BGA-Schüler Lukas Grass erhält Auszeichnung der Dr.-Hans-Riegel-Stiftung

Mathearbeit ohne Zahlen

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Lukas Grass mit seiner Auszeichnung.

Altena - Lukas Grass ist Schüler des Burggymnasiums. Im Februar schrieb der 17-Jährige seine Facharbeit in Mathematik. Was dann passierte, hätte sich der angehende Abiturient nicht träumen lassen. Vor wenigen Tagen wurde er durch die Dr.-Hans-Riegel-Stiftung ausgezeichnet. Seine Mathe-Facharbeit setzte sich gegen viele andere aus weiten Teilen NRWs durch und räumte Platz drei ab – obwohl sie außer ein paar Prozentangaben kaum Zahlen enthält.

Es ist noch nicht lange her, dass Lukas Grass mit seinen Eltern einen Besuch in Düsseldorf machte. An der Heinrich-Heine-Universität erhielt der 17-Jährige eine Auszeichnung der Dr.-Hans-Riegel-Stiftung. Für seine herausragende Facharbeit in Mathematik ehrte die Stiftung den jungen Altenaer, der es selbst kaum fassen konnte. Eine Facharbeit ist eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Thema, die Schüler eigenständig erarbeiten müssen. Sie kann in einem beliebigen Fach geschrieben werden, das schriftlich belegt ist und ersetzt eine Klausur in der elften Klasse. Mathelehrer Hasan Usta, unter dessen Anleitung Lukas die Arbeit schrieb: Mächtig stolz auf seinen Schüler und das Ergebnis.

Ebenso Lukas’ Eltern und Großeltern, die ihn unterstützten. Sein Großvater war selbst einst Lehrer am BGA. Im Gespräch mit Maximilian Birke spricht Lukas Grass über seinen Weg zum Erfolg. Herr Grass, Mathematik ist für einen großen Teil der Schüler wohl nicht die erste Wahl für die Facharbeit. Wie kam es dazu, dass Sie ausgerechnet dieses Fach gewählt haben? In der Mathematik hat man oft das Problem, dass man an Zahlen und Variablen gebunden ist. Ich habe von vornherein gesagt, dass ich gerne etwas anderes machen möchte. Ich bin auch biologisch sehr interessiert und kam dadurch auf die Idee, einen Zusammenhang zwischen der Biologie beziehungsweise Medizin und der Mathematik herzustellen. Dabei fiel mir die Dyskalkulie ein, eine Funktionsstörung, mit der ich mich auseinandergesetzt habe. „Dyskalkulie – Das defekte Rechenzentrum? Und wie es zu enttarnen ist“ lautet der Titel der Facharbeit.

Mit welchem speziellen Bereich der Dyskalkulie haben Sie sich auseinandergesetzt? Was ist der Kern der Facharbeit? Die Dyskalkulie kann man sich vorstellen wie eine Art Lese-/Rechtschreibschwäche – nur eben in der Mathematik. Sie führt dazu, dass Kinder Probleme damit haben, Zahlen zu erkennen, sie richtig zu lesen und mit ihnen zu operieren. Ganz viele Eltern schieben das auf die Lehrer und meinen, dass den Kindern nicht richtig beigebracht würde zu rechnen. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter aber etwas ganz anderes. Genau darum geht es in meiner Facharbeit: zu klären, warum Kinder so eine Schwäche haben und was wirklich dahinter stecken könnte. Das klingt erst einmal sehr komplex und wenig greifbar. Wie sind Sie an dieses Thema herangegangen? Ich habe mich dem Thema praktisch angenähert und bei einer fünften Klasse des Burggymnasiums einen Test durchgeführt. Sich selbstständig eine sinnvolle Herangehensweise zu überlegen, ist für eine Facharbeit nämlich immer ein wichtiger Aspekt, der auch mit in die Bewertung einfließt. Den Mathetest für die Fünfer habe ich selbst vorbereitet, auch einen ordentlichen Erwartungshorizont. Mein Opa hat mir dabei geholfen. Wie kann man sich diesen Test vorstellen? Im Grunde bestand der Test größtenteils aus typischen Fragen, die man auch bei einem Dyskalkulie-Test abfragt. Meine Überlegung war: Wenn der Test ein entsprechendes Ergebnis liefert, könnte man theoretisch darauf schließen, dass eventuell bei einigen Schülern eine Form der Dyskalkulie vorliegt. Man sagt – ohne einen Anspruch auf Richtigkeit – dass ungefähr ein bis zwei Kinder pro Klasse ein Matheproblem haben. Das muss gar nicht immer richtig auffallen, denn es können auch ganz banale Probleme sein. Es ist selten der Fall, dass jemand überhaupt nicht rechnen kann.

 Und welches Ergebnis lieferte dieser Test bei den Fünfern des BGA? Erst mal war es wirklich sehr schön, dass wirklich alle den Test mitgemacht und die Aufgaben größtenteils gelöst haben. Nur bei manchen war es so, dass sie ein Thema noch nicht bearbeitet und deshalb Probleme hatten. Das Gesamtergebnis war leider nicht ganz so erfreulich, um es vorsichtig zu formulieren. Die Noten, die ich zum besseren Verständnis ausgerechnet habe, lagen eher im unteren Bereich zwischen drei und vier. Was sagt dieses Ergebnis aus? Wie sind Sie nach der Auswertung des Tests weiter vorgegangen? Mir schossen erst einmal ganz viele Fragen in den Kopf: Liegt dieses Ergebnis an mir? Waren die Fragen zu schwer? Liegt es an den Schülerinnen und Schülern? Liegt es daran, dass ihnen Mathematik nicht richtig beigebracht wurde? Es ging schlussendlich darum, das Testergebnis irgendwie in einen Zusammenhang zu bringen und zu erklären. Ich habe ausgerechnet, dass man aufgrund des Ergebnisses keine Aussage treffen kann.

Man kann nicht sagen, bloß weil eine Klasse schlecht ist, haben automatisch alle Dyskalkulie. Das wäre ja völliger Quatsch. Wie brachte Sie diese Erkenntnis in Bezug auf die Facharbeit weiter? Es gibt keinen zwangsläufigen Zusammenhang zwischen den schlechten Noten in Mathe und Dyskalkulie. Das kann man daraus ableiten und das ist auch der Kernpunkt meiner Facharbeit. Zum Vergleich: Wenn ich huste, habe ich ja auch nicht zwangsläufig einen Lungentumor. Genauso wie beim Husten ist es auch bei der Dyskalkulie wichtig, die Symptome differenziert zu betrachten. Man muss verschiedene neurologische und andere medizinische Untersuchungen machen. Hat die fünfte Klasse zu dem Test noch eine Rückmeldung bekommen? Nein. Das war der zeitlichen Abfolge mit Corona geschuldet. Ich habe die Facharbeit im Februar geschrieben und wie ja bekannt ist, schlossen die Schulen im März. Anfang März habe ich meine Arbeit noch gerade rechtzeitig zurückbekommen. Aber Zeit, der Klasse das Ergebnis reflektiert zu kommunizieren, war dann nicht mehr. Außerdem wäre das auch datenschutztechnisch schwierig geworden, weil ich keine Lehrperson bin. Was gab es sonst noch für Quellen, die Sie für Ihre Facharbeit genutzt haben? Der wichtigste Punkt, um eine gute Note in der Facharbeit zu erreichen ist schon der Selbstständigkeitsaspekt und demnach der Test, den ich mit den Fünfern gemacht habe. Natürlich reicht das aber nicht allein. Man muss auch andere Quellen heranziehen, empirische Forschung betreiben.

Man muss die Fachliteratur durchstöbern und sich einfach umfassend zu dem Thema informieren, um Vergleiche ziehen zu können. Ich habe zusätzlich noch mit einem Experten gesprochen, der schon mal ein Interview zum Thema Dyskalkulie gegeben hatte. Wie ging es weiter, als die Facharbeit fertig geschrieben und benotet war? Wie kam die Dr.-Hans-Riegel-Stiftung ins Spiel? Über Instagram bin ich zufällig auf die Stiftung aufmerksam geworden. Dort gab es eine Anzeige, in der es hieß, man könne Preise für seine Facharbeit gewinnen. Beim ersten Mal habe ich nicht weiter darüber nachgedacht und das einfach ignoriert. Es wurde mir dann aber immer wieder vorgeschlagen, deshalb habe ich mich irgendwann entschlossen es auszuprobieren. Mein Ergebnis am BGA war ja sehr gut. Ich bekam eine eins plus, das sind 15 Punkte. Die Bewertung des Lehrers war für die Teilnahme allerdings völlig unerheblich und man sollte die Facharbeit ohne Bewertungsbogen einschicken. Man musste nur einen Teilnahmebogen ausfüllen, die Facharbeit noch einmal ausdrucken und dann bei-des nach Düsseldorf schicken. Sogar die Uni war vorgeschrieben: Für den Märkischen Kreis war es die Heinrich-Heine-Universität. Und dann begann das große Zittern? Tatsächlich war es so, dass nach der Einsendung Wochen und Monate vergingen. Irgendwann dachte ich schon, es käme gar nichts mehr und dass ich nicht gewonnen hätte. Anfang August gab es eine kurze Nachricht, dass es dieses Jahr länger dauern würde, weil auch der Einsendeschluss verlängert wurde. Erst nachdem die Schule und das neue Schuljahr wieder gestartet waren, als ich eigentlich schon gar nicht mehr daran dachte, bekam ich die Nachricht, dass ich in Mathematik den dritten Platz gewonnen habe. Das hat mich natürlich total gefreut. Was war das für ein Gefühl bei der Siegerehrung? Die Preisverleihung war sehr schön.

Toll war, dass zu allen ausgezeichneten Facharbeiten einige Worte gesagt wurden. Bei mir wurde zum Beispiel noch einmal erwähnt, dass mein Thema mit dem mathematischen Operieren an sich nicht viel zu tun hatte. Und das sei daran auch genau das Besondere gewesen. Es war wirklich ein sehr schöner Tag in Düsseldorf. Mit welchem Preis hat die Stiftung Sie dann schlussendlich bedacht? Auf den dritten Platz war ein Preisgeld von 200 Euro ausgeschrieben. Haben Sie schon Pläne, was Sie mit diesem Geld machen wollen? Wenn ich einen Studienplatz bekomme, möchte ich nach meinem Abitur gerne Medizin studieren. Auch wenn ich natürlich weiß, dass es kein einfacher Weg ist. Die Facharbeit mit dem tollen Ergebnis hat mich aber darin bestätigt, dass ich mich wirklich für den Bereich interessiere. Und sie hat mich auch punktetechnisch für mein Abi voran gebracht. Für das Medizinstudium oder für ein Lehramtsstudium, das mich auch interessiert, möchte ich mir die 200 Euro Preisgeld als Startkapital beiseite legen.

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