Tafel wird oft falsch verstanden

Appell für Nachhaltigkeit: Deutschlands Tafel-Chef aus dem MK bringt Buch heraus

Brühl Vorsitzender Tafel Deutschland
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Jochen Brühl (rechts) und der Fotograf Reiner Pfisterer bei der Vorstellung des Buches

Klima, Gesellschaft, Armut – das sind für Jochen Brühl „die dicken Bretter“. Der gebürtige Dahler ist Vorsitzender des Dachverbandes der rund 1000 deutschen Tafeln, die beim Handel kurz vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stehende Lebensmittel einsammeln, um sie an Bedürftige auszugeben – rund 1,5 Millionen Menschen sind bei den Tafeln Kunden, demnächst auch in Altena. Hier wird sich zum Jahreswechsel eine Art Zweigstelle der Lüdenscheider Tafel gründen. Federführend ist dafür das Stellwerk.

Altena - Es gibt durchaus auch Kritiker der Tafeln – sie trügen dazu bei, dass Armut sich manifestiere, der Staat werde dadurch aus der Verpflichtung genommen, allen Bürgern ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, meinen die. „Die Tafeln breiten ein deutschlandgroßes Tischtuch über die Armut. Es wäre eine Katastrophe, wenn es diese gemeinnützigen Einrichtungen nicht mehr gebe. Es ist aber auch eine Katastrophe, dass es sie geben muss. Tafeln dürfte es in einem der reichsten Länder der Erde eigentlich gar nicht geben“, schreibt der Journalist Heribert Prantl im Vorwort zu Jochen Brühls 2019 erschienenem Buch „Volle Tonne, leere Teller“.

Die Gründung der Altenaer Tafel ist ein guter Grund, einen Blick in dieses Buch zu werfen. Der Bundesvorsitzende der Tafeln ist dafür durch die Republik gereist, um mit mehr oder weniger bekannten Menschen über die Tafeln zu sprechen – und zwar durchaus auch mit deren Kritikern.

„Ein ehrliches In-die-Fresse lachen“

Dabei ist ein nicht nur thematisch, sondern auch literarisch bemerkenswertes Buch herausgekommen. „Wenn Berlin in der Familienaufstellung der deutschen Metropolen so etwas wie der anarchistische Rotzlöffel mit einem Dosenbier in der Hand ist, dann ist Hamburg die Tee trinkende reiche Erbtante“ – so führt Brühl in ein Gespräch mit Jörg Pilawa ein. Ein Satz, den man sich ebenso auf der Zunge zergehen lassen darf wie seine Beschreibung des Lachens von Sternekoch Tim Raue: „Nicht gekünstelt, nicht zurückhaltend, sondern robust-dreckig. Ein ehrliches In-die-Fresse lachen“.

Allerdings geht es um ein Sachbuch und nicht um einen Gedichtband; Inhalte sind da wichtiger als sprachliche Finessen. Und der Inhalt ist so vielschichtig wie die insgesamt 17 Persönlichkeiten, mit denen Brühl über weit mehr sprach als nur die Tafeln. Zum Beispiel über Kirche: Der gläubige Protestant Brühl schenkt dem Ruhrbischof Franz Overbeck nichts, als es um die Frage geht, ob Kirche sich nicht viel zu sehr um sich selbst dreht und ob sie auch deshalb gesellschaftliche Relevanz eingebüßt hat. Der Bischof räumt ein, das Kirche oft veraltet und nicht mehr relevant erscheint. Aber: Das sei eine deusche Sicht – und unter den 1,3 Milliarden Katholiken, die es weltweit gebe, seien die 23 Millionen in Deutschland nur eine kleine Minderheit.

Spannend, aber auch irritierend

„Was für eine spannende und gleichzeitig auch irritierende Begegnung“, schreibt Brühl nach seinem Gespräch mit Thomas Middelhof. Das Treffen mit dem wegen Untreue vorbestrafteten Ex-Manager ist das längste, das Brühl für sein Buch hatte. Während seiner Haft arbeitete Middelhof mit Behinderten – solch ein längerfristiger Einsatz im Sozialwesen müsse verpflichtender Bestandteil der Ausbildung eines Managers sein, meint er: „In der Arbeit mit behinderten Menschen habe erst begriffen, worauf es wirklich ankommt: Auf Beziehungen, auf Mitmenschlichkeit“.

Und dann Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Wohllfahrtsverbandes und eingeschriebenes Mitglied der Partei Die Linke, aus der die Tafel-Bewegung viel Gegenwind verspürt. Linke werfen den Tafeln vor, Armut nicht zu bekämpfen, son dern zu verwalten und Aufgaben zu übernehmen, die eigentlich Sache des Staates sind. Für Brühl ist es wichtig, dass Schneider ihm beziehungsweise den Tafeln in dieser Frage zur Seite steht. „Er hält die Idee der Lebensmittelrettung für sehr modern und am Puls der Zeit“, schreibt Brühl, nachdem er selbst das Selbstverständnis der Tafeln so definiert hatte: „Die Tafeln sind nicht gegründet worden um Armut zu bekämpfen. Vor allem geht es darum, Lebensmittel vor der Müllkippe zu bewahren“. Diese Lebensmittel dann jenen Menschen zur Verfügung zu stellen, sei „eine ebenso einfache wie gute Idee“, meint Brühl.

Mindesthaltbarkeitsdatum abschaffen

Aus dieser Erkenntnis leiten sich politische Forderungen der Tafeln ab, die mit dem Armut gar nichts zu tun haben. So treten sie für eine Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums ein. Brühl hat auch mit Henriette Egler gesprochen, die in einem Blog beschreibt, was sie mit dem anstellt, das sie und ihre Familie von der Tafel in Quedlinburg bekommen. „Viele Menschen denken ja, wenn sie einen abgelaufenen Joghurt essen, fallen sie direkt tot um“, sagt sie und rät: „Wenn es normal aussieht, normal riecht und normal schmeckt, esst es ohne Bedenken“.

Zur Wahrheit gehört auch, dass die Wirkung der Tafeln begrenzt ist: ELf Millionnen Tonnen Lebensmittel wandern in Deutschland jährlich in den Müll, etwa die Hälfte davon in privaten Haushalten. Die Tafeln verteilen noch nicht einmal 300 000 Tonnen, retten damit also noch nicht einmal drei Prozent des Überflusses. Da ist es nur konsequent, dass Brühls Buch durch eine Reihe von Tipps ergänzt wird, die Lebensmittelverschwendung verhindern sollen.

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