Einzelhandel flucht über neue Finanzamtsvorgaben

Die Zeiten der Analog-Waagen und Kassen ohne Computer-Software dürfte für die meisten Einzelhändler vorbei sein. „Alternativ müsste ein Gemüsehändler jede verkaufte Tomate schriftlich notieren und die Liste dem Finanzamt vorlegen. Foto: Hornemann

Altena - Bernd Vogel ist ein geschätzter und beliebter Mann in Altena, doch in jüngster Zeit hat er seine Kunden oft fluchen gehört: Sie müssen ihre Registrierkassen und Waagen mit einer Software ausstatten, die sämtliche Verkäufe der vergangenen zehn Jahre fürs Finanzamt nachvollziehbar macht. Bei manchen Geschäftsinhabern reicht es, eine aktuelle Software aufzuspielen. „Andere, insbesondere die Waagen-Kunden, müssen im Einzelfall Geld im Wert eines Kleinwagens investieren.“

„Ich hab inzwischen fast alle Geschäfte rund um den Markaner durch“, erklärt der Bizerba-Handelsvertreter Bernd Vogel. Etwa 50 Prozent seiner Kunden hat er die vom Bundesfinanzministerium vorgeschriebene Software aufgespielt, die Hälfte brauchte neue Kassen und gegebenenfalls Waagen, was je nach Bedarf richtig teuer werden kann. „Die Alternative wäre eine handschriftliche Liste neben der Kasse, auf der jede einzelne Tomate oder Schraube nebst Einzelpreis, Datum, Uhrzeit und Verkäufer notiert wird.“

Seit Ende 2016 sind alle Unternehmer mit Bargeldverkehr in der Plicht, dem Finanzamt diese Daten rückwirkend auf zehn Jahre zu übermitteln. „Es war eine lange Übergangsfrist gesetzt worden, vielleicht zu lang. Viele Betroffene haben gedacht, sie hätten noch Zeit und haben nun Post von ihren Steuerberatern bekommen mit der Aufforderung, flott umzurüsten“, erklärt Bernd Vogel.

In zwei Jahren werde das Gesetz noch einmal verschärft: „Dann will das Finanzamt auch sämtliche Programm- und Preisänderungen sehen und die Statusänderungen von Verkäufern. Ab 2020 müssen auch noch die Kontrolldateien übermittelt werden. Wer sich jetzt noch nicht mit der aktuellen Software eingedeckt hat, muss dann noch einmal nachrüsten.“

Bislang gaben sich die Ämter mit den Kontrollbons der Registrierkassen zufrieden. Aus der Verordnung zur Aufbewahrung digitaler Unterlagen bei Bargeschäften ist ein Gesetz geworden, um das der Einzelhandel kaum herumkommt. „Wenn die genauen Umsatzposten nicht nachgewiesen werden können, droht eine Schätzung. Die muss grundsätzlich höher ausfallen als die realistisch zu erwartenden Steuereinnahmen, da der größtmögliche Steueranteil erwirtschaftet werden soll. Das wollen natürlich viele Geschäftsinhaber vermeiden, weshalb meine Branche aktuell gut zu tun hat“, erklärt Bernd Vogel.

Das Kassen- und Waagenwesen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert, weiß der Bizerba- und Multidatavertreter. Schon seine Mutter war seit 1938 für Bizerba tätig, der Vater selbst Handelsvertreter dieser Firma. „Anfang der 80er Jahre bin ich dann ins elterliche Geschäft eingestiegen und habe es dann übernommen. Durch die Gebietsvertretungen gibt es nicht so viele Fachhändler und das Einzugsgebiet ist recht groß“, erklärt der Altenaer.

Der Beruf ist interessant und spannend, obwohl er ihn erst gar nicht ergreifen wollte: „Gelernt habe ich Elektromechaniker“. Das kommt Bernd Vogel noch heute zugute, denn mit mechanisch-analogen Systemen hat er so gut wie nichts mehr zu tun. „Ohne Digitalisierung läuft nichts mehr, deshalb bin ich ja auch viel unterwegs. Die Zeiten, in denen mir mal eine Waage oder Kasse in die Werkstatt gebracht worden ist, sind vorbei. Die hängen ja heute alle an einem komplexen Computernetzwerk, das man nicht ohne Weiteres trennen kann.“

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