Blind den Alltag bewältigen

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Der weiße Stock ist für Gerhard Hammecke mittlerweile unersetzlich. ▪

ALTENA ▪ Erneuer doch mal die Glühbirne. Ich kann ja die Scheibe gar nicht mehr erkennen“, sagte Gerhard Hammecke vor etwa 15 Jahren zu seinem Kollegen beim Schießclub Nachrodt. „Die leuchtet wie immer“, erwiderte der andere Schütze und Gerhard Hammecke wurde bewusst, das etwas mit seinen Augen nicht stimmte. Heute besitzt der 78-Jährige nur noch einen kleinen Rest seiner Sehstärke. Zum heutigen „Tag des weißen Stocks“ will auch der Burgstädter auf die Probleme blinder Menschen aufmerksam machen.

Der gelernte Maler- und Anstreicher leidet unter altersabhängiger Makula-Degeneration. Das bedeutet, dass durch das Absterben von Netzhautzellen die Sehfähigkeit im zentralen Gesichtsfeld beeinträchtigt wird. „Wenn ich geradeaus schaue, sehe ich nur noch einen dunklen schwarzen Tunnel“, beschreibt der Rentner seine Wahrnehmung. Daneben könne er nur noch am Rande helle und dunkle Stellen unterscheiden.

Trotzdem will der gebürtige Burgstädter weiter am täglichen Leben in Altena teilnehmen. Vor allem der Blinden- und Sehbehindertenverein Altena/Werdohl ist ihm dabei eine große Hilfe. „Wir treffen uns mindestens zweimal im Jahr zu Informationsabenden“, erzählt Hammecke und schwärmt weiter von gemeinsamen Kegelabenden – „dabei führen uns Sehende auf die Bahn“ – und einem Ausflug nach Berlin. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag hatte den Verein dazu eingeladen.

Im Alltag ist Gerhard Hammecke auf die Unterstützung seiner Frau Marianne und seiner Tochter angewiesen. Nur Spaziergänge rund um seine Wohnung In der Heimecke bewältigt er gern noch alleine. Mit dabei ist dann der Dackel „Buffi“. „Ich kenne die Wege unterhalb des Nettenscheid ja noch von früher“, erklärt Hammecke, wie er sich orientiert. Ganz vorsichtig gehe er dann spazieren. „Einfach den Absatz aufsetzen und abrollen. Einfach ganz ruhig“, sagt der 78-Jährige.

An die erste Zeit seiner Erblindung hat Gerhard Hammecke nicht so gute Erinnerungen. „Warum grüßt du mich denn nicht mehr?“, wurde er von Bekannten bei Spaziergängen durch die Burgstadt gefragt. „Das sind Situationen die einem einfach sehr Nahe gehen“, erzählt der Rentner.

Auch die Hilfsbereitschaft vieler Menschen hielt sich in bei einigen seiner Erfahrungen in Grenzen. „Kannst du nicht lesen, das steht doch oben auf dem Schild“, polterte ein Busfahrer, den Hammecke nach seinem Zielort fragte.

Mit dem „Tag des weißen Stockes“ endet heute die Woche des Sehens. Der Blinden- und Sehbehindertenverein möchte damit darauf aufmerksam machen, „wie wichtig Beratung, Information und der Austausch unter Betroffenen sind, um die Auswirkungen einer Augenerkrankung zu verarbeiten.“

Der Vorsitzende des Vereins, Arthur Krolzik, will zudem auf die Probleme von blinden und sehbehinderten Menschen aufmerksam machen. „Vor allem die Barrierefreiheit ist hier zu erwähnen“, so Krolzik. Genau die vermisst Gerhard Hammecke an einigen Stellen in der Burgstadt. So verfügt die Fußgängerampel am Bahnhof über kein akustisches Signal. „Da muss mir meine Frau immer sagen, wann wir rüber gehen können“, erzählt der Altenaer.

Gerhard Hammecke wirbt nicht nur deshalb für seinen Verein: „Ich kann jedem Blinden oder Sehbehinderten empfehlen, dort hin zu gehen und Rat zu suchen. Mir haben die Aufklärungsgespräche sehr geholfen.“

Der Blinden- und Sehbehindertenverein Altena/Werdohl ist erreichbar unter Tel. 02392/91 37 77. ▪ David Schröder

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