Geschichtsträchtiges Wehr abgebrochen

Hier wurde Altenas erster Strom erzeugt

Lennewehr im Kleff in Altena abgerissen
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Bis letzte Woche staute hier ein Wehr die Lenne auf.

 Seit dem Jahr 2000 gilt europaweit die sogenannte Wasserrahmenrichtlinie. Sie ist der Grund dafür, dass im Altenaer Stadtteil Kleff ein Bagger in die Lenne fuhr und ein altes Wehr beseitigte. Es befand sich etwas unterhalb der Linscheidbrücke neben der Firma VDM Metals. Und es hatte eine lange Geschichte.  

Altena – Veranlasst wurde der Abbruch von der Bezirksregierung, die auch die Kosten übernimmt. Es handele sich um eine von vielen Maßnahme zur Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie, erklärte deren Sprecher Christoph Söbbeler auf Anfrage. Das Wehr werde völlig entfernt, der dabei anfallende Bauschutt komme auf die Deponie Lösenbach in Lüdenscheid.

Natürlich würden nur solche Maschinen eingesetzt, die für Arbeiten in und an Gewässern zugelassen seien, versicherte der Sprecher der Bezirksregierung. Üblich ist, dass bei Arbeiten in Gewässern nur Fahrzeuge mit biologisch gut abbaubarem Hydrauliköl eingesetzt werden dürfen.

Das jetzt verschwundene Wehr hat mit dem unmittelbar daneben liegenden Werk von VDM Metals nichts zu tun. Das dort aufgestaute Wasser wurde vielmehr in einen Stollen geleitet, der heute noch existiert. Er beginnt direkt oberhalb des Wehres am linken Lenneufer und führt zur „Urzelle“ des ehemaligen Basse- und Selve-Werkes an der Hermann Voß-Straße gegenüber der Sauerlandhalle. Das wurde gegen 1870 errichtet und vor vielen Jahren schon zu Wohnzwecken umgebaut.

Lennewehr in Altena: Stollen führt zum Hünengraben

Diese Fabrik war mit hoher Wahrscheinlichkeit die erste in ganz Altena, in der mit einer Turbine Strom erzeugt wurde. Ein öffentliches Stromnetz gab es in jenen Jahren in Altena noch nicht, das Kraftwerk Elverlingsen nahm erst im Jahr 1912 seinen Betrieb auf.

Das kleine Kraftwerk an der Lenne sollte Anfang des 20. Jahrhunderts in der Stadt für gehörigen Ärger sorgen. Der technikbegeisterte (und schwerreiche) Unternehmer Gustav Selve wollte den Strom nämlich nicht nur dazu nutzen, die Maschinen seiner Firma anzutreiben.

Er plante auch die Elektrifizierung seiner an der Lüdenscheider Straße gelegenen Villa „Alpenburg“ und ließ sie dazu mit einer Freileitung mit dem Generator am Hünengraben verbinden. Für diese Leitung hatte er eine Genehmigung der Stadt eingeholt, die allerdings zurückgezogen wurde, nachdem sich mehrere Bürger in Briefen ans AK über die mit der Leitung einhergehende „Verschandelung“ des Stadtbildes beschwert hatten.

Die Selve-Villa gehört zu den prägenden Gebäuden in der Stadt. Unter Denkmalschutz steht sie nicht - aus einem besonderen Grund.

Die Arbeiter seiner Unternehmen waren mit Gustav Selve sehr zufrieden. Sie setzten ihm oberhalb der Steinernen Brücke ein Denkmal.

Dieser Vorfall war wohl das Tüpfelchen auf dem i: Selve, der unter anderem wegen seines sozialen Engagements für seine Mitarbeiter im Bürgertum immer wieder angeeckt war, zog aus Altena fort. Das war im Jahr 1896 und bedeutete einen herben finanziellen Verlust für die Stadt.

Seine letzten Lebensjahre verbrachten Gustav Selve und seine Frau Maria in der prächtigen Villa Martius am Rheinufer in Bonn. Das war damals eine feine Adresse, Selves direkte Nachbarn waren Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe und dessen Frau Viktoria von Preußen.

Lennewehr in Altena: Wiederinbetriebnahme gescheitert

Am Hünengraben dreht sich längst keine Turbine mehr. Zuletzt gehörte das Wehr dem inzwischen verstorbenen Unternehmer Chafik Itani, der die Turbine liebend gerne wieder in Betrieb genommen hätte. Dem widersetzten sich die Wasserbehörden aber mit dem Hinweis darauf, dass Wasserrechte verfallen, wenn sie über Jahrzehnte nicht genutzt werden. Wäre an dem Wehr Wasser abgeleitet worden, dann wäre durch die ökologisch interessante Lenneschleife am Kleff zumindest im Sommer kaum noch Wasser geflossen.

Wassersportler wie zum Beispiel die Mitglieder des Altenaer Canu-Vereins sehen den Abbruch des Wehres mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Bei normalen Wasserständen stellten die Wellen hinter dem Wehr für sie eine gute Trainingsstelle dar. Bei Hochwasser hingegen bildete sich dort ein gefährlicher Sog. Dann musste das Wehr umgetragen werden, was wegen der unwegsamen Ufer aber äußerst mühsam war.

An einem anderen Ort im MK sorgt das Wassermanagement mittels eines Lennewehrs für erhebliche Probleme. Dort ist auch das THW Altena stark gefordert.

Das ist die Wasserrichtlinie der EU

Ziel der europäischen Wasserrahmenrichtlinie ist es, alle vorhanden Flüsse, Seen, Grundwasser und Küstengewässer in einen „qualitativ guten Zustand“ zu überführen. Das sollte eigentlich bis 2015 erledigt sein, hinter diesem Zeitplan hinken die Behörden aber deutlich hinterher. Zum qualitativ guten Zustand gehört nicht nur, dass das Wasser sauber ist. Eine große Rolle spielt auch die Durchgängigkeit der Flüsse, damit Wanderfische wie Meerforellen, Lachse oder Aale ihre Laichgebiete erreichen können. Wehre stehen dem im Wege.

Auf Flusskonferenzen, die die Bezirksregierung zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie einberufen hatte, wurde jedes dieser Wehre unter die Lupe genommen. Einige werden nicht mehr benötigt und können abgerissen werden. Andere werden mit Fischaufstiegen versehen. In Altena war das zuletzt an dem Wehr an der ehemaligen Gaststätte Otlinghaus an der Werdohler Straße der Fall.

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