Akte „Zweiter Weltkrieg“ bleibt noch lange offen

+
Je nach Bodenbeschaffenheit verwittert Munition unterschiedlich stark, weiß Rainer Hoffmann vom Altenaer Ordnungsamt. Diese Karabiner-Ladestreifen zeigen es. -

ALTENA - Es sind Zahlen, die schwer vorstellbar sind: Auch 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges werden in Nordrhein-Westfalen jährlich noch mehr als 3000 Handgranaten gefunden, 300 Minen und 1100 Bomben. Die Zahl der 2008 geborgenen Artilleriegranaten erreicht sogar 16 000. Jüngstes Beispiel: Am Dienstag stieß ein Baggerführer bei Arbeiten im Bachbett der Nette auf dem Gelände der Firma Nedschroef auf eine deutsche 7,5-Zentimeter-Artilleriegranate – erst eine Woche zuvor war ein erstes Exemplar davon dort aufgetaucht. Von Thomas Keim

Rainer Hoffmann, der sich als Sachbearbeiter im Ordnungsamt seit 20 Jahren mit den brisanten Hinterlassenschaften deutscher Landser, aber auch amerkanischer GIs befassen muss, kennt das Prozedere in einem solchen Fall gut – und weiß, was zu tun ist. Das Wichtigste: „Schon beim leisen Verdacht, dass es etwas Gefährliches sein könnte, soll man den Fund auf keinen Fall anfassen oder bewegen.“ Bei einem Fund im Wald oder freiem Gelände kann man aber in der Nähe eine Markierung anbringen, die das Wiederfinden erleichtert. Das einzig Richtige ist auf jeden Fall ein Anruf beim Ordnungsamt oder der Polizei. Dort sorgt man für eine Schnellmeldung an den Kampfmittelräumdienst in Arnsberg. Nur hier gibt es das Know-how für den Umgang mit „Kampfmitteln“, wie sie offiziell heißen.

Das Heimtückische ist, dass richtig bösartige Sachen manchmal ausgesprochen harmlos aussehen. Zünder zum Beispiel. Sie bestehen oftmals nur aus einem Leichtmetallröhrchen, das wenig größer ist als ein Zigarillo. Hoffmann weiß: „Die sind unscheinbar, aber höchst gefährlich.“

Der Mitarbeiter des Ordungsamtes erinnert sich noch gut an das Jahr 2005: Nachdem im Bereich Nettenscheid mehrfach Munitionsfunde gemacht worden waren, sorgte der für eine so genannte „Testung“, bei der das Gelände systematisch durchforstet wird. Erschreckendes Resultat: Die Kampfmittelräumer fanden auf nur 2000 Quadratmetern 571 Zünder „der übelsten Sorte“, zehn Handgranaten und mehr als 3 100 Schuss Munition. 36 Werfergranaten lagen oberhalb von Evingsen, im Dahler Wald eine Tellermine und am Großendrescheid vor Jahren einmal solche Mengen an Munition aller Art, dass der Kampfmittelräumdienst kapitulieren musste und eine Fachfirma mit dem Abtransport ganzer Lastwagenladungen beauftragte.

Gefährliches aus dem Krieg kommt wieder zu Tage, weil gebaut wird, weil Wildschweine Flächen umgraben, durch Hochwasser oder weil Kinder im Wald auf Entdeckungstour gehen.

Manchmal aber auch, weil sich plötzlich jemand an Erzählungen seines Vaters oder Opas erinnert. So wie in einem aktuellen Fall, wo es um fünf Fliegerbomben geht, die als so genannte „Notabwürfe“ am Rand der Burgstadt niedergegangen sein sollen. Rainer Hoffmann will Kartenmaterial anfordern und eine Luftbildauswertung anstoßen. Die „Akte Zweiter Weltkrieg“ jedenfalls kann wohl noch lange nicht geschlossen werden.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare