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Aus dem Iran in den MK: 16-Jährige spricht über ihre lebensgefährliche Flucht 

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Von: Hildegard Goor-Schotten

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Glückliche Momente auf einer lebensgefährlichen Reise: Zeinab Rezai mit der deutschsprachigen Helferin Veronika auf der griechischen Insel Chios.
Glückliche Momente auf einer lebensgefährlichen Reise: Zeinab Rezai mit der deutschsprachigen Helferin Veronika auf der griechischen Insel Chios. © Zeinab Rezai

Zu Fuß quer durch den Iran, mit dem Boot übers Mittelmeer in eine ungewisse Zukunft. Was man aus dem TV kennt, hat Zeinab Rezai (16) selbst erlebt. Eine lebensgefährliche Flucht voller Angst und Sorgen - und mit einem Happy End im MK.

„Iran, im November 2016. Es ist 0 Uhr, sehr dunkel, eisig kalt und es liegt Schnee. Meine Familie, zu der meine Mutter, meine drei Monate alte Schwester, mein Bruder, mein Cousin, mein Onkel und ich gehören, stehen mit 1200 Menschen an der Grenze zur Türkei. Der Weg führt durch sehr hohe Berge ins Ungewisse und wir haben schreckliche Angst.“

So beginnt eine Reportage, die die 16-jährige Zeinab Rezai während des Begabtentags Journalismus am Burggymnasium in Altena schrieb. Die Jugendlichen konnten sich für ihre Reportagen ein Thema suchen, dass sie beschäftigt. Zeinab entschied sich für etwas ganz Persönliches: die Flucht ihrer Familie aus dem Iran.

Befehl: Baby zur Ruhe bringen oder in Abgrund werfen

Auf einer DinA4-Seite fasste die 16-Jährige ihre Erinnerungen an eine mehrmonatige Odyssee zusammen, in perfektem Deutsch, in wohlgesetzten Worten, die bei aller Deutlichkeit die Schrecken dahinter nur erahnen lassen.

„Wir gehen los, ohne zu sehen wohin. Die Männer, die uns führen, sind streng, erwarten absolute Disziplin und Ruhe. Meine kleine Schwester ist unruhig und weint. Einer der Männer wird aufmerksam und befiehlt meiner Mutter schreiend, meine Schwester zur Ruhe zu bringen oder sie in den Abgrund zu werfen.“

In der Schule beschimpft und beleidigt

Es ist diese Situation, die Zeinab wohl nie in ihrem Leben vergessen wird, die sie als schlimmstes Erlebnis dieser Zeit in Erinnerung hat. Dies, und die Trennung von ihrem Vater. Der ist in dieser Nacht nicht dabei. Es ist der zweite Fluchtversuch. Beim ersten wurde die Familie getrennt; der Vater kam weiter, die Mutter mit den Kindern musste zurück. Zurück nach Teheran. Zeinabs Eltern wurden in Afghanistan geboren, kamen als Kinder in den Iran, lernten sich dort kennen und gründeten eine Familie.

Zeinab ist die älteste Tochter. „Ich bin dort aufgewachsen, aber ich konnte nicht zur Schule zu gehen. Ich wurde als Afghanin anders behandelt, oft beleidigt“, erzählt sie im Gespräch. „Aber ich hatte trotzdem Freunde, mit denen ich lesen und schreiben gelernt habe.“ Die Eltern wollten eine bessere Zukunft für ihre Kinder und entschlossen sich zur Flucht nach Deutschland.

Polizisten schießen, Familien auseinandergerissen

Den gefährlichen, strapaziösen Fußmarsch durch den Iran nahm Zeinabs Mutter auch ohne ihren Mann noch einmal auf sich. Zeinab sagt: „Ich wusste ja eigentlich nichts, ich war elf Jahre alt. Ich hab’ gedacht, ich bin in einem Tag in Deutschland.“ Mit wenig Gepäck, von dem unterwegs auch noch einiges verloren ging, brachen sie auf.

„Der Weg fordert übermenschliche Anstrengungen, wir haben weder Essen noch Trinken. Plötzlich tauchen türkische Polizisten auf und fordern uns zur Umkehr auf. Zirka 1000 Menschen ergreifen die Flucht. Polizisten schießen. Die Menschenmenge gerät außer Kontrolle, Familien werden auseinandergerissen, viele werden verletzt. Zu unserem großen Glück befand sich meine Familie im vorderen Teil der Kolonne. Dadurch bleiben wir verschont.“

In der Nacht auf einem Boot durchs Mittelmeer

Von der iranisch-türkischen Grenze aus ging es im Auto weiter nach Istanbul, von dort mit dem Bus weiter, berichtet Zeinab. 15 Tage habe die Familie in einem Camp in der Türkei verbracht. Ein erster Versuch, mit dem Boot nach Griechenland zu fahren, scheiterte. Die Polizei erwischte sie. Beim zweiten Mal schaffte die Gruppe es.

„Während andere friedlich in ihren Betten schlafen, sitze ich voller Ungewissheit seit einer Dreiviertelstunde auf einem Boot mitten im Meer. Die Dunkelheit macht die ganze Situation noch schrecklicher. Eine Situation, die niemand erleben möchte.“

45 Personen saßen in dem kleinen Boot, in dem es, so Zeinab, um Leben und Tod ging. „Es war richtig kalt, einige sind nass geworden“, erzählt sie, „ich hatte viel Angst, habe die Augen zugemacht und einfach nur gehofft, dass wir ans Ziel kommen.“ Das Ziel war die griechische Insel Chios.

Camp auf Chios: Hilfe und Zuversicht

„Die Umstände hier sind nicht menschenwürdig. Selbst einfachen Bedürfnissen wie Hygiene kann nicht nachgegangen werden. Meine drei Monate alte Schwester wurde mit Taschentüchern geputzt, aus der Not heraus. Schließlich gibt es an diesen Ort keine richtigen Duschen und die Toiletten sind sehr schmutzig. Wenn man schon daran denken muss, dass es manchmal kein Essen gibt, noch das geringere Übel. Es kommt öfters zu Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Afghanen, es wird alles getan, um die Flucht weiter fortführen zu können. Nicht genug Kleidung, Sachen werden entwendet, Eltern schlagen ihre Kinder. Erst nach fünf Monaten geht die Reise weiter.“

Irgendwann durften Helfer ins Camp kommen, die die Flüchtlinge mit Suppe und Kleidung versorgten. Zeinab erinnert sich vor allem an Veronika und Mike aus Deutschland: „Ich werde sie nie vergessen. Da habe ich gemerkt, wie menschlich man sein kann.“ Sie haben den Aufenthalt auf Chios wohl etwas erträglicher gemacht, so wie auch Zeinabs Einstellung selbst ihr durch diese Monate geholfen haben dürfte.

Rafina: ein fast normales Leben

Optimistisch, aufgeschlossen, unerschrocken, wissbegierig: Zeinab erscheint als fröhliches junges Mädchen, das immer versucht, das Beste aus der Situation zu machen. So hat sie auf Chios, auf einem Teppich im Freien neben den Toiletten, Englisch gelernt. Anderen Unterricht gab es nicht. Das änderte sich erst an der nächsten Station der Flucht. Diesmal fuhr die Familie mit einem großen Schiff und ganz offiziell nach Rafina, einer kleinen Hafenstadt in der Nähe Athens.

„Ein ganz anderer Ort, doch im gleichen Land. Die Umstände ganz anders. Jede Familie hat die Möglichkeit erhalten in einem kleinen Haus zu leben, es gibt sogar Spielplätze. Endlich geht mein Weg zur Schule, die Kinder aus dem Camp begleiten mich. Alles scheint wieder gut zu sein, die Geschichte endet trotzdem nicht hier.“

Deutsch lernen für die neue Heimat

Von einem fast normalen Leben berichtet Zeinab, mit Musik, Festen, Besuchen und viel Spaß. Unterrichtet wird an der Schule in Griechisch. Das reichte ihr nicht. Sie sprach im Camp eine Deutsch sprechende Helferin an, fragte nach dem Alphabet und ersten Worten, schrieb alle Buchstaben auf.

Angekommen im MK: Zeinab Rezai (links) und ihre Freundin Evla Berin Yamaner, die aus der Türkei nach Deutschland kam, besuchen gemeinsam das Gymnasium.
Angekommen in Altena: Zeinab Rezai (links) und ihre Freundin Evla Berin Yamaner, die aus der Türkei nach Deutschland kam, besuchen gemeinsam das Gymnasium. © Hilde Goor-Schotten

„Ich habe gelernt, gelernt, gelernt. Und das auch meinen Geschwistern beigebracht“, erzählt das junge Mädchen. „Ich wusste, wir wollen nach Deutschland. Also habe ich Deutsch gelernt.“ Ansporn war der nun wieder regelmäßige Kontakt zum Vater, der sich mittlerweile in Deutschland eine Existenz aufbaute. Nach vier Monaten in Rafina und einem Jahr der Trennung gab es ein Wiedersehen.

Freunde gefunden auf der Fluchtroute

„Unsere Reise geht weiter. Nachdem wir die Erlaubnis bekommen haben, nach Deutschland einreisen zu dürfen, sind wir mit dem Flugzeug nach Düsseldorf geflogen. Dort kamen wir in verschiedene Camps. Natürlich war es eine schwere Zeit, da uns mein Vater nicht besuchen durfte, aber wir waren in Sicherheit. Nach einem Jahr durften wir alle zusammen in eine eigene Wohnung nach Altena ziehen und jetzt besuche ich das Burggymnasium und wir haben uns hier eingelebt. Ich bin sehr glücklich, dass wir die Reise geschafft haben und zusammen leben können.“

Ihre Deutschkenntnisse reichten, um sich den neuen Mitschülern vorzustellen. Mittlerweile spricht sie perfekt Deutsch. „Ich habe mir viel Mühe gegeben, viel geschrieben, viel Fernsehen geschaut und viele Kontakte gesucht“, erinnert sich Zeinab. Das fiel ihr leicht – so wie sie schon während der Flucht überall Freunde gefunden hat, mit denen sie heute noch in Verbindung steht. „Ich bin glücklich, dass ich so vieles gesehen habe und so viele Menschen aus verschiedenen Ländern kennengelernt habe“, sagt sie.

Zeinab: „Vergangenheit sehen für bessere Zukunft“

Mitschülern am BGA möchte sie diese Hilfe weitergeben. So hat sie ihre beste Freundin Evla Berin Yamaner getroffen, die vor zwei Jahren aus der Türkei nach Altena kam. „Ich bin ein Mensch, der sofort Kontakt aufnimmt, der neue Leute kennenlernen möchte“, sagt Zeinab.

Das passt perfekt zu ihrem Berufswunsch: „Ich möchte Journalistin werden.“ Als nächstes plant sie eine Reportage über die Kinder, die im Iran nicht zur Schule gehen können. Und dann vielleicht ein Buch über ihre Erlebnisse. „Ich möchte, dass die Leute nicht nur aus der Tagesschau etwas davon erfahren. Sondern von Menschen, die das selbst erlebt haben.“ Vergessen möchte sie das alles nicht: „Wenn man eine bessere Zukunft haben möchte, muss man auch die Vergangenheit sehen.“

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