250 Euro Strafe: „Ein teures Taxi“

Ausgangssperre: Mit dem Ordnungsamt bis Mitternacht auf Streife

Nachdem er vom Ordnungsamt nach Hause geschickt worden war, wird der vermummte Inline-Fahrer an der Aral-Tankstelle angetroffen.  Für ihn wird die erste und einzige Corona-Strafe an diesem Samstagabend fällig.
+
Nachdem er vom Ordnungsamt nach Hause geschickt worden war, wird der vermummte Inline-Fahrer an der Aral-Tankstelle angetroffen. Für ihn wird die erste und einzige Corona-Strafe an diesem Samstagabend fällig.

Bürger schwärzten ihre Mitbürger an und angeblich haben noch nicht alle von der Ausgangssperre gehört. Spannend, was die Ordnungsamts-Mitarbeiter alles erlebten. Die Redaktion hat sie begleitet.

Altena – Und noch eine Corona-Regel: Das Ordnungsamt Altena kontrolliert seit Freitag auch, ob die Ausgangssperre eingehalten wird. 250 Euro kostet der Verstoß. Das blieb am Samstagabend allerdings die absolute Ausnahme. Die Redaktion war bis Mitternacht mit auf Streife.

„Das wird immer fieser“

20.57 Uhr: Noch drei Minuten, dann tritt die Ausgangssperre am zweiten Abend in Kraft. Von 21 bis 5 Uhr müssen alle zuhause bleiben. So will es der Märkische Kreis. Doch es gibt eine ganze Reihe an Ausnahmen, wie sich im Laufe des Abends immer wieder zeigen wird. Das Ordnungsamt ist mit einem Dreier-Team unterwegs.

21.01 Uhr: Gleich beim ersten Einsatz an der Drescheider Straße wird deutlich, was in den vergangenen Monaten massiv zugenommen hat: Bürger schwärzen ihre Mitbürger an. „Das wird immer fieser, immer schlimmer“, sagt Ordnungsamtsmitarbeiter Michael Sonntag. Denn vor Ort stellt sich raus: Hier gibt es gar keine Party, wie der Anrufer mitgeteilt hatte. Auch, dass die Adresse falsch verstanden worden ist, kann wenige Minuten später am Drescheiderhagen ausgeschlossen werden. Auch hier ist nichts los.

„Gehen Sie sofort nach Hause“

21.18 Uhr: An der Lüdenscheider Straße gehen zwei Männer mit Einkaufstüten über den Bürgersteig. „Ab 21 Uhr ist Ausgangssperre“, weist Sonntag die beiden auf die neue Regel hin. Sie geben an, auf dem Nach-Hause-Weg zu sein. Mit Blick auf die Uhr ist noch alles in Ordnung. Was an diesem Abend auffällt: Ziel der Ordnungshüter ist es nicht, möglichst viele zu bestrafen. Wer sich einsichtig zeigt und es nicht drauf anlegt, kommt mit der Aufforderung davon: „Gehen Sie sofort nach Hause!“

21.37 Uhr: Die Innenstadt wirkt wie ausgestorben. Die Ordnungshüter treffen einen jungen Mann mit einem Pizza-Karton an. Auf Nachfrage sagt er, er gehe heim und nennt seine Adresse. Nach 21 Uhr darf Essen eigentlich nicht mehr abgeholt werden. Nur liefern lassen ist dann noch erlaubt.

„Davon wussten wir nichts“

21.41 Uhr: Nicht alle haben von der Ausgangsbeschränkung gehört. Am Markaner erklärt ein Paar aus Wetter: „Davon wussten wir nichts.“ Den gleichen Grund nennen später noch andere Bürger, teilweise sprechen sie nur schlecht Deutsch.

21.43 Uhr: „Bewegung ist doch erlaubt“, meint ein Spaziergänger entlang der Lennepromenade und verweist direkt auf die Allgemeinverfügung, als er von Sonntag auf die Ausgangssperre angesprochen wird. Dieses Beispiel zeigt gut, wie vage die Verfügung des Märkischen Kreises stellenweise formuliert ist. „Körperliche Bewegung […] außerhalb einer Wohnung“ ist etwa nicht näher definiert und könnte damit auf fast alles zutreffen.

Zwei Männer im Auto

21.46 Uhr: Zwei Männer sitzen an der Lennestraße im Auto. Einen triftigen Grund haben sie nicht. Die Ordnungsamtsmitarbeiter lassen es bei einer Verwarnung und nehmen die Personalien auf. „Wenn wir Sie noch einmal sehen, kostet das jeweils 250 Euro.“

22.04 Uhr: Eine weitere Ausnahme: Mit einem entsprechenden Schreiben dürfen Gläubige zum Abendgebet – auch nach „Sperrstunde“. So geschehen an der Lennestraße. Zwei Herren zeigen einen Schrieb vor – mit Stempel von der Moschee. Alles gut, weiter geht’s.

Auf Rollen unterwegs

22.50 Uhr: Es sollte nur ein kurzer Zwischenstopp an der Stadtverwaltung werden. Doch dann kommt ein Inline-Fahrer vorbei gerollt — mitten auf der Lüdenscheider Straße, vollkommen ohne Beleuchtung. Im Gespräch gibt er an, unter Drogen zu stehen. Sonntag verwarnt den Mann und schickt ihn nach Hause.

23.16 Uhr: Wenig später gibt es ein Wiedersehen mit dem vermummten Inline-Skater an einer Tankstelle an der Bahnhofstraße. Die Mitarbeiter verhängen die erste und einzige Corona-Strafe des Abends. Inzwischen ist die Polizei zur Unterstützung gekommen. Das Ordnungsamt bringt den Mann in seine Wohnung. Die Lage scheint er nicht ganz zu begreifen. Der ganze Aufwand, die Heimfahrt, das sei doch alles gar nicht nötig, meint er. Sonntag: „250 Euro plus Verwaltungsgebühr, das ist ein sehr teures Taxi.“

Doch keine Party

23.45 Uhr: Wieder werden die Mitarbeiter zu einer vermeintlichen Party gerufen, diesmal an der Rahmedestraße. Die Bewohner sind genervt vom Besuch des Ordnungsamts, reagieren aggressiv. Eine Fete gibt es aber nicht.

0.00 Uhr: Das Fazit drei Stunden nach Beginn der Ausgangssperre: Ein ganz normaler Tag für das Ordnungsamt. Wie lange noch gefahren wird, hänge davon ab, wieviel los ist. Feierabend könne um 2 Uhr sein oder aber erst um 5 Uhr — dann endet auch die Sperre. Die gilt noch bis zum 18. April. Auch in den nächsten Tagen wird das Ordnungsamt kontrollieren. Die gute Nachricht: Die allermeisten würden sich an die Maßnahmen halten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare