Wie reagiert man auf unliebsame Parolen im öffentlichen Raum? / Diskussionen ohne Gewinner

Theateraktion „SachWat“ in Altena 

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Karin Kettling und Jürgen Albrecht brachten unterhaltsame Tipps für Störungen bei Podiumsdiskussionen mit fragwürdigem Inhalt mit: Einfach mal das Handy zücken, laute Musik spielen - schon ist die Aufmerksamkeit woanders.

Altena - Jeder hat es schon mal gehört: Flüchtlinge machen Dreck, rauchen Zigaretten auf Kosten des Steuerzahlers. Und: „Die sind alle gleich!“

Karin Kettling und Jürgen Albrecht bringen das in ihrer Theateraktion „SachWat“ herrlich überspitzt auf den Punkt, liefern aber gleichzeitig geschickte Argumentationshilfen, um sich den Stammtischparolen entgegenzustellen. 

Den Gästen im Pfarrsaal St. Matthäus wird ein Brecht-Stück angekündigt, doch es kommt gar nicht erst zur Aufführung. Karin Kettling echauffiert sich: „Vor vier Jahren, als ich meine feste Kulturstelle in Oberhausen verloren habe, da gab’s keine Gelder für Veranstaltungen wie die heute!“ 

Noch schlimmer: Unausgebildeten „Fachkräften“, die nun reihenweise über die Grenzen gehüpft seien, werde ein Forum in der Kultur geschaffen. Da ist die Künstlerin voll gegen, zückt spontan eine Petition für den Erhalt der deutschen Kultur - und schon sind die Zuschauer mittendrin im Thema. 

Gäste werden sofort einbezogen 

Alle Gäste werden sofort einbezogen und bekommen prompt gute Tipps, wie sie auf unliebsame Parolen im öffentlichen Raum reagieren können, ohne zum Zwischenrufer zu werden: Warum nicht mal das Smartphone zücken und laut das Lieblingslied abspielen? Warum nicht mal nervös mit dem Kugelschreiber knipsen, mit den Füßen stampfen oder immer wieder das Fenster öffnen und schließen und lautstark betonen, wie stickig die Saalluft doch ist? Alles wird direkt vor Ort mal ausprobiert - das Publikum amüsiert sich köstlich. 

Im zweiten Teil des Abends wird ernsthaft analysiert: Jürgen Albrecht schlüpft in die Rolle des Herrn Schröder, der verärgert die Zigarettenkippen der verhassten neuen Nachbarn auffegt. 

Nachbarin Frau Mutig will ihm eigentlich nur ein paar Äpfel vorbeibringen, doch es entbrennt ein hässlicher Wortwechsel, der jedes Flüchtlingsklischee bedient. Frau Mutig versucht zu beschwichtigen - am Ende stellt sich heraus, dass diese Diskussion keinen Gewinner hat. 

„Erwarten Sie bitte nicht, Gewinner sein zu können, wenn Sie sich solchen Gesprächen stellen“, raten Karin Kettling und Jürgen Albrecht in der anschließenden Analyse des Anspiels. 

In der Wiederholung zeigen beide Schauspieler auch warum: Im Argumentationswettbewerb erhalten beide Seiten jeweils 15 Punkte, weil sie die Kunst des Übertreibens, des Verbündens mit Gleichgesinnten, des Beschwichtigens, Verweigerns, Ausgrenzens, Verurteilens und Entkräftens gleichermaßen gut beherrschen. 

Parolenschwinger durchaus mal sanft entgegentreten

Jener Gleichstand jedoch, das wissen Karin Kettling und Jürgen Albrecht, führt beim einmischungswilligen Bürger oft zu Hemmungen. Wer Zivilcourage demonstrieren möchte, der könne dem Parolenschwinger durchaus mal ganz sanft entgegentreten und sagen: „Mensch, so kenne ich Dich doch gar nicht. Du warst doch immer ein weltoffener Mensch, warum nicht auch in der Flüchtlingsangelegenheit? 

Konkreten Problemen könne mit Lösungsansätzen begegnet werden: „Klar gibt es in einigen Vierteln verschmutzte Straßen. Da sind Vermieter, Nachbarn und Entsorger gefragt, mit den Verursachern gemeinsam daran zu arbeiten“, erörtert Karin Kettling. 

Lösungsorientiertes Arbeiten, das berichtet eine Dame im Publikum, habe in ihrem direkten nachbarschaftlichen Umfeld zu rührenden Szenen geführt: Aus dem Schimpfen über falsch befüllte Mülltonnen wurde eine Lektion in Entsorgung. Und aus der ist eine wunderbare Freundschaft entstanden...

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