Altenaer nach Tschernobyl verunsichert

1986 ging er noch zur Schule und engagierte sich in der Arbeitsgemeinschaft Energie und Umwelt – auch Christopher Weßelmann maß nach Tschernobyl nach und fand im Garten der Burg Holtzbrinck nur leicht erhöhte Werte. Nach seinem Abitur am BGA studierte Weßelmann Physik, heute ist er Chefredakteur der Fachzeitschrift „ATW Atomwirtschaft“ der deutschen Nuklearbranche.

ALTENA ▪ Die Strahlenwolke brauchte ihre Zeit – und noch länger dauerte es, bis im Frühjahr 1986 den Altenaern schwante, dass da was auf sie zukommt. Erst am 6. Mai 1986, also gut eine Woche nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl, fanden sich im AK-Lokalteil die ersten Hinweise: Der Märkische Kreis empfahl Kleinkindern und Schwangeren den Verzicht auf Frischmilch, warnte vor der unkontrollierten Einnahme von Jodtabletten und ordnet die Einstallung von Rindern an. Letzteres führte wenig später zu Problemen, weil das Futter knapp wurde. Eine Woche später taten sich deshalb die Wiblingwerder Landwirte zusammen, um 120 Kubikmeter Silage zu kaufen.

Einen Tag später gab‘s noch einen darauf: Die Freibäder sollten geschlossen blieben, daran hielt man sich in Altena aber nicht. Sportlern wurde geraten, Aschenplätze zu meiden – das war ein Problem, weil Sport am Burggymnasium Abiturfach war und die Prüfungen anstanden.

Also musste gemessen werden, was Feuerwehr und Ordnungsamt vor einige Probleme stellte: Sie verfügten über kein geeignetes Messgerät, hätten sich deshalb eins bei der Hemeraner Feuerwehr leihen müssen – das meldete das AK am 8. Mai und sorgte bei einer Firma in der Nette für einiges Erstaunen. Graetz Raytronic baute (und baut) nicht nur solche Geräte, sondern hatte der Wehr kurz zuvor auch eins geschenkt – und das sei natürlich zur Messung der Strahlungen nach dem Reaktorunfall in Weißrussland geeignet, versicherte die Firmenleitung und lud die Presse zum praktischen Beweis ein.

Alle Messungen ergaben eine erhöhte, aber noch nicht bedenkliche Strahlenbelastung. Trotzdem sagte der VCP Evingsen ein Pfadfinderlager ab und berief sich dabei auf Empfehlungen der Amtsärztin. Am 15. Mai schaute sich das AK auf dem Wochenmarkt um: Gemüse wurde dort ganz normal verkauft, nur Salat blieb liegen.

Am 26. Mai hatte der Reaktorunfall ein Nachspiel im Altenaer Stadtrat: Die Grünen beantragten, der damalige Bürgermeister Günter Topmann möge sich als Aufsichtsratsmitglied bei der Elektromark für deren Ausstieg aus der Stromerzeugung durch Atomkraft einsetzen. Dieses Begehren scheiterte an der geschlossenen Front aller anderen Ratsfraktionen: Deutsche Kraftwerke seien sicher, ein Alleingang des örtliches Stromerzeugers diene niemandem

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare