Altenaer Baugesellschaft wird 150 Jahre

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Die Kommunen täten nicht genug gegen den Mangel an günstigem Wohnraum, klagte letzte Woche die NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach. Am Freitag, 14. Februar, kommt ihr Staatssekretär Dr. Jan Heinisch nach Altena, wo sich dieses Problem dank der Altenaer Baugesellschaft nicht stellt. Sie wurde auf den Tag genau vor 150 Jahren gegründet und ist damit die älteste in ganz Nordrhein-Westfalen. Das Jubiläum wird mit einem Festakt in der Burg Holtzbrinck gefeiert. Heinisch ist dort Ehrengast.

Buntes Haus Mozartstraße

Am 26. Januar 1870 erschien im „Altenaer Kreisblatt“ eine kleiner Hinweis darauf, dass Altenaer Unternehmer sich der Wohnungsproblematik der Arbeiterschaft anzunähmen gedächten. Den Hintergrund kennt Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski: Beengte und unhygienische Wohnverhältnisse seien im 19. Jahrhundert Ursache für zahlreiche Erkrankungen der einfachen Leute gewesen. Noch 1866 zum Beispiel habe es in Altena 16 Todesfälle durch Pocken und Cholera gegeben. Das zu ändern, war das Ziel der Altenaer Baugesellschaft, die am 14. Februar 1870 „Abends präcise 6 Uhr“ im Hotel Klinke gegründet und von Altenas Unternehmern mit einem beachtlichen Aktienkapital von 20 000 Talern ausgestattet wurde.

150 Jahre ABG: So feiert die Baugesellschaft Jubiläum

Noch im gleichen Jahr wurde an der Werdohler Straße mit dem Bau der ersten 16 Arbeiterhäuser begonnen. Sie stehen heute noch. Das zweite Bauvorhaben realisierte das Unternehmen fünf Jahre später an der heutigen Jahnstraße, wo 28 Zweifamilienhäuser entstanden. Größere Häuser baute das Unternehmen erst ab Anfang des 20. Jahrhunderts, 1914 wohnten bereits sieben Prozent der Altenaer in Wohnungen der Baugesellschaft. 

Wohngebiet Pragpaul

Nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Bautätigkeit nur allmählich wieder Fahrt auf. Ab 1922 entstand am Papenberg ein ganzer Stadtteil – heute heißt er Knerling. Bis 1955 dauerte es, bis dort das letzte Haus fertiggestellt wurde. Zu jener Zeit war der Bau der zweiten, großen ABG-Siedlung am Breitenhagen bereits in vollem Gange. Ab 1961 entstand am Pragpaul der dritte und letzte Stadtteil, der bis heute durch Mietwohnungen der Baugesellschaft geprägt wird. Seit 1966 baute die ABG nur noch in kleinerem Umfang. Die an das Ellen-Scheuner-Haus angegliederten Altenwohnungen sind seitdem entstanden und die Häuser Freiheitstraße 29 und Werdohler Straße 1. Ansonsten konzentrierte sich das Unternehmen seit den 1960er Jahren darauf, seinen Bestand zu modernisieren und die Quartiere den sich veränderten Anforderungen anzupassen. Außerdem war die ABG immer dann zur Stelle, wenn es darum ging, einzelne Objekte neu zu nutzen. Deshalb übernahm sie beispielsweise von der Stadt deren ehemaliges Ordnungsamt an der Bismarckstaße und schuf dort auch wegen des fantastischen Burgblicks sehr begehrten Wohnraum.

Breitenhagen

Fokus liegt auf Modernisierung

Als das passierte, steckte das Unternehmen bereits in einer veritablen Krise. Altenas Einwohnerzahl schrumpfte seit Jahren, viele der rund 3000 Wohnungen, die es damals im Bestand der ABG gab, standen leer – 2004 waren es elf Prozent der Wohnungen, 2010 sogar fast 18 Prozent. Die ABG reagierte, indem sie ihren Bestand reduzierte, durch Verkauf oder Abriss. Heute vermietet die ABG noch 1750 Einheiten, deren Wohnfläche rund 110 000 Quadratmeter beträgt. Aktuell liegt die Leerstandsquote nur noch bei 9,5 Prozent.

Fit für die Zukunft – mit neuen Wohnkonzepten

Jugend-Haus an der Nordstraße

In den letzten zehn Jahren hat sich bei der Altenaer Baugesellschaft vieles verändert. Joachim Effertz, bis Ende 2019 Vorstand des Unternehmens, drehte an vielen Stellschrauben, um Weichen für die Zukunft zu stellen. In erster Linie wurde modernisiert. 3,8 Millionen Euro steckte die ABG allein im Jahr 2018 in die Optimierung ihres Bestandes. Davon finanzierte die Baugesellschaft nicht nur neue Heizungen und schicke Bäder. Sie änderte, wo möglich und gewünscht, auch Grundrisse, etwa durch die Zusammenlegung von Wohnungen. 

Knerling

In den vergangenen Jahren wurden an der Gartenstraße, am Knerling und am Lennestein Außenaufzüge an Baugesellschaftshäuser gebaut, um den Bedürfnissen älterer Menschen gerechnet zu werden – 40 Prozent der Mieter sind über 60 Jahre alt. Aber auch an junge Menschen denkt die ABG – zum Beispiel am Nordpol oberhalb des ehemaligen Linscheidbades, wo drei sogenannte WG-Häuser entstanden sind. Dort können sich junge Menschen Zimmer mieten und Gemeinschaftsräume wie Küchen, aber auch Fitnessräume oder kleine Kinosäle nutzen, die von der ABG komplett möbliert wurden. Das Konzept kam so gut an, dass das Unternehmen jetzt darüber nachdenkt, eine ähnliche Wohnform auch für das Zusammenleben von Senioren zu entwickeln. „Auszeitwohnungen“, in die sich Menschen für eine begrenzte Zeit zurückziehen können, wenn es in ihrer Beziehung kriselt, gibt es schon länger, gleiches gilt für Gästewohnungen und das „Wohnen auf Zeit“, bei dem komplett möblierte Wohnungen beispielsweise für Monteure oder Referendare zur Verfügung gestellt werden.

Festschrift „150 Jahre ABG“

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