Apotheker schlägt Alarm

Liefer-Engpässe: 120 Medikamente nicht verfügbar

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Leere Schubladen in der Apotheke: Rund 120 Medikamente sind derzeit nicht lieferbar.

Altena – Mehrfach am Tag muss Apotheker Dirk Voss Kunden ohne Arznei nach hause schicken: 120 Medikamente sind derzeit nicht lieferbar. Er glaubt: Der Engpass kann sich ausweiten.

„Wir haben um die 5000 Medikamente im Bestand, im Moment sind davon rund 120 nicht lieferbar“, sagt  Apotheker Dirk Voss, dem neben der Bahnhofs- auch die Markt- und Phönixapotheke in Nachrodt gehört. Er spricht von einem großen Ärgernis und befürchtet, dass die Situation sich weiter zuspitzen wird. 

Der Grund für den Medikamentenmangel sieht der Altenaer im zunehmenden Kostendruck. Betroffen sind in erster Linie Generika, also Medikamente, deren Patentschutz ausgelaufen ist und die nun von jedermann hergestellt werden dürfen. 

Wirkstoffe kommen oft aus dem Ausland

Über Rabattverträge versuchen die Krankenkassen, ihre Ausgaben für diese Medikamente möglichst gering zu halten. Dabei können zwar nur deutsche Hersteller zum Zuge kommen, doch die bezögen die Wirkstoffe ihrer Medikamente oft kostengünstig im Ausland. „Und genau da liegt das Problem“, sagt Voss. 

Apotheker Dirk Voss.

Manchmal gibt es nämlich nur noch sehr wenige Hersteller dieser Wirkstoffe. Komme es bei einem davon zu Problemen, dann habe das sofort Folgen. Beispiel Blutdrucksenker mit dem Wirkstoff Sartan: In vielen Mitteln wurden krebserregende Stoffe nachgewiesen, diese Präparate wurden vom Markt genommen – ohne dass für Ersatz in der erforderlichen Menge gesorgt werden konnte. 

Betroffene müssen zwei Medikamente nehmen

„Alternativen gibt es immer“, betont Voss. Es könne also nicht von einer problematischen Situation gesprochen werden. Wohl aber von einer schwierigen, wie der Apotheker am Beispiel von jodhaltigen Schilddrüsenmedikamenten erklärt. 

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Die gibt es gerade nicht. Wer auf sie angewiesen ist, muss jetzt statt einer zwei Pillen schlucken: einmal das Präparat für die Schilddrüse und dann noch eine Jodtablette. Gerade für ältere Menschen seien solche Umstellungen oft nicht ganz einfach, weiß Voss und weist auch auf mögliche Wechselwirkungen hin. 

Verträglichkeit prüfen

Wenn ein Patient mehrere Medikamente nehmen muss, dann muss bei jedem Wechsel überprüft werden, ob und wie sich ein neues Medikament mit den anderen verträgt. „Die Therapiesicherheit leidet darunter“, meint der Apotheker. 

Der Medikamentenmangel ist seit Wochen in aller Munde. Wie kann es da sein, dass Ärzte noch Medikamente verordnen, die gar nicht zu bekommen sind? „Das ändert sich täglich“, sagt Voss. Die Ärzte könnten deshalb kaum einen Überblick haben, welche Medikamente gerade knapp sind. 

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Riesenaufwand für alle

Und was passiert, wenn ein Kunde ein Rezept für ein Medikament vorlegt, das es gerade nicht gibt? „Dann ist es unsere Aufgabe, nach Alternativen zu suchen“, sagt Voss. Das können er und seine Mitarbeiter aber nicht im Alleingang tun. „Wir sprechen das natürlich mit dem Arzt ab, der dann ein neues Rezept ausstellen muss.“ Viel Aufwand für alle Beteiligten.

Ärzte sind faktisch gezwungen, die rabattierten Medikamente zu verschreiben. Wer zu oft gegen die Vorgaben der Kassen verstößt, laufe Gefahr, von ihnen in Regress genommen zu werden. 

Krankenkassen sparen 4,4 Milliarden Euro

„Die Rabattverträge für Generika ermöglichen Einsparungen ohne Verlust an Qualität in der Arzneimittelversorgung“, schreibt die AOK. 2018 hätten die gesetzlichen Krankenkassen so rund 4,4 Milliarden Euro einsparen können. Der Anteil der elf deutschen AOK lag bei 1,79 Milliarden Euro. Sie haben zum Monatswechsel neue Verträge abgeschlossen, inzwischen sind 292 Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen betroffen. Mit ihnen erzielen AOK-Versicherte ein jährliches Umsatzvolumen von 5,7 Milliarden Euro.

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