MK-Alpinisten balancieren über Traumlinie mit 500 Metern Luft unter den Bergstiefeln

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Nichts für schwache Nerven: Volker Heyn klettert über den Verbindungsgrat der 4294 Meter hohen Lenzspitze ins Joch ab, der Weg zum 4327 Meter hohen Nadelhorn ist noch weit.

Die beiden Alpinisten Volker Heyn aus Altena und Martin Aßhauer aus Lüdenscheid haben Ende September mit der Überschreitung des Verbindungsgrates Höhe zwischen Lenzspitze und Nadelhorn auf rund 4300 Metern eine echte Traumlinie vollendet. Quasi nebenbei waren sie noch auf der Aiguille de la Tsa und dem Zinalrothorn. Festhalten, hier kommt ihr schwindelfreier Bericht: 

Altena/Lüdenscheid – Meine Bewegungen sind verlangsamt. Jeder Griff in den scharfkantigen Gneis, jeder Tritt auf kleine Leisten ist anstrengend. Einatmen, zupacken, ausatmen, Griffe und Tritte suchen, gut zehn Stunden schon. Das Herz pumpt. In den Ohren rauscht das Blut. Vor uns taucht ein haushoher Gratturm auf, und dann noch einer. Immer noch nicht der Gipfel. Doch, jetzt: Der Höhenmesser zeigt 4327 Meter. Kamerad Martin reicht mir die Hand, der höchste Punkt ist erreicht. Adrenalin und Dankbarkeit durchströmen mich.

Mischabel haben die Walliser Bergbauern zu den drei Gipfeln nebeneinander gesagt: Mistgabel. Aus der Ferne bilden die drei Bergriesen oberhalb von Randa, Täsch und Saas-Fee die zweithöchste Gebirgskette der Schweiz. Der mittlere Zacken ist der höchste: Den Dom mit 4545 Metern bestiegen die beiden Alpinisten Martin Aßhauer aus Lüdenscheid und Volker Heyn aus Altena schon vor einigen Jahren. Beim Aufstieg über den teils vereisten Festigrat auf den Dom waren die beiden Männer noch relativ unbedarft an die Bergsteigerei herangegangen.

Ein Blick zum Matterhorn gegenüber.

Mit den Jahren wuchsen Erfahrung und Leistungsfähigkeit. Immer besseres und vor allem immer leichteres Material erleichtert die Mühen. Um 13 und mehr Stunden konzentriert unterwegs zu sein, bedarf es mehr als nur einer gewissen Grundfitness. Und mit Mitte fünfzig wird es nicht gerade leichter, sich für die dünne Luft in über 4000 Metern Höhe zu akklimatisieren. Als Bergsteiger und natürlich genauso auch als Bergsteigerin muss eine gewisse Leidensfähigkeit vorhanden sein, sonst bleiben Europas höchste Gipfel unerreicht.

Überall Berge, steile Abbrüche, Fels, Schnee und Eis: Die Natur oberhalb von 4000 Metern ist eher menschenfeindlich. Heyn klettert hier am Zinalrothorn.

Doch zurück zur Mistgabel: Der Dom war gemacht, ein paar Jahre später besuchten Aßhauer und Heyn das Täschhorn mit 4491 Metern. Das Täschhorn ist ein ganz anderes Kaliber als der größtenteils über Gletscher und Firn zu erreichende Dom. Die linke Zacke der „Mistgabel“ ist unter anderem vom 3847 Meter hoch gelegenen Mischabeljochbiwak aus zu erreichen. Schon allein der Zustieg zu dieser an die Felswand geklebten Blechdose ist tagesfüllend. Das Täschhorn selbst ist über einen vorwiegend felsigen Klettergrat zu erreichen, von spektakulären Firnschneiden unterbrochen.

Die Freude über den Gipfelerfolg ist den beiden Bergsteigern in den Gesichtern abzulesen.

Heyn und Aßhauer fehlte also der schwierigste Gipfel der Mischabel, die Lenzspitze. Der Normalweg über den Ost-Nordost-Grat auf den Gipfel von der 3340 Meter hoch gelegenen Mischabelhütte ist eine reine Kletterlinie, die direkt am Blockgrat hinter der Hütte beginnt. Doch beim Südlenz, wie der Berg früher einmal hieß, ist der Abstieg nicht über den Aufstiegsweg zu machen. Vom Gipfel der Lenzspitze führt ein Verbindungsgrat auf rund 4300 Metern hinüber zum nur etwas höheren Nadelhorn. Von dort, das wussten Aßhauer und Heyn von einem früheren Besuch, geht es einfach über Firn und Gletscher hinab und zurück zur Hütte.

Die markante Aiguille de la Tas wurde zur Akklimatisation von Heyn und Aßhauer mitgenommen. 

3:30 zeigt die Armbanduhr, natürlich ein modernes GPS-Gerät. Müsli, Marmeladenbrot und Kaffee runterwürgen, im Licht der Stirnlampen geht es direkt von der Hütte aus steil nach oben. Der Puls ist auf Anschlag, mit den beiden Sauerländern sind wenige Seilschaften unterwegs, die „nur“ aufs Nadelhorn wollen. Schnell trennen sich die Wege, Aßhauer und Heyn sind jetzt ganz allein an diesem Tag an der Lenzspitze unterwegs. Ein Traumtag. Optimale Bedingungen: Trockener Fels, stabiles Wetter, Sonne. Doch die ersten Stunden vor Sonnenaufgang sind tückisch. Die Finsternis ist zehrend, schnell kann man sich verirren an diesem unübersichtlich großen Steinhaufen.

Ein wenig Schaulaufen gehört auch dazu: Martin Aßhauer nimmt das besonders dünne und leichte Kletterseil auf. Jedes Teil der Ausrüstung ist ausgewogen, tatsächlich zählt beim Anstieg auf 4000 Meter hohe Berge jedes Gramm.

Alles weitere verläuft in einem Höhenrausch: Steigen, klettern, greifen, immer höher, immer weiter, die Himmelsleiter hinauf, bis es nicht mehr höher hinaus geht. Für leidenschaftliche Bergsteiger gibt es kaum etwas anderes, was so lange so aufregend und so erfüllend ist wie das Überschreiten von Graten über 4000 Meter. Die zwei Flachlandtiroler aus dem Sauerland, sie haben etwas für ihre Verhältnisse wirklich Großartiges geschafft.

Nach dem Gipfel des Zinalrothorns schlug das Wetter um, zum Gletscher hinunter musste durch einen frisch eingeschneiten Gully abgeseilt werden.


Ein Gespräch über Gipfelglück und den Reiz des Unbekannten  

mit Martin Aßhauer, 56 Jahre, Psychotherapeut in Lüdenscheid:

Herr Aßhauer, stellen Sie sich kurz vor.

Wir leben seit 2004 mit unseren 17 und 13 Jahre alten Kindern in Lüdenscheid. Ich betreibe hier meine psychotherapeutische Praxis, während meine Frau als Nervenärztin eine Praxis in Meinerzhagen hat.

Wie sind Sie zum Klettern und zum Bergsteigen gekommen?

Aufgewachsen bin ich in Hohenlimburg, in direkter Nähe der Kalkfelsen der Hünenpforte und des Weißensteins. Ich bin schon im Grundschulalter auf alles geklettert, was irgendwie möglich war. Das Bergsteigen ergab sich durch Freundschaften in der Kletterhalle. Aus psychologischer Sicht würde ich sagen, dass die Kletterbegeisterung mit totaler Fokussierung, Adrenalin- und Dopaminausschüttung und starken Selbstwirksamkeitsgefühlen zusammenhängt. Nicht zuletzt bin ich wohl schwindelfrei.

Sie haben schon andere Abenteuer erlebt. Erzählen Sie doch vom Ihrem Alaska-Trip und von Ihrer Solobesteigung auf einer Insel im indischen Ozean.

Bevor wir unsere Kinder bekamen, konnte ich meine Frau dazu überreden, mit mir einen Kindheitstraum zu verwirklichen. Wir haben allein eine zweiwöchige Kanu-Expedition auf dem Wildwasserfluss Birch Creek absolviert, völlig abgeschnitten von jeglicher Zivilisation. Damals empfand ich besonders intensiv das rasch wechselnde Gefühl von Geborgenheit und Unbarmherzigkeit, das einem die echte Wildnis vermittelt. Vor zwei Jahren hatte ich die Möglichkeit, etwas Ähnliches in einem tropischen Urwald auf einer abgelegen, fast unbewohnten Seychellen-Insel zu erleben. Ich suchte mir dort durch den dichten Dschungel einen Weg auf einen offensichtlich noch unbestiegenen Berg. Auf dem Gipfelgrat entdeckte ich dann einen einzigartigen, mythischen Nebelwald.

Was fasziniert Sie am Bergsteigen, warum tun Sie sich diese extremen Strapazen und die Unwägbarkeiten an?

Der Reiz des Unbekannten. Das Erfahren von Naturgewalten wie Sturm, Hitze oder Kälte. Das visuelle Erleben dieser fantastischen Landschaften. Und dann ist es einfach ein unbeschreibliches Gefühl, wenn man aus eigener Kraft und ohne Führer an diese scheinbar unerreichbaren Orte gelangt. Die mit meinem Freund Volker erlebten Momente des vielzitierten „Gipfelglücks“ gehören tatsächlich zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens. Aber auch die Rückkehr zur Hütte oder zur Familie ist immer wieder besonders schön.

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