das berichtet auch Melissopeu Vasiliki vom Markaner-Grill.

Ziemlich genau ein Jahr ist vergangen, seit die Bundesregierung die Pflicht zum Kassenbon erlassen hat. Seit dem 1. Januar 2020 müssen Händler einen Kassenbon für ihre Kunden erstellen und ihnen den Beleg aushändigen. Auch beim Kauf eines einzelnen Brötchens. Nach einem Jahr ziehen die Einzelhändler Bilanz: Wie schlimm war die Bonpflicht wirklich? Welche Befürchtungen haben sich bewahrheitet?

Tante Carola’s Drogerie

„Die Bonpflicht ist das Allerletzte“, sagte eine Kundin Anfang des Jahres, als sie das Geschäft an der Lennestraße in Altena mit ihren Einkäufen verließ. Klare Ansage. Auch Ulrike Singer, Geschäftspartnerin von Carola Scholz, konnte zu Jahresbeginn nicht viel Gutes an der neuen Verordnung finden.

Knapp ein Jahr – und vor allem neun Corona-Monate – später ist das Thema Bonpflicht für Ulrike Singer „nebensächlich“ geworden, aber trotzdem gehört der Bon natürlich zu ihrem Alltag. „90 Prozent der Kunden wollen den Bon nicht und sagen: ‘Den können sie direkt hier lassen’“, macht Ulrike Singer deutlich. Gleichwohl werden die Kunden darauf hingewiesen, dass ein Warenumtausch in Tante Carola’s Drogerie seit der Einführung der Bonpflicht nur noch mit Kassenbeleg möglich ist. Ohne Bon die falschen Müllbeutel oder zu kleine Socken umtauschen, das war einmal.

Markaner-Grill

Melissopeu Vasiliki vom Markaner-Grill stellt ihren Kunden einen Kassenbon zur Verfügung, „die meisten Gäste wollen ihn aber nicht haben“, sagt sie. Oft lande der Bon noch im Laden im Mülleimer, spätestens aber in den Papierkörben am Busbahnhof. Nur ganz selten werde der Bon von den Kunden aus verlangt. Die Mehrkosten, die durch die Bonpflicht entstehen, kann Melissopeu Vasiliki aber nicht beziffern.

Bäckereien Vielhaber und Grote

„Der Aufschrei im Frühjahr war ja groß“, sagt Carl Grote, Junior-Chef der gleichnamigen Bäckerei, die auch eine Filiale in Nachrodt betreibt. „Es war ein sehr großer zusätzlicher Haufen Müll, der da produziert wurde.“ Zwei Monate schaute sich das Familienunternehmen die Situation an – und beschloss schließlich zu handeln. Am 1. März habe man in den Filialen den E-Bon eingeführt, erklärt Carl Grote. Wenn der Kassiervorgang abgeschlossen wird, zeigt die Kasse auf dem Kundendisplay einen QR-Code an. Dieser kann mit einem Smartphone gescannt und der Bon dann heruntergeladen werden. Genau so ging auch die Bäckerei Vielhaber vor. Sowohl bei Grote als auch bei Vielhaber kommt der E-Bon scheinbar gut an. Allerdings nicht dahingehend, dass er vermehrt heruntergeladen würde, sondern dahingehend, dass weniger Müll produziert wird. „Dieses System ist deutlich umweltfreundlicher“, sagt Grote.

Statistisch gesehen nehmen in den Grote-Filialen unverändert gerade einmal drei Prozent der Kunden ihren Bon mit. In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet das: Rund 65 700 Bons würden zu einem bestimmten Zweck gedruckt, der den Papierverbrauch rechtfertigen kann. Rund 2,12 Millionen weitere Bons aber, die den 97 Prozent der Fälle entsprechen, in denen die Kunden keinen Bon haben wollen, landeten dagegen im Müll.

Die Möglichkeit den Bon auszudrucken, gebe es trotz E-Bon immer noch. Jeder, der den Kaufbeleg in Papierform haben möchte, bekommt ihn selbstverständlich ausgehändigt. Dies seien vor allem Senioren, die kein Smartphone haben.

Zum 1. Januar 2021 soll sich bei den Kassensystemen wieder etwas ändern, sagt Grote. Das Finanzamt wolle eine zusätzliche Kontrolleinheit an die Kasse anschließen, die die digitalen Kassenbons speichert, damit sich nicht nachträglich manipuliert werden können. Der Junior-Chef der Bäckerei nimmt das gelassen hin: „Gesetz ist Gesetz. Die Speicherung von Kassiervorgängen ist im Prinzip richtig, denn es kommt letztlich jedem Steuerzahler zugute, wenn die Geschäfte ordentlich abrechnen. Nur über die Art und Weise kann man bei den Kontrollen streiten.“

Wurst Wagner

Schon im Januar, als die Bonpflicht gerade frisch eingeführt war, wusste Martina Hirschberger von Wurst Wagner in Werdohl, dass für ihre alteingesessene Imbissbude ein Bestandsschutz gelte. Denn die Pommesbude existiert bereits seit 1972. Gespräche mit ihrem Steuerberater, den sie wegen der neuen Regelung konsultierte, hatten ergeben, dass sie deshalb nicht von der Bonpflicht betroffen ist, sondern erst ein Nachfolger in dem Laden eine Kasse anschaffen muss.

Bei dieser Regelung sei es geblieben. „Wir arbeiten weiter nach dem Prinzip der offenen Kasse“, sagt sie. Kunden, die dies wünschten, bekämen natürlich eine Quittung, doch das seien „allenfalls mal vier oder fünf im Laufe eines Monats“. Die meisten Kunden aber hielten diese Bonpflicht für kompletten Schwachsinn, gerade mit Blick auf die Umwelt. Kassenzettel bestehen aus beschichtetem Papier und dürfen nicht im Altpapier entsorgt werden.

Blumen Fromm

Carsten Fromm, Chef des gleichnamigen Blumen-Geschäfts in Werdohl, erinnert sich noch an den großen Aufschrei vor rund einem Jahr. „Das Thema wurde hoch gekocht, aber mittlerweile hört man fast nichts mehr davon“, sagt Fromm. So wie vermutlich die meisten Einzelhändler hat sich auch der Blumenexperte mit der Bonpflicht abgefunden. Für Fromm gibt es keinen Mehraufwand. Er nutze die Bons sogar zu Werbezwecken: „Wir drucken Rabattaktionen mit auf die Bons, sodass die Kunden einen Anreiz haben, sie mitzunehmen.“ Diese Taktik zahle sich aus: Bis zu 90 Prozent der Bons würden von den Kunden mitgenommen und landen nicht im Mülleimer.

Die Rabattaktionen seien darüber hinaus auch ein gutes Mittel zur Kundenbindung, sagt Fromm. „Es macht Freude, wenn die Bons mit den Rabattcodes zurückgebracht und eingelöst werden. Wir haben hier einen Topf, in dem wir sie sammeln, und da sind einige drin. Die Menschen haben einfach Spaß daran zu sparen.“

Aldi-Nord-Gruppe

Die Aldi-Nord-Gruppe, zu der auch der Aldi-Markt in Altena zählt, berichtet auf Anfrage, dass sich für sie durch die Bon-Pflicht nichts geändert habe, „da wir an unseren Kassensystemen schon vor der Einführung der gesetzlichen Bonpflicht immer einen Kassenbon ausgestellt haben“, sagt Unternehmenssprecher Dr. Axel vom Schemm. Er weist darauf hin, dass Aldi „bereits seit September 2010 in allen Filialen ausschließlich Thermokassenpapierrollen ohne den Weichmacher Bisphenol verwendet“. Bisphenol ist üblicherweise Bestandteil von Thermopapier und anderen Produkten des täglichen Gebrauchs. Die Europäische Union hatte es beispielsweise als Bestandteil von Baby-Trinkflaschen 2011 verboten.

Das Papier bei Aldi sei allgemein auf phenolfreie Qualität umgestellt worden. „So wird bei der Herstellung der Kassenbonrollen auch keine ,chemische Tinte’ verwendet. Es handelt sich hierbei um ein Wärmereaktionsverfahren“, erklärt vom Schemm, dass man trotz des automatischen Bondrucks bemüht sei, die Umwelt zu schonen. „Unsere Kassenbelege sind schon seit vielen Jahren FSC-zertifiziert und stammen aus nachhaltiger Forstwirtschaft, können also über das Altpapier entsorgt werden. So steht das Material wieder dem Recyclingkreislauf zur Verfügung.“

Rewe

In den Rewe-Märkten wurde vor der Bonpflicht ebenfalls stets ein Kassenbon ausgestellt. Allerdings teilt der Rewe Dortmund, zu dem die heimischen Märkte gehören, auf Anfrage mit: „Unsere Märkte bieten auch den E-Bon an, der gesetzeskonform ist und gleichzeitig Papier sparen hilft. Die Nutzerzahlen des E-Bons steigen – ob dies mit der Bonpflicht oder der zunehmenden Digitalisierung unserer Kunden zusammenhängt, ist nicht sicher zuzuordnen.“

Lidl und Netto beantworteten Fragen zur Bonpflicht nicht.

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