Altenas literarische Schätze

+
Anneliese Meyer hat alte Schätzchen.

ALTENA - Vorsichtig packt Anneliese Meyer ihre mitgebrachten Bücher aus und legt sie auf den Tisch. „Ja, das sind schon Schätze“, sagt die 83-Jährige und streicht vorsichtig über ein hell eingebundenes Büchlein. „Goethe“, sagt die Burgstädterin, „Band 1 seiner ,sämtlichen Werke‘ in vierzig Bänden. Mir fehlt nur ein einziger.“

Herausgegeben wurde die Edition auf den Deutschen Dichterfürsten anno 1853 in Tübingen und Stuttgart. Verantwortlich zeichnete damals der J.G. Gotta‘sche Verlag. „Ich habe auch alle gelesen“, sagt Anneliese Meyer und es ist fast, als ob ihre Augen ein wenig Glanz bekämen.

Vorsichtig blättert sie weiter im mitgebrachten Band von Friedrich von Schiller. „Davon hat auch Gotta 15 Bücher aufgelegt“, erzählt die Frau stolz, die auf das Erscheinungsjahr 1819 mit dem Finger weist. „Ich habe auch diese Bändchen immer in Ehren gehalten“, sagt Anneliese Meyer.

Der wirkliche Schatz ihrer persönlichen Bibliothek aber ist ein etwa brikett-großes, ganz in dunkles Leder gebundenes Buch. Die „Biblia de gantsche H. Schriture“ – also die ganze Heilige Schrift von Ian Merckiz en Companie, Amsterdam, 1642 auf den Markt gebracht. „Diese Bibel in niederländischer Sprache hat einmal meinem Ur-Ur-Großvater gehört“, erzählt Anneliese Meyer.

Es ist irgendwie, als tauche man ein in die Geschichte Europas, wenn die betagte Seniorin vorsichtig die Blätter umschlägt. Der Lederband hat zwar Risse, das bedruckte Papier ist vergilbt, aber zum Beispiel der Name „Hinrich Herms“ gleich auf der ersten Umschlagseite mit der Widmung und Datum „Zum Ehrentag 1809“ sind gut zu lesen. Mit Herms kann Anneliese Meyer nichts anfangen – „so hieß niemand in unserer Ahnenreihe. Ich vermute, dieser Mann stammt aus Friesland. Wir selbst haben die Bibel erst 1842 in Familienbesitz genommen.“ Das belegt das Datum 9. Mai 1842 mit dem Namenszug Günther Meyer. „Das war ein Vorfahr“, sagt die 83-Jährige.

Ihr Vater vermachte ihr die großen deutschen Dichterfürsten und ihre Werke und die Bibel. Sich davon zu trennen: „Nein, möchte ich nicht. Na ja, vielleicht vom Schiller“, sagt sie etwas spitzbübisch, „den würde ich schon verkaufen.“

Das Lesen fällt der Rentnerin heute schwerer. „Die Augen. Aber ich muss sagen: Diese Bücher und viele mehr haben mich mein ganzes Leben treu begleitet.“

von Johannes Bonnekoh

Literarische Schätze:

Haben auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, literarische oder bibliophile Schätze in ihrer Hausbibliothek? Wenn ja, dann freuen wir uns darüber, dass Sie uns diese Schätze zeigen wollen. Wir sind interessiert an ihrem ältesten Buch, an dessen Geschichte und an ihrer Geschichte, die sie mit diesem Buch verbindet. Melden sie sich in der Redaktion unter der Rufnummer 91 87 26 oder kommen Sie direkt bei uns in der Lennestraße 48 vorbei.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare