Zu wenige Mitglieder

Blindenverein löst sich auf

Arthur Krolzik beim Überqueren einer Straße: Der langjährige Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins Werdohl/Altena
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Arthur Krolzik beim Überqueren einer Straße: Der langjährige Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins Werdohl/Altena weist darauf hin, dass Blinde gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, auf Hilfe von Sehenden angewiesen sind.

Nach fast 90  Jahren wird sich der Blindenverein Werdohl/Altena jetzt auflösen. Das hat zwei Gründe.

Nach fast 90  Jahren wird sich der Blindenverein Werdohl/Altena jetzt auflösen. Das hat der Vorsitzende Arthur Krolzik mitgeteilt. Der Werdohler, der den Verein mit einer kurzen Unterbrechung seit 1988 führt, gab vor allem Altersgründe der Vorstandsmitglieder an.

„Wir bemühen uns, diejenigen, die Probleme haben, darauf hinzuweisen, dass es irgendwie weitergeht“, umreißt Krolzik die Arbeit des Blindenvereins, der sich 1933 vom damaligen Blindenverein Lüdenscheid abgespalten und selbstständig gemacht hat.

Wenige Mitglieder: „Manche schämen sich“

Doch die Unterstützung des Vereins werde inzwischen immer seltener nachgefragt. „Dabei wissen wir, dass es in Werdohl und Altena, aber auch in Neuenrade, Balve und Nachrodt-Wiblingwerde mehrere Betroffene gibt“, sagt Krolzik. Die Ursachen dafür, dass Blinde oder Sehbehinderte nicht dem Verein beitreten, seien vielfältig. „Manche schämen sich, andere scheuen vielleicht den Beitrag“, vermutet Krolzik.

Allerdings gebe es mittlerweile insbesondere für junge Betroffene vielfältige technische Möglichkeiten, am Leben teilzuhaben. „Die brauchen keinen Verein, die helfen sich selbst“, weiß Krolzik. Junge Mitglieder habe der Blinden- und Sehbehindertenverein Werdohl/Altena deshalb schon seit Jahren nicht mehr aufgenommen.

Fast alle Mitglieder im Alter erblindet

„Unsere Mitglieder sind praktisch allesamt Alterserblindete“, sagt Krolzik. Die allerdings seien durchaus noch auf die Unterstützung des Verbandes angewiesen. „Wir müssen immer noch für unsere Belange kämpfen“, betont Krolzik und nennt die aktuelle Corona-Pandemie als ein Beispiel.

Gerade jetzt gelte es, Sehende darauf aufmerksam zu machen, dass sie auf ihre blinden Mitmenschen achten. „Wir können ja zum Beispiel schlecht Abstand halten“, weist Krolzik auf ein grundsätzliches Problem blinder Menschen hin, die in der Öffentlichkeit in der Regel an einem weißen Stock zu erkennen sind. Deshalb komme es auf die Sehenden an, den gebotenen Abstand einzuhalten.

Unfall kostet Vorsitzenden als Kind das Augenlicht

Auch die vielen nicht barrierefreien Internetseiten hinderten Sehbehinderte daran, am Leben teilzuhaben. Dort stoße der Screenreader, eine Software, die Blinden und Sehbehinderten Inhalte von Computerbildschirmen vorlesen kann, oft an seine Grenzen, beschreibt Krolzik.

Arthur Krolzik selbst nutzt den Computer, um sich Bücher, aber auch andere Texte vorlesen zu lassen. Und er schreibt damit auch selbst Texte, erledigt Vorstandsarbeit für seinen Verein. Der heute 76-Jährige war bis zu seinem zehnten Lebensjahr ein fröhlicher Werdohler Junge – dann wurde er 1954 in Ütterlingsen Opfer eines Verkehrsunfalls. „Auf dem Anhänger eines Lastwagens ist wohl die Ladung verrutscht“, sagt er über den Moment, der sein Leben verändert hat.

40 Jahre als Telefonist gearbeitet

Mit Schädelbasisbruch und anderen Verletzungen wurde der Zehnjährige ins Krankenhaus eingeliefert. Als er aufwachte, konnte er seine Mutter nicht mehr erkennen. Die Ärzte stellten fest, dass seine Sehnerven zerstört waren.

Arthur Krolzik meisterte sein Leben dennoch, auch mit Hilfe des Blinden- und Sehbehindertenvereins, dem er acht Jahre nach seinem Unfall beigetreten ist. „Ich habe dann 40 Jahre bei der Firma Kracht als Telefonist gearbeitet. Dafür bin ich dankbar“, blickt Krolzik zurück.

Rückzug aus gesundheitlichen Gründen

Insgesamt 29 Jahre – von 1988 bis 2004 und dann noch einmal seit 2008 – hat Arthur Krolzik den Verein als Vorsitzender geführt. Neben ihm kümmern sich jetzt noch sein Stellvertreter Ulrich Kummetz und Beisitzerin Barbara Ringens, beide aus Neuenrade, um die Vorstandsarbeit. Krolzik hatte bei seiner letzten Wahl 2020 eigentlich angekündigt, weiterzumachen „bis in die Kiste“. Dieses Versprechen müsse er jetzt zurücknehmen. Nach einer Krebserkrankung fühle er sich nicht mehr dazu in der Lage.

Der Verein wird nun zum 31. März aufgelöst. Die acht übriggebliebenen Mitglieder schließen sich zum 1. April der Bezirksgruppe Lüdenscheid und Umgebung an, an die sich auch andere Hilfesuchende mit Sehproblemen wenden können. Die Lüdenscheider Organisation ist unter Tel. 0 23 51/5 65 87 und im Internet unter www.blindenverein-luedenscheid.de zu erreichen. Außerdem gibt es jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat eine Telefonberatung unter Telefon 0 23 51/9 74 35 78.

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