Kunst Werk: Figurengruppe wird sich ständig verändern

Jeanette Eberling benutzt originale Accessoires. - Fotos: Bonnekoh

Altena - Man sieht förmlich, wie die alte Dame ihr Gegenüber in den Blick nimmt und zuhört. „Mir ist wichtig, meine Figuren so authentisch wie möglich zu gestalten“, sagt Jeanette Eberling. Das ist ihr mit dieser Puppe – einer von vielen Senioren, die zurzeit an einer illustren und mit viel Liebe zum Detail gedeckten Kaffeetafel im Schaufenster des Kunst Werk sitzen, sehr gut gelungen.

„Vorlagen habe ich nicht. Ich mag schöne Gesichter: Ohren, groß und klein, abstehend und anliegend, Mund und Falten“, sagt die 58-Jährige und lacht. „Die Figuren, die jetzt im Fenster an der Lennestraße als Blickfang fungieren, werden nicht so bleiben.“ Eberling plant, sie zu Karneval ein wenig umzugruppieren. „Die Damen bekommen einen Likör in die Hand, die Herren Narrenkappen auf.“ Zu viel will die Dahlerin aber nicht verraten, denn auch Kartoffeln schälen sollen die Frauen noch und „die Männer später Bratkartoffel mit Ei serviert bekommen.“

Es reize sie, die Wirklichkeit in Puppen abzubilden, sagt die Frau. Vorbilder? Ideengeber? oder alles Bauchgefühl und Inspiration? Ihr Alltag biete ihr täglich eine Fülle von Anregungen sagt sie und beschwichtigt gleichzeitig. Nein, niemand müsse fürchten, in Gips oder Beton – das sind im Grunde die „Zutaten“ ihrer fast menschengroßen Puppenköpfe, abgebildet zu werden. „Gedankenblitze kommen mir immer wieder, wenn ich mit lieben Menschen in Dahle in Kontakt komme, zum Beispiel als Mitarbeiterin einer Evingser Apotheke.“ Am Wochenende fiel ihr beim Lesen des Kreisblattes eine ältere Dame auf, die unglaublich interessant geschaut habe und eine Cola-Dose zum Mund führte. „Die, genau die, werde ich einmal als Puppe bauen“, hat sie sich vorgenommen. Auch hier faszinierte sie in erster Linie das „Lebensgesicht“, wie es Jeanette Eberling ausdrückt. „Die Falten, die so viel Charme ausdrücken. Ich finde, das ganze Gesicht ist einfach nur schön.“

Altpapier, Gips, Beton und ein scharfes Schälmesser 

Draht, Pappmaché, Zeitungspapier, herkömmlicher Tapetenkleber, Altpapier, später Gips für den Kopf oder Beton und ein scharfes Schälmesser: Das reicht der erfahrenen Puppenmacherin schon aus, um ihre Skulpturen zu erschaffen. Halt, da wäre natürlich noch Farbe und ein fast fotografisches Gedächtnis. „Wie gesagt: Ich arbeite nicht mit oder nach Vorlagen. Aber es kommt vor, dass ich alles fertig habe, nur der Kopf gefällt mir nicht. Dann kommt der Hammer und der nächste und nächste Versuch folgen.“

Enkeltochter Charlotte durfte ihr schon mal Modell stehen. Nicht im bildlichen Sinne, sondern als Studiumobjekt. „Das Kind, das vor der Seniorenrunde im Kunst Werk auf der Erde liegt und spielt, hat die Füße übereinander geschlagen. Ich habe sie gebeten, ,mach das mal, ich möchte das so natürlich wie möglich abbilden’“. Glasaugen, Haare aus Hanf, eine Brille, gut sitzende Kleidung, Schuhe – jedes Detail ist der Künstlerin wichtig. Allerdings ist sie dazu übergegangen, die Hände ihrer Puppen „etwas grobschlächtiger zu gestalten. Die Menschen fassen alles an. Ich war nur noch mit dem Reparieren beschäftigt.“

Lustige Geschichten mit ihren Puppen erlebt

Geschichten hat die 58-Jährige schon viele mit ihren Puppen erlebt. So erschraken sich Besucher in ihrem Heim in Dahle schon öfter vor den lebensechten Puppen-Personen, wenn sie sie einfach an den Wohnzimmertisch gesetzt hatte.

Einmal führte sie einen Badbesucher an der Nase herum. Als der die Tür öffnete und dachte, da ist schon jemand im Nassraum, hätte er sich sichtlich erschrocken. Oder die Sache mit dem Hobbit – Altenas Hobby-Kunstpreis. Den gewann die Dahlerin 1999 – natürlich mit einer Figur. „Die haben wir damals per Rollstuhl in die Burg Holtzbrinck gebracht, weil sie zu schwer war. Da hat mir ein Mann auf die Schulter geklopft und gesagt: ,Hier sind sie falsch. Das Ellen-Scheuner-Haus ist gegenüber’“, muss Jeanette Eberling noch heute schmunzeln. Angeeckt ist sie mit ihren „Lieblingen“ noch nie. Außer einmal in Dahle. Als sie einen lebensechten Bettler vor die Türe eines Geschäftsmannes mit dessen Einverständnis gesetzt hatte, gab es Beschwerden. Als man im Laden nur gelacht habe, war der Motzer dann später sogar ein wenig beschämt.

Übrigens: Der pfeifenrauchende Mann im Schaufenster von Kunst Werk verdient unbedingt den zweiten Blick. Ein Zahnarzt schenkte der Künstlerin kürzlich eine kleine Zahnkrone mit Goldfassung. Die trägt die Figur jetzt gut sichtbar im Mund. Ab und zu raucht die Puppe auch – kleine Räuchermänner-Patronen machen’s möglich. Authentischer geht’s nicht.

von Johannes Bonnekoh

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