Ausstellung: Warum es sich lohnt, sich die Hände schmutzig zu machen

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Briefkopf des „Knopfkönigs“ P.C. Turck aus Lüdenscheid von 1880. Er ziert eine Rechnung an die Rump und Söhne in der Burgstadt, zahlbar netto innerhalb von drei Monaten. 

Altena - Ein Stück heimische Industriegeschichte präsentiert das Kreisarchiv bis Ende August in einer Ausstellung im ehrwürdigen Kreishaus an der Bismarckstraße in Altena. Archivar Ulrich Biroth macht sich gern mal die Hände schmutzig.

Auf Speichern, Kellern und Lagerhallen durchforscht er unzählige alte, fast vergessene Familien- und Firmennachlässe, immer auf der Suche nach gut erhaltenen Zeitdokumenten und Kleinoden. Einen kleinen Ausschnitt aus der Sammlung des Kreisarchivs hat er mit Unterstützung von Berufspraktikanten in einer Musterschau mit etwa 400 Exponaten auf dem Flur in der ersten Etage vor dem Ständesaal und der Landeskundlichen Bibliothek im Altenaer Kreishaus zusammengestellt.

Zu sehen sind imposant gestaltete Firmenbriefköpfe, gezeichnete Produktblätter, Musterbücher und Produkttafeln, Betriebs-, Produkt- und Belegschaftsfotos sowie Reklame aus der Zeit zwischen 1850 und 1965.

„Die erste Art Werbung für ein Unternehmen zu machen, waren im 19. Jahrhundert die Briefköpfe“, erzählt Ulrich Biroth. Sie wurden aufwendig gestaltet und zeigten oft detailliert gezeichnete, moderne Fabrikanlagen mit rauchenden Schloten. „Dabei wurde schon damals auf Teufel komm raus geschönt und übertrieben“, weiß Biroth. So wurden ganze Stockwerke dazu gemalt oder die Fabrikantenvilla kurzerhand aufs Firmengelände verlegt.

Etwa ab 1880 kommen immer mehr Produktkataloge in Mode. Interessant sind die ersten filigranen Produktzeichnungen. Dass es Handelsvertreter nicht leicht hatten, zeigen die Musterbücher und Produkttafeln beispielsweise von der Nadel- und Metallwarenfabrik von „Johann Moritz Rump Altena“, dessen Strick- und Häkelnadeln international vertrieben wurden. Der Knopffabrikant P.C. Turck aus Lüdenscheid ließ seine Knöpfe und Schnallen zur Ansicht auf Produkttafeln nähen.

Die Produktfotografie trat ab 1920 ihren Siegeszug an. Unternehmensfotos gab es bereits um 1900. Beliebt waren dabei die gestellten Aufnahmen von damals modernen Produktionsmaschinen in aufgeräumten Hallen und in Ehrfurcht erstarrten Belegschaftsmitgliedern.

Einige Fotografen lichteten aber auch sehr authentisch die Arbeitsabläufe in den Betrieben ab. Ins Auge sticht dabei, dass Frauen nur in Kriegszeiten an den Maschinen zu finden waren und wie selbstverständlich die Aufgaben der Männer übernahmen. In Friedenszeiten wurden sie maximal für leichte Sortiertätigkeiten eingesetzt.

„Durch Zufall ist das Kreisarchiv in Besitz von rund 20 000 Negativen eines Werbestudios gelangt, das zwischen 1950 bis 1990 Produktfotografien in Unternehmen gemacht hat, die heute zum Teil gar nicht mehr existieren“, sagt der Archivar.

Dabei ist er auf einige ihm bisher unbekannte Details gestoßen: zum Beispiel, dass die Firma Selve in Altena auch mal Fahrzeugmotoren hergestellt hat; Bakelite in Iserlohn-Letmathe neben den typischen schwarzen auch rote und weiße Produkte aus Phenolharz in der Produktpalette hatte oder der Fahrradhersteller Vaterland aus Neuenrade seine Fahrräder relativ früh auch in der Anwendung fotografieren ließ, etwa vor der Kulisse der Burg Altena. Wer das Kreishaus I in Altena besucht, kann die Ausstellung bis Ende August besichtigen.

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