Beim Bürgermeister steht alte Ratstruhe ohne Schlüssel

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ALTENA - Wer Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein in seinem Amtszimmer besucht hat, hat sie sicher schon mal gesehen. Oft werfen Gäste nur einen flüchtigen Blick auf die schwere, schwarze Truhe, die rechts vom historischen Schreibtisch des Stadtoberhauptes steht.

Von Johannes Bonnekoh

Meist liegen Papiere auf dem in schweres Eisen eingefassten Deckel. Doch die Geschichte dieses besonderen Möbel hat es in sich. „Ich vermute, dass es sich um eine so genannte Ratstruhe handelt“, sagt Dr. Andreas Hollstein. Auf ein Alter von gut 200 Jahren – vielleicht sogar etwas mehr – schätzt er das Möbel, das er von seinem Vorgänger im Amt übernahm. Zwar hätte der Bürgermeister in seinen bisher zwölf Amtsjahren „gerne mal einen Blick ins Innere der Truhe geworfen“, doch das ist nicht möglich. „Es gibt zwar einen Schlüssel, aber zwei sind nötig, um sie zu öffnen“, verblüfft Hollstein.

Das Möbel – und als solches geht die mehr als 140 Pfund schwere Truhe heute durch – hat Hollstein schon begutachten lassen. So habe der Burgarchivar mal einen fachmännischen Blick darauf geworfen und sei begeistert gewesen. Doch auch er konnte ihm nicht helfen, das Schloss zu knacken. „Er hat mir sogar ausdrücklich davon abgeraten, das historische Stück könnte Schaden nehmen“, sagt Hollstein.

Zwei Männer sind mindestens nötig, die 110 Zentimeter lange, 70 Zentimeter hohe und etwa 40 Zentimeter breite Truhe anzuheben oder gar zu tragen. „Wenn man sie etwas schüttelt, hört man es rascheln“, sagt Dr. Hollstein. Er vermutet, dass im Innern noch Papiere liegen, die einmal Bürgermeister, Kämmerer oder sonstigen Beamten „wichtig waren“.

Der Kern der Kiste bestehe aus Holz, da gebe es keine Diskussion, so Hollstein. Außen herum ist ein Eisengeflecht. Die tiefschwarze Ratstruhe macht so optisch mit ihren zwei Schlössern – eines ist versenkt im mittleren Bereich des Deckels – und den großen Schließen an der Front, die auch einmal Schlösser trugen, durchaus etwas her. „Heute würde man sagen, die hat sogar Brandklasse“, meint der Verwaltungschef. Er sieht in der Truhe das so genannte Vier-Augen-Prinzip der Amtsführung von Bürgermeister und Kämmerer bestätigt. „Nur beide Beamten konnten früher so eine Ratstruhe mit ihren Schlüsseln öffnen“.

Uwe Krischer, im Rathaus für die Immobilien zuständig, hat sich – wie Dutzende andere – natürlich schon am Schloss der Truhe versucht. Er war es aber auch, der viele neue Erkenntnisse über die geheimnissvolle Schatztruhe im Chefzimmer durch Zufall mit nach Altena brachte. Krischer fand ein ähnliches Stück bei einem Urlaubsaufenthalt in Österreich, schoss Fotos und meint, dass wohl links in einem Behältnis eine Vorrichtung für Bargeld war und rechts wichtige Papiere gerollt aufbewahrt werden konnten. Das von ihm auf einem Trödelmarkt in Österreich gefundene Exemplar sei absolut vergleichbar mit dem aus Altena und mindestens 200 Jahre alt.

Hollstein hat sich auf die eigene Stadtgeschichte spezialisiert, hält Vorträge über Altena, das Kassen- und Ratswesen und ist sicher: „Diese Truhe hat so manchen Umzug hinter sich.“ Damit spielt er auf die verschiedenen Rathaus-Standorte an. Denn die Stadt an der Lenne wurde von vielen Feuern heimgesucht. So war das Rathaus in den vergangenen zweihundert Jahren wohl mal dort, wo heute Schlecker ist, auch im Gebäude von Foto Hess (heute toom) oder in der Nähe der Lutherkirche und im lila Gebäude, dem heutigen Bauamt, und jetzt eben an der Bismarckstraße. Die Truhe könnte aber auch in den Privathäusern der Bürgermeister gestanden haben. „Wer kann das schon genau sagen?“

So ärgerlich es auch ist, dass sich die Truhe nicht öffnen lässt, so ist der laut Einschätzung des Burg-Archivars sehr kunstvoll und filigran gearbeitete Schließmechanismus ein Zeugnis vom hohen handwerklichen Können. „Man soll nicht immer sagen, nur heute gibt es Feinarbeit. Das konnten die Menschen auch damals schon“, unterstreicht Dr. Andreas Hollstein. Er vermutet, dass Uhrmacher beteiligt waren, diese Kiste so „aufbruchsicher“ zu machen.

Dass der einzige Schlüssel, der noch existiert und eben in das mittlere, tief ins innere der Truhe zu versenkende Schloss passt, handgeschmiedet ist, versteht sich von selbst. Das gute Stück hat ein Gewicht von rund 200 Gramm und liegt gut in der Hand. Aber – es fehlt der Zweitschlüssel. „Wir haben andere Probleme, als sie öffnen zu lassen und dafür Geld auszugeben“, sagt Hollstein. Nur, wenn die Stadt den Haushaltsausgleich schaffe, „dann kann ich mir vorstellen, ein Fachunternehmen zu engagieren. Das muss dann drin stecken.“ Zukunftsmusik sicher – aber irgendwie auch ein Versprechen. Und so ein kleines bisschen neugierig ist Hollstein selbst auch, was er vorfinden würde, wenn sich der Deckel hebt.

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