Wo einst die D-Mark rollte...

Am Schwarzenstein wurden 100 Jahre lang Münzen produziert

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Stadt- und Kreisarchiv verfügen über zahlreiche Dokumente aus der Firmengeschichte, die sie für diese Veröffentlichung zur Verfügung stellten. Diese Aufnahme dürfte die ehemalige Gießerei am linken Lenneufer zeigen.

Altena - Wo heute Birken aus eingefallenen Dächern wuchern, da wurde mehr als 100 Jahre lang das wohl wichtigste Kapitel der Altenaer Industriegeschichte geschrieben. Der Erwerb der Schwarzenstein-Brache durch die Stadt ist ein guter Grund, einen Blick auf die Firma Basse und Selve zu werfen, deren Firmensitz sich seit 1869 am Schwarzenstein befand.

Gegründet wurde das Unternehmen 1861. In Werdohl-Bärenstein wurden zunächst Messingdrähte und Messingknopfblech hergestellt. 1868 erwarb das Unternehmen das bereits bestehende Eisenwerk am Schwarzenstein. In der Ortschronik des Jahres 1958 beschreibt Hermann Voigt den Aufschwung, den das Unternehmen anschließend nahm – auch deshalb, weil man sich dort mit Münzen beschäftigte.

1871 wurde nämlich das Deutsche Reich gegründet – und damit auch das Münzwesen völlig neu geordnet. Nickel war ein wesentlicher Bestandteil der in Altena produzierten Münzrohlinge. Bei der Verhüttung fielen große Mengen Schlacke an, die per Seilbahn über die Lenne auf die „Aschenkippe“ am Breitenhagen befördert wurde.

Brache Schwarzenstein von oben: Spektakuläre Fotos einer Drohne

Eine ziemliche Dreckschleuder sei das Werk Schwarzenstein damals gewesen, schreibt Vogt und berichtet auch von anstehenden Klagen privater Grundstückseigentümer, die ihre Gärten nicht mehr nutzen konnten. In einem „Eingesandt“ (so hießen damals Leserbriefe) an das AK reagierte das Unternehmen auf seine Weise: Arbeitsplätze und damit Steuereinnahmen der Stadt seien gefährdet, wenn zu strikte Umweltauflagen gemacht würden. Da mutet es seltsam an, dass Firmeninhaber Gustav Selve Mitglied im Präsidium der Zentralstelle zur Bekämpfung der Tuberkulose war und mit einer immensen Summe den Bau einer Lungenheilstätte in Hellersen ermöglichte.

Geforscht wurde schon immer am Standort Altena. Heute noch findet man im Werk Linscheid das sogenannte „Schweißlabor“.

Neben den Münzen wurde am Schwarzenstein auch Neusilberblech hergestellt. Das brachte vor allem zu Kriegszeiten viel Geld ein, weil es zur Herstellung von Munition benötigt wurde.

In seinen Betrachtungen erklärt Voigt auch, warum er sich ausgerechnet im Jahr 1958 so eingehend mit der Firma VDM beschäftigte: Damals kam ein neues Zwei-Mark-Stück heraus, weil das bisherige sich größenmäßig nicht deutlich genug vom Markstück unterschied.

Da Automaten Schwierigkeiten hatten, diese neue Münze von manchen ausländischen Münzen, vor allem solchen mit niedrigerem Wert, zu unterscheiden, wurde das Zwei-Mark-Stück in den 1970er Jahren erneut ausgetauscht und die bis zum Ende der D-Mark gültige „Politiker-Serie“ aus dem Dreischichtenwerkstoff Magnimat, der bei VDM entwickelt worden war, eingeführt. Dabei ging es vor allem darum, einen Werkstoff zu finden, der „automatensicher“ war. Daran hatte nicht nur die Bundesbank ein Interesse: Münzrohlinge vom Schwarzenstein wurden auch im großen Umfang exportiert. Das beschreibt der ehemalige VDM-Mitarbeiter Horst Rinke in seinem Buch „Die Münze betreffend“, das man im Bestand der Stadtbücherei findet. Darin schildert Rinke übrigens auch, wie ausgediente Münzen im Wert von über 500 Millionen Mark im Werk Linscheid unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen eingeschmolzen wurden.

„Kriegsarbeit“ ist das Album von 1917 betitelt, aus dem diese Aufnahme stammt. Frauen arbeiteten aber auch in Friedenszeiten bei Basse und Selve. Deshalb wurde am Schwarzenstein schon 1885 eine Kleinkinderschule eingerichtet.

Zurück zum Schwarzenstein: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde aus der Firma Basse und Selve erst eine GmbH und wenig später eine Aktiengesellschaft. Es folgte die Inflation mit einem drastischen Rückgang der Münzproduktion. Wenig später schloss sich Basse und Selve mit zwei anderen Unternehmen zur Berg-Heckmann-Selve AG zusammen. 1930 folgte die nächste Fusion, die Vereinigten Deutschen Metallwerke (VDM) waren geboren. Hauptsitz des Unternehmens wurde Frankfurt am Main. VDM galt als größter Hersteller von Roh-, Halb- und Fertigerzeugnissen aus Nichteisenmetallen und -legierungen. Die Werke in Werdohl und Altena wurden als Zweigniederlassungen geführt, ihre besondere Kompetenz lag in Legierungen mit Anteilen von Kupfer, Nickel und Chrom – also in Edelstählen.

1977 wurden die Zweigniederlassungen Altena und Werdohl zum VDM-Geschäftsbereich Kupfer und Nickel zusammengeschlossen, Firmensitz wurde Werdohl. Neben der am Schwarzenstein ansässigen Verwaltung musste auch die Gießerei nach Werdohl umziehen. Am Schwarzenstein blieb lediglich ein sogenanntes Plattierwalzwerk – es sei technisch nicht möglich gewesen, die betagte Anlage nach Werdohl zu bringen, erinnert sich Horst Rinke. 1980 wurde das Werk Schwarzenstein endgültig geschlossen. VDM ist seither in Altena nur mit dem Werk Linscheid vertreten.

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