Verhaltensauffälligkeiten und Sprachprobleme

Immer mehr Kinder müssen auf die Förderschule

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Jedes dritte Kind hat vor der Einschulung Probleme beim Sprechen.

Altena – Verhaltensauffällig und Probleme mit der Sprache: Immer mehr Kinder müssen zur Förderschule. Lehrer sehen die Verantwortung auch bei den Eltern.

Solch ein Anmeldeverfahren hat Wolfgang Wilbers, seit vielen Jahren Leiter der Grundschule Altena, noch nie erlebt. 14 der ihm für das kommende Schuljahr vorgestellten Lernanfänger wiesen so große Defizite auf, dass sie zur Förderschule gehen werden. „Und eigentlich hätten es noch ein paar mehr sein müssen“, berichtet der Diplom-Pädagoge. 

Aus Gesprächen mit Kollegen weiß er, dass seine Schule kein Einzelfall ist. In Iserlohn gebe eine Kollegin sogar 30 Kinder an die Förderschule ab, berichtet Wilbers. „Die Zahl der Kinder mit erhöhtem Förderbedarf nimmt zu“, sagt auch Claudia Calitre-Voss, die Leiterin des Evingser Kindergartens. 

Dramatische Veränderung

In den Kindertageseinrichtungen und in der Grundschule falle am ehesten auf, wie dramatisch sich die Bildungslandschaft derzeit verändere, ergänzt Pfarrer Uwe Krause. Die evangelische Kirchengemeinde ist Trägerin der Einrichtung. Viele Kinder hätten Sprachschwierigkeiten, auch Verhaltensauffälligkeiten nähmen zu. 

Gründe dafür sehen Krause und die Erzieherinnen darin, dass Eltern immer weniger Zeit für ihre Kinder hätten. Vor 20 Jahren seien er und seine Frau froh gewesen, dass ihr Sohn mit vier Jahren einen Kindergartenplatz bekommen habe, erinnert sich Krause. „Von U3-Betreuung und 45 Stunden war damals keine Rede.“ Heute kämen viele Kinder schon mit zwei Jahren in den Kindergarten und würden dort bis in den späten Nachmittag betreut. 

Und wenn Eltern mehr Zeit mit ihrem Smartphone verbrächten als mit ihren Kindern, dann müsse man sich nicht wundern, wenn es Probleme gebe. Das Thema Medienerziehung spiele deshalb in den Familienzentren eine große Rolle. Dort herrsche ein grundsätzliches Handyverbot. Es werden auch immer wieder Elternabende zu diesem Thema angeboten.

Hilfe vor Ort 

Eine gezielte Elternarbeit sei wichtig, meint Christiane Frebel, Koordinatorin des Familienzentrums Altena, in dem alle Altenaer Kindertageseinrichtungen zusammengeschlossen sind. Die in Evingsen kann auf eine besonders lange Erfahrung zurückblicken: Sie gehörte 2007 zu den ersten knapp 300 Familienzentren in NRW. 

„Eltern beraten, ihnen Hilfen anbieten, sie bei der Kontaktaufnahme eventuell begleiten. Das sind einige unserer Aufgaben“, erklärt Nina Herberg, stellvertretende Kindergartenleiterin. Sie lobt das Netzwerk, das es in Altena auch durch das Netzwerk „Altena. Früh am Ball“ seit vielen Jahren gibt. „Dadurch wissen wir, welche Hilfen es vor Ort gibt und wen wir ansprechen können.“ 

66.000 Euro pro Jahr

Familienzentren bieten niedrigschwellig Elternarbeit. Darunter versteht man, dass Eltern dort abgeholt werden, wo sie stehen. Im Kindergarten seien die meisten Eltern beinahe täglich, deshalb sei es naheliegend, dort Probleme anzusprechen. Darüber hinaus bieten die Familienzentren Vorträge an, die grundsätzlich allen Eltern offen stehen. Als weitere Aufgaben nennt das NRW-Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration den Abbau von Sprachdefiziten, insbesondere bei Kindern aus Zuwandererfamilien. 

Freuen sich über die Rezertifizierung des Familienzentrums Evingsen: (von links) Pfarrer Uwe Krause, Claudia Calitri-Voss, Nina Herberg und Christiane Frebel.

Um das leisten zu können, erhält die Stadt für die fünf Familienzentren im Stadtgebiet 66 000 Euro pro Jahr, die an die Kindergärten und das Familienbüro weitergeleitet werden. Dafür müssen sie auch etwas leisten. Und das wird regelmäßig überprüft: Alle vier Jahre steht die Rezertifizierung an. 

Dabei wird auf Grundlage einer Online-Befragung und einem Termin vor Ort überprüft, ob die bei der erstmaligen Verleihung des Gütesiegels vorgefundenen Leistungen und Strukturen fortentwickelt und ausgebaut wurden. Eine Aufgabe, die die Evingser mit Bravour erledigten.

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