Ungewöhnlicher Alltag

Asperger-Autist aus Altena: Ein Leben ohne Filter

Christian Kißler verhält sich auffallend anders. Und das hat einen Grund. Er ist Autist mit Asperger-Syndrom, was ihn nicht daran hindert, sich politisch zu engagieren und an seiner Doktorarbeit zu arbeiten.

Altena – Wenn etwas passiert, womit er nicht gerechnet hat, kann es passieren, dass Christian Kißler einfach das Bewusstsein verliert. Der 30-Jährige ist Autist mit Asperger-Syndrom. Er sitzt für die Linken im Kreistag und Stadtrat, hat drei Studienabschlüsse und arbeitet an seiner Doktorarbeit. Dennoch kann er nur unter größter Anstrengung eine Tiefkühlpizza zubereiten.

StadtAltena
LandkreisMärkischer Kreis
Fläche44,29 km²
Einwohner16.718 (31. Dez. 2019)

Freundliche Begrüßung, aber kein Augenkontakt

Schon bei der Begrüßung fällt auf, dass Christian Kißler sich anders verhält, als es gesellschaftlich üblich ist. Man wird freundlich willkommen geheißen, allerdings gibt es keinen Augenkontakt. Kißler spielt auf seiner Nintendo Switch. Im Anschluss checkt er sein Handy. Vor ihm steht ein eingeschalteter Laptop.

„Ich kann Leute ansehen. Es ist aber mehr ein Starren, das oft als unangenehm empfunden wird“, erklärt er. Seine Bewegungen sind schnell, er wirkt aufgewühlt. Auf seinem Stuhl wippt er vor und zurück, blickt durch den Raum und zu seiner Ehefrau Julia Kißler. Nicht nur bei Gesprächen in Kißlers Wohnung ist das so.

Alles wird manuell gesteuert

Sein Verhalten hat einen besonderen Grund. Wegen seiner neurologischen Störung fehlt Christian Kißler eine Filterfunktion im Gehirn. Autismus ist eine Erkrankung mit organischer Ursache. Der Betroffene muss Prozesse, die bei anderen Menschen unterbewusst ablaufen, gezielt steuern. Beispielsweise beim Sprechen ist das so: mit Stimmhöhe und Lautstärke.

Das Asperger-Syndrom

Beim Asperger-Syndrom handelt es sich um eine besondere Form des Autismus. Die Störung hat eine neurologische Ursache. Von anderen Autismusformen unterscheidet sich Asperger dadurch, dass meist eine unbeeinträchtigte Sprachentwicklung vorliegt. Auch die Intelligenz ist nicht vermindert. Schwierigkeiten bei der sozialen Interaktion und Kommunikation sind charakteristisch.

Auch Wahrnehmung und Reizverarbeitung laufen anders. Typisch sind sensorische Über- und Unterempfindlichkeiten und Probleme bei der Reizfilterung. Die Fähigkeit, Gestik, Mimik oder Blickkontakt bei anderen Personen zu erkennen, diese auszuwerten oder selbst auszusenden ist ebenfalls beeinträchtigt. Das Kommunikationsverhalten von Personen mit Asperger kann dadurch ungeschickt wirken. Von ihrer Umwelt werden sie leicht als wunderlich wahrgenommen.

Gelegentlich – so wie im Fall von Christian Kißler – fällt die Störung mit einer Hoch- oder Inselbegabung zusammen. Wie alle Formen von Autismus unterliegt auch Asperger einem starken genetischen Einfluss. Gründen Autisten eine Familie, ist es möglich, dass sie die Störung an ihre Kinder vererben. Christian und Julia Kißlers Familienplanung beeinträchtigt dies aber nicht. Quelle: Wikipedia

Wenn sich Christian Kißler in einer belebten Umgebung mit anderen unterhält, sorgt der fehlende Filter für große Anstrengung. Es muss gar kein großes Event sein – schon eine Familienfeier reicht aus. „Wenn ich mich mit anderen unterhalte und ein paar Meter weiter unterhält sich jemand, höre ich beide Gespräche in voller Lautstärke und kann auch jederzeit in beide Gespräche einsteigen“, schildert er.

„Normalerweise sollte es so sein, dass die Umgebungsgeräusche in den Hintergrund treten und sich das Gehirn voll auf die Unterhaltung mit dem eigentlichen Gesprächspartner fokussiert.“ Dieser Mechanismus funktioniert bei Kißler nicht.

Körper wechselt in den Notbetrieb

„Das ist überlastend“, sagt er, und kann zum sogenannten „Shutdown“ führen. Dabei wird das Gehirn derart mit Reizen überflutet, dass es in den Notbetrieb herunterfährt und ums Überleben kämpft. Nur noch die beiden Urinstinkte funktionieren: Flüchten und Angreifen. „Ich werde zum Glück nicht aggressiv, sondern laufe einfach weg“, erzählt Kißler von seiner Erkrankung.

„Dann muss man mich verwirrt irgendwo einfangen.“ Ein Shutdown kann heftige Folgen haben, zum Beispiel, dass Kißler tagelang nicht normal reden kann. Wenn die Reizüberflutung einsetzt, kann es auch passieren, dass sein Körper völlig in den Selbstschutzmodus wechselt. Dann wird er einfach bewusstlos. Auch beim Telefonieren im eigenen Haus sei ihm das schonmal passiert.

Das Ehepaar Kißler und ihre Pokémon-Sammlung: Christian Kißler lebt mit dem Asperger-Syndrom. Wegen der Störung gestalten der 30-Jährige und seine Frau Julia ihren Alltag alles andere als gewöhnlich.

Allgemein ist der Haushalt für Christian Kißler mit besonderen Gefahren verbunden. Der Altenaer hat kein Temperaturempfinden, kann sich deswegen beim Duschen schnell verbrühen. Ebenso fehlen ihm Hunger- und Durstgefühl. Vertieft er sich in seine Arbeit, vergisst er nicht nur Ort und Zeit, sondern auch zu essen und zu trinken. Es kann dann passieren, dass er den ganzen Tag über keine Nahrung zu sich nimmt.

Seine Arbeit ist dem 30-Jährigen extrem wichtig. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Technischen Universität Dortmund und über seinen Beruf sehr froh. Hätte er ihn nicht, wäre er wohl arbeitsunfähig, sagt er. An der TU Dortmund befasst sich Kißler mit Statistik, hält Vorträge vor Studierenden. Sein Arbeitsplatz ermöglicht ihm flexible Arbeitszeiten, was er besonders schätzt.

Politisch engagiert in Altena und dem MK

In seiner Freizeit engagiert sich der Altenaer politisch. Er ist Ratsmitglied und Kreistagsabgeordneter für die Linkspartei und kandidierte im vergangenen Jahr als Landrat. „Man kann und sollte sich auch als Mensch mit Behinderung engagieren“, sagt Kißler. Rationales und analytisches Denken seien klare Stärken von Asperger-Autisten. Diese wolle er einbringen. Vorträge vor Leuten zu halten oder im Team zu arbeiten, sei für ihn grundsätzlich kein Problem.

Brockhaus-Bände im Arbeitszimmer: Christian Kißler hat eine Inselbegabung. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dortmund.

Kißler hat eine Inselbegabung, kann gut mit Zahlen umgehen und wissenschaftlich arbeiten. Er hinterfragt Dinge kritisch und möchte sie möglichst umfassend verstehen. Insgesamt hat der Altenaer drei Studienabschlüsse und arbeitet gerade an seiner Doktorarbeit. Gleichzeitig ist es für ihn aber eine riesige Herausforderung ein Essen zuzubereiten oder einen Kaffee zu kochen.

Seine Ehefrau hat ihm Zeichnungen angefertigt, auf denen zu erkennen ist, wie die Haushaltsgeräte bedient werden. Abläufe kann sich Kißler nicht gut merken, sein episodisches Gedächtnis ist durch das Asperger-Syndrom beeinträchtigt. Fakten verinnerlicht er dagegen in Sekundenschnelle, fast fotografisch.

Pokémon-Spiel hilft beim Filtern

In vielen Bereichen finden Kißler und seine Frau Strategien, um alltägliche Probleme zu bewältigen. Einiges bleibt unterm Strich aber auch einfach anders: Auf Kißlers Teller dürfen sich Erbsen und Kartoffeln nicht berühren; das stresst ihn.

Beim Filtern von Reizen hilft es dem 30-Jährigen auf der Switch oder auf dem Smartphone zu spielen. Am liebsten das Videospiel Pokémon: „Das Spiel ist super, weil es darin total viel um Statistik geht“, meint er. Vereinfacht gesagt funktioniert Pokémon ähnlich wie Schach. Es sei aber viel facettenreicher, schwärmt Kißler. In der Wohnung hat er eine Pokémon-Sammlung aufgebaut. Unter anderem auf der Couch sitzen die zahlreichen Plüsch-Figuren.

Pokémon-Figuren schmücken das Sofa der Kißlers.

Eine andere Möglichkeit, Reize zu filtern, ist der „Rappel“, eine Art Stoffraupe, die sich in der Hand kneten lässt. „Das hilft mir, mich zu konzentrieren und die Gedanken zu ordnen.“ Allerdings entstehe dabei auch eine Art Abhängigkeit, denn wenn der „Rappel“ mal nicht zu finden ist oder zu Hause vergessen wird, sei „die Panik groß“.

Chronische Depression entwickelt

In der Schule malte er nebenbei abstrakte Muster, um dem Unterricht besser folgen zu können. Häufig sei ihm aber vorgeworfen worden, dass er abgelenkt ist und nicht aufpasst. „Wenn ich etwas anderes mache und keinen Augenkontakt halte, ist das nicht unhöflich gemeint. Es wird aber oft so aufgenommen“, berichtet Kißler.

In der Schule fühlte er sich deshalb oft missverstanden. Er war verzweifelt, entwickelte Depressionen, die heute chronisch sind. Trotzdem schaffte er es, das normale Abitur zu absolvieren. In der elften Klasse durfte er anfangen, nebenbei an der TU Dortmund zu studieren.

Gesichtsblindheit erschwert Kontakte

Zwischenmenschliche Kontakte zu pflegen fällt dem 30-Jährigen bis heute schwer. Einer der Gründe dafür ist seine Gesichtsblindheit. Durch das Asperger-Syndrom kann er Menschen nur selten wiedererkennen. Das macht sich sogar bei Filmabenden mit seiner Frau bemerkbar – oft verwechselt er die Charaktere, weil er sich die Gesichter nicht merken kann.

Um mit den vielen Problemen des Alltags klarzukommen, muss sich Kißler jeden Tag den Herausforderungen stellen und so trainieren. Corona hat das sehr schwer gemacht und Kißler einen großen Teil seines Trainings genommen. Bis er wieder eine Kirmes besuchen kann, wird es wohl Jahre dauern, schätzen er und seine Frau.

Einen Wohlfühlraum, der einem Kinderzimmer gleicht, hat sich Christian Kißler unter dem Dach eingerichtet. Er und seine Frau Julia führen in Altena ein besonderes Leben.

Auch Freundschaften sind für den 30-Jährigen eine Herausforderung. „Ich melde mich nicht bei Leuten, wenn nichts Wichtiges anliegt.“ Manche haben Verständnis dafür, andere fühlen sich vernachlässigt. Christian Kißler erschließt sich der Sinn von Small Talk nicht. „Entweder interessiert mich etwas, dann frage ich, oder es interessiert mich nicht.“

Der Altenaer denkt rein rational, achtet sehr genau auf Formulierungen. Fragt ihn seine Frau, ob er ihr ein Glas Wasser reichen könne, beantwortet er diese Frage mit „Ja“, das Glas gibt er ihr aber nicht. Sie hat nur gefragt, ob er es könne, und nicht, ob er es auch mache. Kißler meint das weder scherzhaft noch böse. Er reagiert bloß auf die wörtliche Anweisung.

Wer ist eigentlich wirklich der „Normale“

Auch umgekehrt äußert sich dieses Problem, denn Christian Kißler stellt sehr direkte Fragen. In einer E-Mail an seinen Vorgesetzten würde er schreiben: „Wollen wir unser Treffen nicht als Videokonferenz durchführen?“ Meist liest Julia Kißler solche E-Mails gegen.

Sie weist den 30-Jährigen darauf hin, dass es besser wäre zu schreiben: „Wäre es möglich, dass...“ Er: „Sowas sehe ich einfach nicht und es ist auch nicht logisch. Natürlich ist es möglich, das als Videotelefonat zu machen. Die Frage ist doch, ob man es will!“ Sachlich betrachtet hat Kißler damit Recht. Und doch ist die andere Formulierung gesellschaftlich verträglicher.

Im Gespräch mit Christian Kißler denkt man ernsthaft darüber nach, wer eigentlich wirklich der „Normale“ ist. Warum sagt nicht jeder das, was er tatsächlich meint? Über die Störung und die Gesellschaft hat auch Kißler viel nachgedacht. „Wenn der Großteil der Menschen Asperger-Autisten wären, würde die Welt auch funktionieren. Sie sähe nur völlig anders aus“, ist er überzeugt.

Rubriklistenbild: © Maximilian Birke

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