Aus Überzeugung von Berlin an die Lenne gezogen

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Benni Symalla auf der Lenneterrasse. ▪

ALTENA ▪ Giershagener Weg 82, Souterrain unten links - dort kann man sich davon überzeugen, dass diese Geschichte stimmt. Am 1. Januar ist Benni Symalla in die kleine Baugesellschaftswohnung gezogen. Er ist Neu-Altenaer, und das nicht der Liebe oder der Arbeit wegen. Er zog aus reiner Überzeugung an die Lenne. Das überrascht, aber es kommt noch besser: Bisher lebte der 26-Jährige in Berlin.

Den ersten Impuls gab wieder einmal das Internet: Auf einer Spieleplattform kam lernte Symalla vor etwa fünf Jahren zwei, drei Altenaer kennen. Als einer von ihnen wenig später eine Party gab, fuhr der junge Berliner zum ersten Mal ins Sauerland. Es folgte eine Reihe weiterer Besuche und schließlich zum Jahreswechsel der Umzug in die Nette. Spontan war der nicht: Er habe schon lange mit dem Gedanken gespielt, verrät der junge Mann.

Die Gründe für seine Entscheidung sind mannigfaltig. Da ist das Studium: Symalla ist gelernter Elektriker, seit seiner Gesellenprüfung studiert er Elektrotechnik und Physik „auf Lehramt“. Dazu musste er in seiner Geburtsstadt sowohl auf der Technischen als auch auf der Freien Universität Kurse belegen. Letztlich sei das nicht zu organisieren gewesen, sagt er - Klausuren seien zeitgleich angesetzt worden, der zeitliche Abstand zwischen einzelnen Kursen sei viel zu gering gewesen, um pünktlich sein zu können.

Jetzt wird Symalla sein Studium in Siegen fortsetzen, wo beide Fächer unter einem Dach gelehrt werden. Seine Fahrtzeiten würden sich jetzt auf jeden Fall deutlich verringern, sagt Symalla. Er wird mit dem Bus und Bahn, die er dank Semester-Ticket kostenfrei benutzen kann, in gut anderthalb Stunden zur Uni fahren. In Berlin sei er insgesamt viel länger unterwegs gewesen – auch deshalb, weil der ÖPNV in der Hauptstadt chronisch unzuverlässig sei.

Überhaupt hake es in der Bundeshauptstadt an allen Ecken und Enden, berichtet der Neu-Altenaer. 30 Minuten hat es gedauert, bis er im Bürgerbüro am Markaner die mit dem Umzug verbundenen Formalitäten erledigt hatte. „Auf dem Bürgeramt in Berlin hätte ich sicher anderthalb Stunden gewartet, bis ich überhaupt drangekommen wäre“.

Geradezu katastrophal ist seine Einschätzung des Berliner Bildungswesens. In der Hauptstadt als Lehrer zu arbeiten, könne er sich ebenso wenig vorstellen wie Kinder dort großzuziehen. Das NRW-Bildungssystem habe einen deutlich besseren Standard, was Folgen für ihn als Nachhilfelehrer hat: In manchen Stoff muss er sich noch einarbeiten, weil der in seiner Heimatstadt noch nicht einmal für das Abitur benötigt wurde.

Für seinen Lebensunterhalt muss Symalla selbst aufkommen – da trifft es sich natürlich gut, dass seine Wohnung inklusive aller Nebenkosten nur die Hälfte dessen kostet, was er in Berlin mindestens bezahlen musste. In und um Altena sei außerdem die Chance auf angemessen bezahlte Jobs größer als in Berlin, berichtet er – die Konkurrenz sei einfach weniger groß, vor allem im Bereich der Nachhilfe, wo er sich in erster Linie tummelt. Dass ihm der Vater eines Schülers schon nach der ersten Stunde Hilfe beim Renovieren seiner neuen Wohnung anbot, hat ihn einerseits überrascht, andererseits aber auch in seiner Einschätzung des westfälischen Menschenschlags bestätigt: Hier gehe alles viel lockerer zu als in Berlin, der Zusammenhalt sei größer, die Menschen freundlicher und natürlicher. Den Berlinern attestiert er einen extremen Hang zu Individualisierung, die oft aufgesetzt wirke.

Und das Berliner Nachtleben? Symallas Worte lassen ahnen, dass er das für ziemlich künstlich und aufgesetzt hält. „Da gab es halt Szenen“, sagt er und lässt durchblicken, dass er sich nicht gerne in eine solche Schublade stecken lassen möchte. Mit seinen Altenaer Freunden hat er bereits den ein oder anderen Ausflug in größere Nachbarstädte unternommen, als nächstes will er das Living in Iserlohn erkunden - die Disco „soll wohl ganz gut sein“, hat er gehört.

Neben den Menschen gefällt ihm in Altena die Natur: In Berlin sah er „Platte“, wenn er aus dem Fenster schaute, jetzt fällt sein Blick auf den Wald an der anderen Seite des Nettetals. Er joggt gerne, im Moment noch auf der üblichen Runde über Lenneufer- und Bahnhofstraße. Wenn die Renovierung seiner neuen Wohnung abgeschlossen sei, werde er sicher noch nach einer anderen Runde durch die Wälder suchen, sagt er.

Nur die Burg lässt ihn noch kalt: Museen und Sehenswürdigkeiten habe er in 26 Jahren Berlin genug gesehen. Vielleicht liegt’s daran, dass sein abschließendes Urteil über seine Geburtsstadt dann doch noch einigermaßen gnädig ausfällt: „Berlin ist sicher eine tolle Stadt, um da mal Urlaub zu machen.“ ▪ Von Thomas Bender

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