Billig aussehen ist ganz schön teuer

Kabarett und Comedy mit Senay Duzcu: Der rote Faden fehlt

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Senay Duzcu streifte in ihrem Programm (zu) viele Themenfelder.

Altena – Ging es jetzt um ADHS? Um türkischen Feminismus? Den Rechtsruck insbesondere im Osten? Oder doch um Schalke? Senay Duzcu, Kabarettistin mit türkischen Wurzeln, ließ am Samstag bei ihrem Auftritt in der Burg Holtzbrinck manchen Besucher etwas ratlos zurück, weil ihrem Programm über weite Strecken der rote Faden fehlte.

Wie deutsch kann/darf/muss eine Türkin sein? Das ist ein Thema, das durchaus Potenzial hat. Duzcu ließ das durchschimmern, als sie beschrieb, wie sie von beiden Seiten das Passende nimmt: „Die Türkin in mir kommt morgens zu spät zur Arbeit, die Deutsche in mir macht pünktlich Feierabend“. 

Zugute kam der Künstlerin hier ihre Herkunft – hätte ein deutscher Künstler geschildert, dass kopftuchtragende Türkinnen zwar Joggen gehen, um etwas für die schlanke Linie zu tun, vorher aber Butterbrote schmieren für den Fall eines Picknicks unterwegs, man hätte ihn wohl ausländerfeindlich gescholten. 

„Billig aussehen ist ganz schön teuer“

„Wir Türken sind auch Rassisten“, gesteht Duzcu frank und frei und macht sich über den sächsischen Akzent lustig: „Nazis, die so sprechen, die kann man doch nicht ernst nehmen“.  

Thema Schönheitswahn: Duzcu schildert, dass eine Bekannte Geld für Schönheitsoperationen, viel Schminke, bauchfreie Kleider und Miniröcke ausgibt – „billig aussehen ist ganz schön teuer“. Was natürlich nicht bedeutet, dass sie selbst nicht auch auf ihr Outfit achtet. 

Das ist auch dringend nötig, ist sie doch (sehr zum Kummer ihres Vaters, der inzwischen sogar einen deutschen Schwiegersohn akzeptieren würde) noch unverheiratet. Bis zur Hochzeit muss sie gut aussehen, weiß Duzcu – „danach kannst Du dick werden“. 

Natürlich ist das Programm nicht frei von dem ein oder anderen netten Gag. Fastfood kaufen, aber Kochshows gucken – das nimmt die Kabarettistin auf die Schippe und schildert das Erstaunen ihrer anatolischen Großmutter, die sich über Fernsehköche wundert – „warum kocht dieser Mann? Ist seine Frau gestorben?“ 

Grenzen zwischen Kunst und Klamauk verschwammen

Ansonsten ist Omas Weltbild sehr gefestigt: „Erst kommt Allah, dann kommt der Studierte“ – und der muss sich unabhängig von der Fachrichtung grundsätzlich in allen Gesundheitsfragen auskennen. Völlig ohne Not und ziemlich abrupt wendet sich die Künstlerin gegen Ende ihres Programms einem weiteren Thema zu und lässt sich über ADHS aus.

Das Publikum hatte durchaus seinen Spaß.

Das bekommen Kinder, die auf der Waschmaschine gezeugt werden, erklärt sie, was mindestens ebenso peinlich ist wie ihre Zugabe, bei der sie einen Zuschauer nötigt, zu den Klängen des Village People-Songs YMCA in bester Waldorf-Manier die Buchstaben ADHS zu tanzen. 

Bleibt nur zu hoffen, dass der tanzende Uwe vorgewarnt war und wusste, was er tat, als er sich auf die Bühne bitten ließ. Die Grenzen zwischen Kunst und Klamauk verschwammen hier, was im Grunde für das ganze Programm galt – Comedy und Kabarett unter einen Hut zu bekommen, ist eben alles andere als einfach. 

Senay Duzcu hatte nicht das Format, diesen Spagat hinzubekommen. Sei es drum: Kabarett hat einen hohen Stellenwert im Programm des Altenaer Kulturrings, der schon viele erstklassige Künstler nach Altena geholt hat und sicherlich noch holen wird. Dass da mal eine einzige Veranstaltung keine Offenbarung ist, das kann man wohl verschmerzen.

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