Ausstellung "Zu Tisch": Das feine Porzellan und der gebratene Igel

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Sonderausstellung „Bei Tisch“ zeigt: Der Grundstein für unsere heutige Esskultur wurde bereits in der frühen Neuzeit gelegt.

Altena - Wenn an Heiligabend die Schöpfkelle durch den Gänsebräter gleitet, die Kinder mit dem feinen Porzellan den Tisch eindecken und Urgroßmutters selbstbestickte Servietten aufgebügelt werden, dann denkt vermutlich niemand an die Anfänge guter Esskultur.

Dr. Agnes Zelck hat das drei Jahre lang für die Konzipierung der Ausstellung „Bei Tisch“ getan. Der Grundstein fürs feine Speisen wurde schließlich schon im 16. bis 18. Jahrhundert gelegt. „Aber nur in Adelskreisen“, berichtet die Kuratorin. Das ist auch der Grund dafür, dass neben den kunstvoll gestalteten Tafelaufsätzen aus Meißen und der königlichen Porzellanmanufaktur auch ein schlichter Holzlöffel nebst Schale einen Ehrenplatz hat. Das Essbesteck des einfachen Volks war überlebenswichtig und wurde bis zum Schluss ausgereizt. „Authentische Löffel aus dieser Zeit sind kaum noch aufzutreiben“, erklärt Dr. Agnes Zelck. „Denn waren sie bis zum Stil aufgebraucht, wurde das kostbare Holz im Kamin verfeuert.“ 

Dass der Adel solche Sorgen nicht hatte, das sieht man an den Tafelmessern mit kunstvoll geschnitzten Elfenbeingriffen oder der authentisch nachgestellten adeligen Desserttafel, die den Sonderausstellungsraum auf Burg Altena schmückt mit echtem kandierten Obst im Zentrum. Den Kupferstich, der die speisende Familie zeigt, hat Dr. Agnes Zelck darüber aufhängen lassen. „Zucker war ein richtig teures Gut“, weiß die Kunsthistorikerin. Und der Adel ging großzügig damit um, denn man zeigte gern, was man hatte... 

Bogenschlag nach Westfalen mit Pumpernickel und Schinken

Schaukochen war eine beliebte Freizeitbeschäftigung

Gespart wurde auch nicht an Hauptgerichten. „Und das Schlimme ist: Viele von den kostbaren Nahrungsmitteln wurden gar nicht gegessen“, erklärt Zelck nicht ohne Entsetzen. Zu Recherchezwecken hatte sie sich natürlich auch mit Rezepten der frühen Neuzeit auseinandergesetzt. „Schaukochen war eine beliebte Freizeitbeschäftigung bei Feierlichkeiten. Da wurden durchgegarte Braten wieder in das rohe Federkleid gestopft und gekochte Krebse mit lebendigen vermischt, um die Damen am Tisch zu überraschen und zu unterhalten...“ 

Dr. Agnes Zelck mit einem Arrangement aus dem Vogelservice der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin. Unten der feine Dessertteller mit dem Blumen- und Insektendekor. „Man kann an den einzelnen Serviceteilen sogar die Künstler unterscheiden!“ hat die Kuratorin festgestellt.

Der heute schon veraltete Gag mit der Stripperin in der Torte hatte bereits in dieser Zeit seinen Ursprung: Bäcker stellten überdimensionale Pasteten her, aus denen lebendige Tauben herausflogen. „Zu den skurrilsten Rezepten, die ich gefunden habe, zählt eine Anleitung zur Zubereitung eines Igels“, so Dr. Agnes Zelck. Das Durchblättern der historischen Kochbücher sollte jedem Museumsbesucher vorbehalten sein. „Deshalb hat unsere Kreisdruckerei Faksimile-Ausgaben hergestellt, die alle Interessenten anfassen und auch abfotografieren dürfen“, berichtet sie lachend. Diese Bände sind im Drahtmuseum zu finden. 

Üppige Mahlzeiten und Speisekammern

„Oben auf der Burg zeigen wir, wie gegessen wurde, unten im Drahtmuseum ist zu sehen, was gegessen wurde und wie man die Gerichte herstellte.“ Reine Kochbücher gab es in der frühen Neuzeit kaum. Die Bände befassten sich vorwiegend mit Tipps zur allgemeinen Haushaltsführung. „Die war anstrengend, vor allem die Arbeit in der Küche.“ Das Arbeiten an den offenen Feuerstellen ließ die Augen tränen und ruinierte die Kleidung. Erste Bestrebungen, Abzugssysteme über Kamine in die Küchen zu integrieren, existierten zwar auf dem Papier aber kaum in der Praxis. Nichtsdestotrotz zeigen die prunkvollen, teils frisch restaurierten Gemälde aus dem hauseigenen Museumsfundus geschmackvolle und auch sehr üppige Mahlzeiten und Speisekammern. 

Unverzichtbar war der Kochkessel über der offenen Feuerstelle.

Den Hunger der Zeit konnte Dr. Agnes Zelck aber nicht aussparen: Eines der Exponate in der Sonderausstellung ist eine leere Schüssel. Darüber eine Zeichnung, die eine gut genährte Familie beim Essen zeigt, die einen Bettler an der Haustür versorgt. Neid kam auf, selbst auf Delinquenten, die zum Tode verurteilt waren, denn ihnen wurde mit gleich mehreren Henkersmahlzeiten etwas vergönnt, das viele Menschen in Notlagen nicht hatten: Reichhaltiges Essen. Dokumentiert ist das sowohl in Gemälden, als auch Zitaten. Luther kommt auch zu Wort, allerdings in einem anderen Zusammenhang: Ihn möge man vor dem teuflischen Gäbelchen bewahren, bittet er. 

Tischmanieren von Luther

Die Gabel, ein satanischer Dreizack? Zugeschrieben wird dem Reformator auch die Vorliebe für das Rülpsen und Schmatzen als Zeichen der Anerkennung für ein gelungenes Mahl. „Aber das hatte zum Glück beim Adel der frühen Neuzeit keine Chance mehr“, beschreibt Dr. Agnes Zelck. Der hielt sich an die bereits im 13. Jahrhundert aufgestellten Regeln Tannhäusers: Nicht ungewaschen essen, nicht aus der Schüssel schlürfen, nicht in den Ohren bohren, nicht gieren oder in den Zähnen stochern. Gilt heute noch. Und trägt immer noch viel zum weihnachtlichen Frieden bei.

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