1. Integrationspreis der Bundeskanzlerin

„Altenaer, bitte Hand hoch!“

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„Wo soll ich beim Abschlussfoto stehen?“ – Der Bürgermeister und die Altenaer blieben bescheiden und richteten sich nach den Anweisungen der Chefin im Bundeskanzleramt, bevor es zum Essen ging.

Altena / Berlin - „Labas rytas“ ist litauisch und bedeutet übersetzt Guten Morgen. Doch statt einer Erwiderung erntete Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein am Dienstagmittag nur einen ziemlich verdutzten Blick. Der Bus, der 30 Altenaer (2/3 Ehrenamtliche und Politiker, 1/3 Verwaltungsfachleute) zur Verleihung des Integrationspreises der Bundeskanzlerin vom Langen Kamp aus in die Bundeshauptstadt Berlin bringen sollte, trug zwar litauische Kennzeichen, der Fahrer selbst war Rumäne in Diensten eines deutschen Busbüros aus Düsseldorf. „Mehr spontane Internationalität geht wohl nicht“, waren sich Hollstein und seine Mitreisenden einig.

„Heute fährt nur ein kleiner Teil der Bürgerinnen und Bürger mit, die vorbildliche Arbeit geleistet haben und noch leisten. Wir vergessen aber nicht, was auch die vielen, vielen anderen getan haben und noch leisten. Deshalb gibt es am 9. Juni eine Veranstaltung für alle. Das ist bereits eingetütet“, sagte er.

Er selbst verglich sich mit einem Fußballspieler, der „an der Außenlinie stehe. „Sie, die Kümmerer, Ehrenamtlichen und Bürger, schießen die Tore. Heute bin ich dankbar, dass das bis jetzt gelungen ist.“ Für ihn auch Beleg, dass die Chemie zwischen Ehrenamt und hauptamtlichen Kräften im Rathaus stimme. Vorfreude auf die Begegnung mit der mächtigsten Frau der Welt bewegte die Vertreter von DRK, THW und natürlich die Stellwerker, Christen, eben alle Mitreisenden. Dorothee Isenbeck, die sich wie weitere Helferinnen des Stellwerks vorrangig um Sprachkurse und Sozialbetreuung kümmert: „Ich finde, der Preis ist eine schöne Anerkennung.

„Frau Bundeskanzler: Darf ich vorstellen, das ist ein Teil unserer Kümmerer aus Altena. Ich bin stolz und dankbar für ihre Arbeit.“

Das ist irgendwie ein richtiger Höhepunkt. Ich denke mal, wir sind durch die Arbeit alle zusammengewachsen in der Stadt.“ Lob gab es deshalb immer wieder für die städtische Koordinatorin der Flüchtingsarbeit, Anette Wesemann. „Sie hat ein Händchen, alles zusammen zu führen, uns zusammen zu schweißen.“ Kanzlerin Angela Merkel hatte bekanntlich gelobt: „Integration gelingt da am besten, wo sich Menschen aufeinander einlassen“. Doch sie hatte auch gesagt, man möge ihr auch einmal berichten, was nicht laufe, wo es hake. Denn nur Licht, gebe es vermutlich auch in Altena nicht. Das griff beispielsweise Joachim Effertz, Vorstand der Altenaer Baugesellschaft, ABG, im Gespräch auf. Sein Unternehmen hat aktuell mehr als 50 Wohnungen an Flüchtlinge vermietet. „Diese Gruppe ist nicht anders, als andere. Da gibt es auch schon mal Probleme mit der Hausordnung. Ich nenne mal die Stichworte Lärm oder Müll. Aber dann reden wir.“ Reden – das ist und bleibt auch das Credo der mitgereisten Kommunalpolitiker – sowohl im Rat als auch mit den Bürgern. Uwe Scholz, CDU-Fraktionschef: „Wir haben als Rat fraktionsübergreifend mit einer Stimme gesprochen. Das war und ist gut. Ehrlich muss man sagen, nicht jeder Altenaer ist auch mit den getroffenen Entscheidungen einverstanden.

Selbst häufig interviewt, beim Festakt als Interviewerin aktiv: Kanzlerin Angela Merkel stellte dem Bürgermeister viele Fragen.

Aber wir leben in einer Demokratie. Man muss nur zu seinen Entscheidungen stehen, sie vertreten. Ich bin heute unendlich stolz auf meine Altenaer und dankbar für diese große Anerkennung.“ Oliver Held, Grüne: „Ich freue mich darüber, welch positives Bild von meiner Heimatstadt in die Welt geht. Ich wandele mal das Kanzlerinnen-Wort ,Wir schaffen das’ um in ,Wir schaffen was!’“ Irmgard Ibrom, stellvertretende SPD-Fraktionschefin, schloss sich diesen Ausführungen an. „Die Preisverleihung war eine gute und wichtige Veranstaltung. Ich freue mich für die vielen Ehrenamtlichen. Die Zusammensetzung unserer Gruppe hat mir gut gefallen. Schön, dass wir in den vergangenen Jahren bereits auf gewisse Strukturen im Stellwerk zurückgreifen konnten.“ 

Altenaer Delegation in der Bundeshauptstadt

Die evangelische Gemeindeschwester Cornelia Sauer, Christiane Frebel von der katholischen St. Matthäus-Gemeinde und Stefan Kemper als Mitglied im Katholikenrat sprachen übereinstimmend von dem Auftrag, „weiter an einer Vernetzung zu arbeiten und die Altenaer Tag für Tag neu für die Not der Flüchtlinge zu sensibilisieren.“ Viele Kümmerer selbst berichteten von ihrer Arbeit, von täglichen Schwierigkeiten, aber auch von der Freude, wenn es laufe. Einige nahmen sich aber auch bereits Auszeiten. „Das kostet alles nämlich wirklich Kraft!“ 

Musik gab es auch - und einen Altena-Kurzfilm. Der ist auch im Live-Stream auf der Kanzleramtsseite zu sehen. Die Zuschauer spendeten Beifall.

Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein bilanzierte die Reise nach Berlin und das Entgegennehmen des Preises nach der mehr als achtstündigen Rückfahrt als „Motivation, jetzt wieder neu ins Rad zu greifen“. Arbeit mit Flüchtlingen sei nicht nur für diese Gruppe selbst, sondern für die ganze Stadt und Zivilgesellschaft wichtig. „Die Gesellschaft wird bunt!“ Schmankerl am Rande: Kurz bevor Angela Merkel dem Stadtoberhaupt den Preis übergab, hatte sie noch spontan angefügt, sie hoffe, die habe bei der Aussprache des Stadtnamens Altena alles richtig gemacht.

"Alteena ist nicht richtig?"

 „Denn da, wo ich herkomme, könnte es auch Alteena heißen.“ Spätestens da war die Stimmung so gelockert, dass sich Altenaer und mehr als 100 weitere Gäste, darunter auch Vertreter der 33 Fast-Preisträger, Fingerfood-Häppchen schmecken ließen. Die Selfi-erfahrene Kanzlerin suchte dann das intensive Gespräch mit Gastronom Mohammad Al Ghamian und ging spontan auf Vizebürgermeisterin Hanna Freissler zu und meinte, sie als Köchin könne aber auch ein Selfi haben.

Ein Selfi mit Angela Merkel

Die, völlig verblüfft, stellte die Situation klar, ließ sich Fingerfood schmecken und es gab kein Selfie. Darüber freuten sich aber andere - etwa Klaus Löttgers, Joachim Effertz und Frank Herbel.

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