Neuer Job im Ruhrgebiet

Besuch beim Ex-Bürgermeister: Andreas Hollstein wechselt die Seiten

Altenas früherer Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein
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Altenas früherer Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein in seinem Haus in Altena.

Nach der verlorenen OB-Wahl in Dortmund hielt sich Altenas früherer Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein zunächst sehr bedeckt, wenn es um seine Zukunft ging. Nun hat der 58-Jährige eine neue Stelle angetreten. Er wechselte nach 21 Jahren im Rathaus in die Wirtschaft – und ging unter die Autoren.

Altena – Einen Schutzhelm muss Dr. Andreas Hollstein in seiner neuen beruflichen Tätigkeit nicht tragen. Aber ein solcher Helm schmückt seine Visitenkarte und ist damit eine visuelle Anspielung auf den neuen Führungsposten, den Altenas langjähriger CDU-Bürgermeister (1999 bis 2020) zum 1. Juni angetreten hat: Der 58-Jährige ist Geschäftsführer der Deutsche Arbeitsschutz GmbH (DAS), die erst kürzlich ihren Stamm-Sitz von Hamburg nach Herne, mitten ins Ruhrgebiet, verlegt hat.

Das Unternehmen wurde 2020 als Start-Up-Digital-Unternehmen gegründet. Die Idee: Die gesetzlichen Vorgaben des Arbeitsschutzes digital zu lösen. Denn das Gesetz schreibt nicht vor, ob die Arbeitssicherheit in Unternehmen oder Verwaltungen analog oder digital geleistet wird. Hollstein, der nach einem Messerangriff in Altena bundesweite Bekanntheit erlangte, gefiel das Umfeld und die Möglichkeiten, die sich nach seiner Meinung auf diesem Markt auftun.

SPD-Minister „stupst“ CDU-Mann in neuen Job

„Den digitalen Lösungen gehört, gerade nach Corona, die Zukunft. So werden die Kosten der per Gesetz vorgegebenen Arbeitssicherheitsvorschriften gesenkt und gleichzeitig der Zugang für jedes Unternehmen und für jeden Arbeitnehmer deutlich erleichtert.“

Ausgerechnet ein SPD-Politiker, nämlich Bundes-Arbeitsminister Hubertus Heil, „stupste“ Hollstein in dieses neue Aufgabengebiet in der Wirtschaft. Denn das vom Sozialdemokraten geführte Bundesministerium erließ 2015 ein neues Arbeitsschutzgesetz. Während der Corona-Pandemie kamen aus seinem Ministerium weitere entscheidende Gesetzesvorlagen und Erlasse. Im Fokus des seit 2021 geltenden modifizierten Mitbestimmungsstärkungsgesetzes: das Arbeiten im Homeoffice. Ein in der Corona-Pandemie zentrales Thema, weil die Wirtschaft handlungsfähig bleiben musste.

Corona und Homeoffice: Arbeitsschutz gilt auch zuhause

Hollstein sagt: „Krisen sind, das kenne ich aus jahrzehntelanger Verwaltungs-Erfahrung, immer Herausforderung und Chance zugleich.“ Genau da setze die DAS und ihre Produkthäuser mit dem Angebot der Digitalisierung von Prozessen und Dienstleistungen an. „Das eröffnet Lösungen und Erleichterungen für Großkunden aus Industrie und Banken, Versicherungen, aber auch kleinen Handwerksbetrieben zugleich.“

Heute müsse sich der Arbeitsalltag, auch Zuhause im Homeoffice, mehr denn je im Gleichklang vieler gesetzlicher Vorgaben, der Bedürfnisse von Betriebs- und Personalräten und den Unternehmensleitungen bewegen. Stets gelte: „Gesundheit ist das Wichtigste, auch bei der täglichen Arbeit zuhause.“ Denn: „Arbeitsschutz gilt nicht nur im Büro.“

Neuer Arbeitsplatz, alte Bekannte

Rückenprobleme, Verspannungen, Arbeitsbelastung und Dauerstress: Auch im Homeoffice trage ein Arbeitgeber immer die gesetzliche Verantwortung für die Sicherheit und Gesundheit seines Mitarbeiters. Hollstein erinnert in diesem Zusammenhang beispielhaft an Bildschirm-Arbeitsplätze, die ergonomisch ausgestaltet und richtig beleuchtet sein sollten. Aber viele Arbeitnehmer säßen vermutlich einfach am Küchentisch oder irgendwie in einer schlecht ausgeleuchteten Zimmerecke.

Im Sprichwort heißt es so schön: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben. Das gilt auch für Hollstein. Ein Stockwerk unter ihm arbeitet Heinrich Böckelühr, der ehemalige Bürgermeister aus Schwerte. Er ist als Direktor des Gemeindeprüfungsamtes tätig und war früher auch häufiger Gast im Rathaus von Altena. „Wir haben schon einen Kaffee zusammen getrunken.“ Aber auch bei der DAS hat Hollstein ein bekanntes Gesicht erblickt – nämlich Professor Dr. Jürgen Gramke. Der war einmal Stadtdirektor in Altena. Heute ist er Beiratsvorsitzender der DAS.

Auszeit zum Heimwerken, Sortieren, Schreiben

Warum der frühere Bürgermeister ausgerechnet diesen Job antrat? „Die Wirtschaft reizt mich.“ Nach Jahren im diplomatischen Dienst als Abteilungsleiter der Botschaft Litauens, als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten in Berlin und als Verwaltungschef „fehlte mir dieses Puzzleteilchen in meiner Vita noch irgendwie“.

Seit dem 31. Oktober 2020, als seine Amtszeit als Bürgermeister in Altena endete, nahm sich der vierfache Familienvater „zunächst eine bewusste Auszeit“. Er nutzte sie zum Heimwerken, zum ,zu sich kommen, neu sortieren wie man so schön sagt“ und schrieb sogar einen Krimi in dieser Zeit. „Ich wollte immer mal testen, ob ich schreiben kann. Das Werk ist fast fertig“, sagt er und hat nach 140 Seiten nun nur noch das Schlusskapitel vor sich. „Aber das wird, das wird“, blickt er voller Zuversicht nach vorn.

Hollstein: „Ich wollte etwas völlig Anderes machen“

Headhunter, die quer durch die Republik reisen und sich um die qualifizierte Besetzung von vakanten Führungs- und Schlüsselpositionen in Unternehmen kümmern, hatten während dieser Zeit mehrfach bei Dr. Andreas Hollstein angeklopft. „Ich hatte beispielsweise Offerten, in anderen Bundesländern Bürgermeister zu werden. Angeboten wurden mir auch Beigeordnetenstellen in größeren Verwaltungen, auch in NRW. Durchaus reizvoll. Sicher. Aber ich weiß, Verwaltung kann ich. Ich wollte etwas Neues, etwas völlig Anderes machen. Ich halte mich schon für kreativ und bin eine Person, die es liebt, Herausforderungen zu suchen und anzunehmen, bewusst zu gestalten und eben nicht nur Aufgaben auszuführen oder nach Anweisung abzuarbeiten. Da kam dann das Angebot der DAS zur richtigen Zeit“, sagt der gebürtige Burgstädter, der nach wie vor in Altena wohnt.

Kein Kommentar zur Kommunalpolitik

Der Privatmann Hollstein hat sich aus allen Vorstandsposten von Vereinen und Verbänden in Altena zurückgezogen. Im September folgt noch das Ausscheiden beim Kulturing. „Ich liebe die Stadt nach wie vor, möchte aber keine Kommentare zur Kommunalpolitik abgeben müssen. Die sollen in Ruhe mal machen. Daran halte ich mich.“

Hollstein hält aber häufig Vorträge. Unter anderem für die Bundeszentrale für politische Bildung. Er schreibt aktuell an einen Beitrag für ein neues Buch, das Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier herausgeben wird und lernt intensiv die französische Sprache. Die Erzdiözese Paderborn berief ihn jetzt zum Stiftungsvorstand von „BeneVolens“, einem Gremium, das sich um Chancengerechtigkeit von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen kümmert.

Viele Posten behalten

Zusätzlich ist er in die Arbeit des Sozialinstitutes der Erzdiözese in Dortmund eingebunden. Hollstein arbeitet als Vertreter des Landes NRW auch weiterhin im Beirat der Stiftung Entwicklung und Frieden in Bonn mit und gehört weiteren Gremien an. „Ich war und bin Netzwerker. Das möchte ich auch bleiben“, sagt der 58-Jährige. Nach der verpassten Wahl zum Oberbürgermeister von Dortmund ist der Kontakt zur CDU dort geblieben. „Da sind viele Kontakte und Freundschaften entstanden. Und ich finde, Dortmund ist eine der spannendsten Großstädte.“

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