Baugesellschaft testet „Barrierearmut“

Baugesellschaft testet „Barrierearmut“

Hier entsteht eine Wohnung mit Fernblick: Wo jetzt noch Folie flattert, ermöglicht bald eine Panoramascheibe den Blick in Richtung Lenne.

Altena - Es sei ein Versuch, sagt Joachim Effertz, Vorstand der Altenaer Baugesellschaft (ABG). Als größter Vermieter weit und breit müsse sich das Unternehmen mit dem immer wichtiger werdenden Thema Barrierearmut beschäftigen. Das lässt sich die ABG richtig viel Geld kosten: 900 000 Euro investiert sie in den Umbau zweier Häuser, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Gartenstraße 36 im Mühlendorf: Hier wird von Grund auf saniert. Ein Dreifamilienhaus aus den 30er Jahren erwies sich als gut geeignet ist für den ABG-Versuch „Barrierearmut“. Allerdings: „Barrierefreiheit kriegen wir im Bestand zu vernünftigen Konditionen nicht hin“, sagt Hammerschmidt und erklärt, dass eine DIN klar regelt, wie ein barrierefreies Haus so aufzusehen hat: 1,50 Meter breite Flure, Türen mit einem Innenmaß von über einem Meter und deutlich höher als normal - das sind nur zwei von vielen Punkten, die er aufzählt. „Um das zu erreichen, hätten wir ganz massiv in die Substanz des Gebäudes eingreifen müssen“. Aber: Der Rollstuhl passt auch durch eine „nur“ 90 Zentimeter breite Tür, mit 1,30 Meter reicht ein Flur auch aus. Und überhaupt: „Wir bauen hier nicht unbedingt nur für Rollstuhlfahrer“, sagt Effertz. Mieten kann jeder, der mag und sich eine Miete von 9,50 Euro inklusive aller Nebenkosten (außer Strom) leisten kann und will. Dafür bekommt man dann eine Wohnung, in der man auch dann bleiben kann, wenn die Beine nicht mehr so wollen.

Die Balkone wurden kurz vor Weihnachten montiert: Sie eröffnen einen Panoramablick in Richtung Lenne, sind aber nicht nur deshalb wichtig. Kurz nach dem Jahreswechsel wird an ihnen ein Aufzug angebracht, so dass jede Wohnung zu erreichen ist, ohne dass man eine einzige Treppenstufe steigen muss. „Im Februar wollen wir fertig sein“, sagt Effertz bei der Besichtigung der Baustelle.

Szenenwechsel: Am Knerling sind die Handwerker schon deutlich weiter, gerade wird das Treppenhaus renoviert. Das Haus Eichendorffstraße 5 ist eins dieser ganz normalen Baugesellschaftshäuser: Drei Stockwerke, sechs Wohnungen, jede davon zwischen knapp 40 und 55 Quadratmeter groß. Zwar wurden schon in der Vergangenheit auf Wunsch der damaligen Mieter Durchbrüche geschaffen, um zwei kleine Wohnungen zu einer zusammenzufassen - „aber das war ein ziemliches Labyrinth“, schildert Effertz. Um Großzügigkeit zu schaffen und eben auch Platz für einen Rollstuhl, wurden Wände versetzt und Zuschnitte verändert. Wo einst ein winzig kleines Bad war, ist demnächst die Abstellkammer. Das Bad zog um ins ehemalige Kinderzimmer. Viel Platz gibt’s hier, noch nicht einmal die Waschmaschine steht im Weg - für die ist Platz im Gäste-WC, das ebenfalls zur Wohnung gehört. Richtig Spaß hat Hammerschmidt, als er an einer Art Mini-Computer auf ein Knöpfchen drückt und urplötzlich aus verborgenen Lautsprechern WDR 2 ertönt. Zeitung lesen auf dem Klo war gestern...

Die Beschallung ist aber längst nicht alles. Ebenerdige Dusche? Selbstverständlich vorhanden. Waschbecken ohne störenden Siphon? Ist da, Rollstuhlfahrer können es so „unterfahren“. Rund um die Toilette ist Platz ohne Ende - allerdings fehlen Griffbügel, die ein Behinderter im Zweifel braucht. „Kein Problem“, sagt Hammerschmidt. Vor dem Verfliesen wurden Verstärkungen installiert, an denen diese Hilfen bei Bedarf befestigt werden können.

Wie unzählige andere Häuser der ABG steht auch dieses am Hang, schon bis zur Haustür müssen einige Treppenstufen überwunden werden. Geschickt nutzte Hammerschmidt bei der Planung des Zugangs die Topographie aus, um eine vielleicht 20 Meter lange Rampe in die Grünanlage zu integrieren „sechs Prozent Steigung“, berichtet er stolz. Es wäre sogar noch weniger möglich gewesen, gäbe es da nicht die Vorschrift, dass in solche Rollstuhlrampen alle paar Meter ein 1,50 langes, absolut ebenes Stück zu integrieren ist.

„Es gibt erste Anfragen“ - so lautet Effertz‘ Antwort auf die Vermarktungschancen der insgesamt sieben Wohnungen in den beiden Objekten. 9,50 Euro sollen sie kosten – warm, aber ohne Strom.

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