Backstage bei den Travestie-Künstlern

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Noch ist der Mann an den haarigen Armen zu erkennen.

ALTENA ▪ Travestie: Etwas Verruchtes? Schwule Männer mit Fetisch? Alle kichern und sind irgendwie ausgeflippt? „Das sind alles Vorurteile!“ sagt Miss Chantal. Der Travestiekünstler gewährte gestern Einblicke in den Backstagebereich der „Stars der Travestie-Revue“. Die möchten künftig im Lennestein ihr zweites Stammhaus etablieren.

„Die meisten Menschen glauben wahrscheinlich, wir sind irgendwelche Durchgeknallten, die in ihrer Freizeit gerne Frauenkleider tragen und so ihren Fetisch ausleben. Das ist totaler Blödsinn“, sagt der international bekannte Travestiekünstler Miss Chantal. Offen geht sie oder er, wer weiß das bei einem Auftritt schon so genau, mit Vorurteilen, Ängsten und Bedenken um. „Oftmals haben wir mehr Frauen als Männer im Publikum. Männer haben Angst, dass wir sie irgendwie anmachen, oder so. Aber das ist Blödsinn.“

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"Stars der Travestie" im Lennestein 

Es ist bereits halb acht und um acht beginnt die Show. Von Hektik oder Aufregung ist hinter der Bühne jedoch keine Spur. „Wir sind Profis. Das ist unser Beruf“, erzählt er. Ähnlich wie sich Musicaldarsteller in Züge, Vampire oder Sissi verwandeln, verwandeln sie sich in eine Frau. Denn Travestie sei vor allem die Kunst der Verwandlung. Und bis sich der „Normalo“ zu Miss Chantal verwandelt und Lady Vanessa so aussieht, wie sie sich später auf der Bühne präsentiert, bedarf es viel Aufwand: Zwei bis drei Schichten Make-up, Puder und Grundierung müssen schon sein und vorher ist eine gründliche Rasur fällig - welche Frau hat schon einen Dreitagebart unter dem Make-up! Beim Schminken unterscheiden die Profis zwei Stile. Zum einen den bunten-auffälligen, zum anderen den weiblichen. Trends, wie in der Modewelt, gäbe es hier jedoch nicht. „Für mich ist Schminken, wie ein schönes Bild zu malen, wir schminken uns alle selbst. Vor dem Auftritt ist das mit die wichtigste Zeit, man kehrt noch einmal in sich und ist nur bei sich selbst“, erzählt er. Das ist auch zu spüren. Während Miss Chantal ausführlich ihre Sicht der Travestie schildert, ist Lady Vanessa tief versunken in ihre Metamorphose.

Nach dem Make-up kommen die Haare, so langsam wird erkennbar, was später den Zauber der Travestie ausmacht. Mann oder Frau? Auf den ersten Blick ist der Mann im Frauenkleid nicht zu erkennen. Momentan jedoch sitzen hinter der Bühne eindeutig Männer und was für welche! Durchtrainierte Körper, kurze Haare, maskuline Gesichtszüge. Doch all das verschwindet mehr und mehr. Miss Chantal: „Beim Schminken ist es wichtig, sein Gesicht zu kennen, um so die richtigen Akzente zu setzen“. Doch auch Travestiekünstler haben hier mit typisch weiblichen Problemen zu kämpfen. Trotz Haarspray will die Frisur nicht sitzen. Und dann passiert auch noch das: Stromausfall. Noch zehn Minuten bis zur Show, aber kein Grund zur Panik. „That´s live! Jetzt warten wir, irgendwer wird sich schon kümmern. Dann fangen wir etwas später an. So ist das bei einer Liveshow.“ In der Zwischenzeit werden die Kostüme angezogen und noch ein kleiner Schwatz unter Kollegen gehalten.

Dann ist der Strom wieder da. Noch zwei Minuten bis sich der Vorhang hebt. Ein letztes Zurechtrücken des Kleides und dann präsentiert sich Miss Chantal mit endlos langen Beinen, blonder Mähne, pompösen Abendkleid und Mörder-Pumps. „Wie kann man in diesen Schuhen bloß laufen“, frage man sich. Doch der Trick ist simpel. Miss Chantal: „Da ist ein Glasplateau drunter, dadurch ist der Absatz, gar nicht mehr so hoch. Lernen kann man das eh nicht, entweder man kann es, oder halt nicht“. ▪ Lydia Machelett

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