Neue Trasse für die Südwestfalenleitung

Weil der Berg drückt: Gasleitung wird umgelegt

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Oberhalb des Kraftwerks bereiten Mitarbeiter der Firma Streicher das Verschweißen der einzelnen Rohrsegmente vor. Etwa 160 werden für die 2,2 Kilometer lange Strecke benötigt.

Altena - Seit September läuft die Verlegung einer neuen Gasleitung zwischen dem Stortel und Werdohl-Dresel, man sieht auch schon richtig was. Allerdings: Noch ist kein einziger Meter Rohr in der Erde.

Das Einbringen der Rohre sei selbst in diesem schwierigen Gelände das geringste Problem, erklärt Bauleiter Patrick Frommel. Wenn man von einem Jahr Bauzeit ausgehe, dann gingen acht Monate davon für die Vorbereitungen drauf, erklärt er.

Die sogenannte Südwestfalenleitung verbindet den Dortmunder Raum mit dem Siegerland. Sie ist schon mehr als 90 Jahre alt und wird heute von Open Grid betrieben. Vor einiger Zeit hat das Unternehmen festgestellt, dass den Rohren in der bisherigen Trasse Gefahr droht. Sie laufen durch die B 236, auf die zwischen dem TT-Markt und Dresel der Berg drückt. Dadurch könnte die Leitung beschädigt werden.

Bauleiter Frommel zeigt, wo der Anschluss an die vorhandene Leitung erfolgt.

Also wird umgeleitet, und zwar auf der anderen Lenneseite. Dafür muss nicht nur zweimal die Lenne gekreuzt werden, sondern auch ein Obergraben. Vor allem die Lennequerung auf Altenaer Seite, also nahe des Stortel-Gehöfts, ist technisch anspruchsvoll. Dort ist nämlich nicht nur der Fluss, sondern auch die Bahnlinie zum Kraftwerk den Rohren im Weg, sodass ein sogenannter Mikro-Tunnel gebohrt werden musste – eine Betonröhre, durch die bald die Gasleitung geschoben wird.

Open Grid baut zwischen Altena und Werdohl neue Gasfernleitung

Das dafür erforderliche Rohrsegment ist schon fertig und wartet auf seinen Einbau. Die beiden anderen Gewässerquerungen sind weniger aufwendig. Sie erfolgen mit Hilfe sogenannter Düker, an denen ebenfalls schon mit Hochdruck gearbeitet wird. Nach der ersten Lennequerung am Stortel führt die Leitung durch den aufgegebenen Werdohler Stadtteil Elverlingsen. Zwei der leer stehenden Häuser wurden dafür abgerissen. Dann geht es links ab, das Kraftwerk wird umrundet. Oberhalb des Kühlturms zeugt ein kleines Zelt davon, dass die Arbeiten auch dort schon etwas weiter vorangeschritten sind. Dort werden die ersten Rohre miteinander verschweißt.

Geschweißt wird im Zelt und meistens elektrisch. Die Manschette schützt die Schweißnaht davor, zu schnell auszukühlen.

Knapp 200 Röhren werden für die 2,2 Kilometer lange Leitung benötigt. Jede davon ist 12 Meter lang und hat einen Innendurchmesser von 40 Zentimetern. Die Wandstärke beträgt 6,3 Millimeter. Mit einem Druck von acht Bar wird nach der Fertigstellung das Gas durch die Leitung strömen. Der sogenannte Nenndruck ist doppelt so hoch, die Rohre werden auf 16 Bar geprüft. Dementsprechend sorgfältig muss geschweißt werden.

Anderthalb Stunden brauchen die Mitarbeiter der mit der Verlegung beauftragten Firma Streicher aus dem bayrischen Deggendorf für jede Schweißnaht, anschließend wird gleich mehrfach die Dichtigkeit getestet: Erst mit Röntgen- und Ultraschallgeräten, dann durch einen Drucktest, wie Bauleiter Fommel erklärt. Open Grid-Pressesprecher Helmut Roloff ergänzt, dass die Leitungen auch nach der Inbetriebnahme rund um die Uhr fernüberwacht werden: „Unsere Leitwarte merkt jeden Druckabfall sofort“.

Mit der Bohrkrone wurde ein Mikrotunnel unter Lenne und Bahnlinie geschaffen.

Wenn etwa 250 Meter Rohr verschweißt sind, folgt der letzte Rest: Drei bis vier Spezialbagger mit sogenanntem Seitenarm rücken an, packen das Segment und versenken es in dem vorher hergestellten, etwa einen Meter tiefen Graben.

Erde drauf, fertig? Ganz so einfach ist die Sache nicht, der Umweltschutz spielt eine große Rolle (siehe Kasten). Nicht nur Ökologen müssten schon lange im Vorfeld in die Planungen eingebunden werden, erklärt Roloff: Die Bahn, Grundstückseigentümer, die Wasserbehörde – etliche Beteiligte hätten im Zuge des Planfeststellungsverfahrensnach ihrer Meinung gefragt werden müssen.

Warten auf die Haselmaus

Baumaßnahmen dieser Größenordnung werden heute regelmäßig von Ökologen begleitet. Dafür müssen die Bauherren sorgen. Auch Open Grid hat ein entsprechendes Büro damit beauftragt, sich um den Schutz von Flora und Fauna zu kümmern. Es nahm schon vor Baubeginn die Trasse unter die Lupe und stieß oberhalb des Kraftwerks auf ein Wäldchen, in dem die streng geschützte Haselmaus zuhause ist. In diesem Abschnitt darf es erst dann zu Erdbewegungen kommen, wenn der Frost zuverlässig aus dem Boden ist. Dann erst können die Tiere aus dem Wurzelwerk, in dem sie Schutz vor der Kälte suchten, in sicherere Bereiche flüchten.

Vorne wird einer der Düker abgedrückt, hinten hindert ein Krötenzaun Amphibien daran, in die Baustelle zu krabbeln.

Nach Abschluss der Bauarbeiten werde die Trasse renaturiert, erklärte Open Grid-Pressesprecher Roloff vor Ort. Aufgabe des Fachbüros sei es auch, dafür die entsprechende Pflanzpläne zu erstellen und deren Umsetzung zu begleiten. Wenigstens zwei Jahre lang werde dann beobachtet, ob die neuen Pflanzen auch angehen.

Auch Krötenzäune, die im Uferbereich der Lenne neben der Baustelle aufgestellt wurden, gehen auf eine Anregung der Ökologen zurück.

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