Mit Wolfewicz in den „Garten der Geschichte“

Und so geht Wasserscheide: Wolfewicz’ Vortragsstil ist kreativ und witzig.

Altena - Was für ein Auftrag für Karsten Wolfewicz: Altena wird 650 Jahre alt und er soll die Stadtgeschichte erzählen. Am Dienstag lud er zum ersten „Garten der Geschichte“ zu diesem Thema und entführte seine Zuhörer in jene Zeit, in der noch Rentierherden durchs Sauerland zogen.

Das ist 13000 Jahre her, von Burg, Rittern und Grafen war noch lange keine Rede. Trotzdem herrschte schon Leben im „Süerland“, wie es schon damals hieß – weiter südlich ging nicht, weil sich jenseits des Kahlen Astens gewaltige Aschemassen auftürmten – Überreste gewaltiger Vulkanausbrüche in der Eifel.

Kurzer Faktencheck: Das mit den Vulkanen kommt hin und das mit den Rentieren auch. Helgoland war noch keine Insel, die Ems mündete irgendwo in Höhe Stavangers ins Meer – die Karten, die Wolfewicz zeigt, sind damit auch plausibel.

Vortragsreihe Garten der Geschichte in Altena

Die Schrift wurde erst ein paar tausend Jahre später erfunden und die „Proto-Westfalen“, wie Wolfewicz die Urmenschen mehrfach nennt, hatten Besseres zu tun als Bilder an Höhlenwände zu malen. Woher will der Vortragende also wissen, was damals wirklich war? Immer wieder bezieht sich Wolfewicz auf die Edda – dort wurden im 13. Jahrhundert Götterlieder, Heldenlieder und Spruchweisheiten der Germanen niedergeschrieben, die zuvor über Jahrtausende hinweg mündlich überliefert worden und sich dabei natürlich auch veränderten. Wolfewicz’ zweiter Kronzeuge ist der 2006 verstorbene Nachrodter Wolfgang Thiele, der zusammen mit Herbert Knorr das Buch „Der Himmel ist unter uns“ geschrieben und damit Furore gemacht hat. Die beiden beschreiben darin, dass germanische Kultstätten gewissermaßen die Sternzeichen spiegeln und dass in karolingischer Zeit diese Kultstätten durch Sakralbauten ersetzt wurden. Warum das alles so war, weiß dann wieder Wolfewicz: Als Folge der Vulkanausbrüche war es viele Jahre lang kalt und finster. Eine Orientierung anhand des Sternenhimmels wurde dadurch unmöglich, weshalb er dann von Kundigen kurzerhand auf die Erde gespiegelt wurde.

Ob man das nun glaubt oder nicht (die etablierte Wissenschaft ist eher skeptisch), spielt eigentlich keine Rolle: Wie immer ist Wolfewicz’ Erzählkunst mindestens ebenso wichtig und faszinierend wie das, was er da rein inhaltlich berichtet. Wobei durchaus Entwicklung festzustellen ist: In den Anfangsjahren des Gartens der Geschichte agierte er manchmal nahezu unbarmherzig und ließ Fakten über Fakten auf sein Publikum niederprasseln. Inzwischen ist er lockerer geworden. Eine Kaltzeit bricht aus? Schon klopft es an der Tür zum großen Saal der Burg Holtzbrinck und Paolo Alemanno serviert einen Eisbecher. Männer und Frauen? Schon vor 13 000 Jahren ganz verschieden, wie der Referent mit Bezügen auf unterschiedliche Funktionen von Großhirn und Kleinhirn erklärt. Besonders bewundernswert: Wolfewicz spricht – abgesehen von einigen wörtlichen Zitaten – zwei Stunden lang völlig frei und verliert nur ganz selten den Faden.

Dass der Holtzbrinck-Barde sein Publikum in seinen Bann zieht, hat nicht zuletzt auch mit seinen Requisiten zu tun: hier Rentiergeweih und -fell, dort eine Skulptur der Edda und natürlich auch ein Sternenhimmel nach Thieles Vorbild – alles mit Fantasie und einfachen Mitteln selbst gemacht.

Der nächste Garten der Geschichte zum Stadtjubiläum findet am 28. März statt. Dann geht es noch einmal um die Edda.

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