Bäckerei-Prozess: Angeklagte beteuert: "Ich habe sie nicht abgestochen"

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Im Landgericht wird wegen versuchten Mordes verhandelt. 

Altena - Spielsucht, Griff in die Ladenkasse und gefälschte Unterschrift: All das gibt die Angeklagte (48) zu. Nicht aber, dass sie versucht hat, ihre Kollegin aus Altena zu töten.

Kurzfristig ausgefallen sind die Plädoyers im Bäckerei-Prozess: Offenbar hatten der am Vortag unter Tränen vorgetragene Lebenslauf und das bevorstehende Prozess-Ende am heutigen Freitag der Angeklagten so stark zugesetzt, dass sie nicht verhandlungsfähig war. 

Die Angeklagte hatte vor bei der Verhandlung von einer behüteten Kindheit und vom Scheitern ihrer eigenen Ehe berichtet. „Die Kinder waren das Wichtigste in meinem Leben.“ Ihr Sohn hatte zuvor vor Gericht ausgesagt,dass seine Mutter "ein menschliches Wrack war".

Sie bestätigte, dass sie durch die Tätigkeit in einer Spielhalle immer mehr in den Sog des Automatenglücksspiels gezogen worden sei. „Nach und nach ist das immer mehr geworden“, bestätigte sie. „Das war nachher nicht mehr steuerbar.“ Dabei wusste sie, dass das „ein Kreislauf ist, bei dem man immer nur verlieren kann“. 

Spielsucht und Schulden nicht mehr im Griff gehabt

Theoretisch hatte sie gute Voraussetzungen, das drohende Unheil zu erkennen: Als Beauftragte für die Betreuung von Spielern war sie zeitweilig für die psychosoziale Betreuung spielsuchtgefährdeter Kunden zuständig. 

Sich selbst wusste sie nicht zu schützen: Die 48-Jährige bestätigte, dass sie sogar Kredite aufgenommen hatte, um weiterzuspielen – mit der Folge sich immer weiter aufhäufender Schulden. Das war schließlich auch der Grund, warum sie in die Kasse der von ihr geleiteten Bäckerei in Iserlohn-Letmathe griff. 

Diese Tat gestand sie ebenso wie die Unterschrift des Opfers gefälscht zu haben – nicht aber den versuchten Mord an ihrer 19-jährigen Kollegin aus Altena. 

"Kann nicht verstehen, dass man mir Schuld zuweist"

„Ich habe sie nicht abgestochen. Ich habe noch nie einen Menschen gestochen“, erklärte sie im Gespräch mit dem psychiatrischen Gutachter Dr. Nikolaus Grünherz. „Ich kann das gar nicht verstehen, dass man mir die Schuld zuweist.“ 

Der Experte fasste seinen Eindruck zusammen: „Sie weiß gar nicht so genau, was da passiert ist.“ Ihr wiederholtes Kopfschütteln bei Zeugenvernehmungen deutete er als weiteren Ausdruck dieser Distanzierung, „als könne sie überhaupt nicht fassen, über wen da gesprochen wurde“.

Der Gutachter kam letztlich zu dem Ergebnis, dass die Angeklagte zum Tatzeitpunkt voll schuldfähig war. Sie habe nach der Trennung zwar eine schwere depressive Störung gehabt. Doch weder diese Störung noch die Spielsucht hätten psychotische, also massiv bewusstseinstrübende Folgen gehabt. 

Eher introvertiert und konfilktscheu

Es gebe deshalb keine Hinweise auf eine Einschränkung oder Aufhebung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt. 

Der Psychiater zeichnete das Bild einer Frau, die sich immer als hilfsbereiten und zurückhaltenden Menschen gesehen habe. Sie sei Auseinandersetzungen aus dem Weg gegangen und habe ihre aggressiven Impulse völlig verleugnet oder gegen sich selbst gerichtet. 

Bei ihrer Spielsucht habe sie spätestens 2016 die Kontrolle über sich selbst verloren. Eine anfängliche Spiel-Euphorie sei regelmäßig umgeschlagen in Selbstverachtung, weil sie der Versuchung erneut erlegen war – bis das Portemonnaie leer war. 

Opfer aus Altena leidet bis heute

Die Verlesung eines Dokuments über die psychotherapeutische Behandlung des Opfers aus Altena erinnertenoch einmal an das Leid der 19-Jährigen. Darin wurde von Schlafstörungen, Albträumen und Angstzuständen berichtet. 

Sie hatte die Realschule besucht und wollte Abitur machen. Es gehe ihr immer noch sehr schlecht, berichteten ihr Vater und ihr Bruder, die vergeblich ins Landgericht gekommen waren, um die Plädoyers zu hören. 

Die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen äußerte die Hoffnung, dass am Freitag, 7. August,  ab 9.30 Uhr weiterverhandelt werden kann. Auf dem Programm stehen die Plädoyers sowie schließlich die Urteilsverkündung

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