1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Altena

Angst vor einem Krieg: Vom Sinn oder Unsinn Vorräte anzulegen

Erstellt:

Von: Susanne Fischer-Bolz

Kommentare

Fachleute raten, sich für Notfälle einen Vorrat anzulegen.
Fachleute raten, sich für Notfälle einen Vorrat anzulegen. © Henning Kaiser

Weder Altenas Bürgermeister Uwe Kober noch seine Amtskollegin Birgit Tupat aus Nachrodt-Wiblingwerde wollen private Vorräte für Kriegszeiten anlegen. Nicht nur sie reagieren skeptisch auf den Aufruf von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges Vorsorge für den Krisenfall zu treffen.

Altena/Nachrodt – „Jetzt werden alle losstürmen“, sagt die parteilose Nachrodter Bürgermeisterin Birgit Tupat und es ist ihr überhaupt nicht wohl dabei. Nachdem Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) den Bürgern vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges geraten hat, Vorsorge für den Krisenfall zu treffen, seien die Bürger mehr denn je verunsichert. Es wächst die Sorge vor einem Zusammenbruch der Infrastruktur, es wächst die Angst vor einem Dritten Weltkrieg.

Wenn tatsächlich mal der Strom ausfällt...

„Jeder hofft, dass es nicht zu einem Dritten Weltkrieg kommen wird. Ich kann und will mir das auch nicht ausmalen. Aber dann würden mir auch keine 30 Kilo Nudeln etwas nützen“, so Altenas Bürgermeister Uwe Kober (CDU). Er wird sich jetzt nicht eindecken. Auch nicht, wenn die Bundesinnenministerin appelliert: „Denken Sie zum Beispiel an Cyberattacken auf kritische Infrastruktur. Wenn tatsächlich mal länger der Strom ausfällt oder das tägliche Leben auf andere Art und Weise eingeschränkt wird, dann ist es auf jeden Fall sinnvoll, einen Notvorrat zu Hause zu haben.“

„Es wird zu Hamsterkäufen kommen“

Birgit Tupat als auch Uwe Kober befürchten, dass die Menschen aufgrund des Aufrufes nicht nur einen Notvorrat anlegen, sondern es zu erheblichen Hamsterkäufen kommen wird. „Es wird noch mal eine höhere Stufe der Eskalation beim Einkaufen geben“, glaubt Birgit Tupat. Nicht nur Öl und Mehl, auch Nudeln und Reis und viele andere Lebensmittel würden nach Hause geschleppt werden, wo sie möglicherweise irgendwann vergammeln, während andere vor leeren Regalen stehen müssten.

Raviolo kalt?

„Und wenn wir keinen Strom haben, können wir auch keine Nudeln zubereiten. Vielleicht Ravioli kalt essen. Soll ich mir einen Bunsenbrenner in den Schrank stellen?“, schüttelt Birgit Tupat angesichts dieser Vorstellung mit dem Kopf. Da sie bei sich zu Hause keinen Keller hat, wüsste sie auch nicht, wo sie mögliche Vorräte unterbringen sollte. „Und genügend Wasser habe ich sowieso immer im Haus. Das hat nichts mit der Krise zu tun“, so die Bürgermeisterin der kleinsten Gemeinde des Märkischen Kreises.

Öl aus Ungarn

Uwe Kober hat einen Keller im Haus. „Wir kommen sicher mal 14 Tage zurecht“, sagt der Altenaer Verwaltungschef, der jetzt in Ungarn war und sich von dort vier Liter Öl mitgebracht hat. „Die Leute dort haben sich kaputt gelacht. Wie, ihr habt kein Öl und Mehl mehr? Das stand dort palettenweise in jedem Kaufhaus“, erzählt Uwe Kober. Zum Aufruf von Bundesinnenministerin Nancy Faeser sagt Uwe Kober: „Ich finde das übertrieben. Mit so etwas kann man die Leute verrückt machen. Ich gehe davon aus, dass die Bürger in Panik ihre Einkaufswagen bei Aldi und Co. bis oben hin vollpacken.“

„Ich bin kein Hellseher“

Uwe Kober sieht trotz der Krisensituation, „die so oder so die Welt verändern wird“, keinen Grund zum Überreagieren. „Ich bin aber auch kein Hellseher, weiß nicht, was in ein paar Tagen oder in vier Wochen passiert“, räumt er ein und hat sich natürlich auch über Schutzbunker in Altena Gedanken gemacht. „Ich habe mal im Stillen überlegt, dass der Burgaufzug ja geeignet wäre.“ Doch Menschenmassen könnten dort im Ernstfall nicht unterkommen. Andere Bunker, die es in Altena einst gegeben hat, sind zugeschüttet und verfüllt worden. Wie das AK erfahren hat, gibt es wohl nur einen Privatbunker auf dem Hof Bredde auf Rosmart.

Vier Schutzbunker in Nachrodt

In Nachrodt-Wiblingwerde gab es einmal vier Schutzbunker, wie Friedrich Petrasch erzählt: zwei im Steinbruch gegenüber vom Nachrodter Hof, einen Betonbunker hinter den Walzwerken Einsal und einer gegenüber von Reynolds mit zwei Mundlöchern. Doch alle sind zugeschüttet, teilweise gibt es Öffnungen für Fledermäuse.

„Man kann diesen Menschen nicht berechnen“

Fakt ist: Für den Ernstfall sind keine Schutzräume vorhanden. Mehr und mehr machen sich die Menschen Gedanken darüber. Ausschlaggebend für die Furcht ist die Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine. Deutschland hat zudem die Ausbildung ukrainischer Soldaten an westlichen Waffensystemen angekündigt und könnte zu einer Kriegspartei im eskalierten Konflikt werden. Das schlussfolgerte zumindest der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags in einem Gutachten. Und spaltet die Deutschen. „Ich möchte die Entscheidungen nicht fällen, aber ich befürchte, dass Putin damit noch mehr gereizt wird. Man kann diesen Menschen nicht berechnen“, sagt Birgit Tupat.

„Wenn jeder losrennt, bricht ein Chaos aus“

Genauso beurteilt es auch Uwe Kober. „Die große Diplomatie ist eher gefordert.“ Dagegen glaubt Manfred Haupt, Vorstand der Altenaer Baugesellschaft, nicht mehr daran, dass es eine friedliche Lösung geben kann. „Ich bin Pazifist, aber ich finde es richtig, alles zu tun, um den Ukrainern zu helfen. Und dazu gehören auch schwere Waffen.“ Manfred Haupt ist übrigens sehr entspannt, wenn es um das eigene Leib und Wohl geht. „Ich habe immer einen kleinen Vorrat zu Hause. Wenn das nicht ausreicht, habe ich Pech gehabt. Wenn jeder Bürger jetzt losrennt, bricht ein Chaos aus.“

Kein Freund von „Hand in den Mund“

Ursula Schöllnershans, stellvertretende Vorsitzende des Pfarrgemeinderates St. Matthäus, gibt zu bedenken, dass die Empfehlung, sich mit dem Wichtigsten einzudecken, nicht neu sei, sondern auch längst vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz herausgegeben wurde. „Ich bin ohnehin nicht so ein Freund von der Hand in den Mund. Gewisse Lebensmittel habe ich immer im Haus, unabhängig vom Krisenfall, weil ich nicht ständig in Geschäften stehen will“, erzählt sie. Gemüse, Konserven, Nudeln, Reis und Mehl („weil ich gerne backe und koche“), gebe es grundsätzlich. „Ich glaube auch nicht, dass die Bundesinnenministerin mit ihrem Vorstoß die Menschen noch mehr verunsichern kann, als sie ohnehin schon sind.“ Natürlich, so sagt Ursula Schöllnershans, werde die Sorge um eine nukleare Bedrohung immer größer, aber „ich versuche, mir die Sorgen vom Hals zu halten. Man hat genug damit zu tun, wenn sie eintreten.“ Die Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine befürwortet sie. „Putins Angriffskrieg ist unsäglich. Die Ukraine muss in die Lage versetzt werden, sich verteidigen zu können.“

Familie im Luftschutzbunker

Für Siegfried Kruse vom Heimat- und Verkehrsverein hatte Bundeskanzler Olaf Scholz keine andere Wahl mehr. Ältere Menschen, so sagt der Wiblingwerder, haben eine konkrete Furcht vor dem Krieg, weil sie sich vorstellen können, was passieren kann, „entweder aus Erzählungen oder sogar aus eigenen Erfahrungen.“ Als er geboren wurde, saß die ganze Familie im Luftschutzbunker. Siegfried Kruse befürchtet, dass der russische Präsident keine guten Berater hat, die ihn vor einem Schnellschuss warnen würden. „Wenn ich Sergej Lawrow höre, dann wird mir Angst und Bange“, sagt Siegfried Kruse, der aber keine Vorräte anlegen will.

Auch interessant

Kommentare