Schockfrostung rettet Dokumente

Für immer verloren sind diese alten Zeitungsbände. Aber: Die Bestände des Altenaer Kreisblatts von 1834 bis 1945 sind bereits digitalisiert worden. Es gibt außerdem ein Mikrofilm-Archiv.
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Für immer verloren sind diese alten Zeitungsbände. Aber: Die Bestände des Altenaer Kreisblatts von 1834 bis 1945 sind bereits digitalisiert worden. Es gibt außerdem ein Mikrofilm-Archiv.

Als am 14. Juli Wassermassen und Schlamm in eine ehemalige Industriehalle in der Rahmede brachen, war Dr. Christiane Todrowski, Leiterin des Kreisarchivs in Altena, klar: „Wir müssen schnell sein.“ Es galt etwas zu unternehmen, denn auf dem Spiel standen teils unwiederbringliche Dokumente aus dem Bestand des Kreisarchives und der Landeskundlichen Bibliothek, die dort lagerten.

Altena – Es gab „entsetzlichen Schlamm überall“, berichtet Todrowski. Also haben Mitarbeiter des Kreisarchivs mit vereinten Kräften das Archivmaterial ein erstes Mal grob gesäubert, so weit das eben möglich war. Klar war der Direktorin nach dem Blick auf die Schäden auch, dass professionelle Hilfe nötig war. „Wir hätten auch etwas an das Archivamt des Landesverbandes Westfalen-Lippe geben können“, sagt Dr. Christiane Todrowski. Aber es waren einfach zu viele Dokumente und zu viele Schäden. „Es ging ja um Tonnen.“

Das lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Besonders schlimm erwischt hat es die Bestände der Landeskundlichen Bibliothek: 58 Tonnen an Zeitschriften und Zeitungen sind nach Angaben von Todrowski durch die Wassermassen und den Schlamm zerstört worden. „Die waren so kaputt, dass nur noch die Entsorgung als Altpapier in Frage kam.“

Für die Landeskundliche Bibliothek ist das natürlich ein schwerer Schlag. „Wir hatten einen Bestand von 140 Reihen, teils von der ersten Ausgabe an. Das tut weh“, sagt die Kreisarchivdirektorin. „Das war unser Alleinstellungsmerkmal.“ An anderer Stelle seien einzelne Reihen zwar weiterhin erhalten, aber nicht in diesem Umfang und in der Vollständigkeit, wie sie an der Bismarckstraße vorgehalten wurden. Aber immerhin: „Das gedruckte Wissen ist nicht verloren.“

Rettung in Olpe

Um einiges besser ist die Bilanz, wenn es um die Bestände des Kreisarchives geht: Hier mussten lediglich 2,2 Tonnen vor Wasser und Schlamm gerettet werden. Die Rettung kam von der Firma Polygonvatro. Das Unternehmen gehört in Deutschland zu den Pionieren in der Gefriertrocknungstechnologie. Diese wird vor allem eingesetzt, wenn es gilt, wertvolle Dokumente, Akten, Zeichnungen zu erhalten. Dafür kommt eine Gefriertrocknungsanlage mit einer Gesamtkapazität von mehreren Tonnen Nassgewicht zum Einsatz. „Das muss man sich vorstellen wie einen großen Vakuumschrank mit angeschlossener Gefriertrockung“, berichtet Rolf Kügler, Abteilungsleiter in der Firma Polygonvatro. Im Inneren der Kammer herrschen -10 Grad, außerhalb -29 Grad. So werde das Wasser gezwungen, sich einen Weg aus den durchnässten Seiten zu suchen, erklärt Kügler den Prozess, der physikalisch Sublimation genannt wird.

Befinden sich alle Gegenstände in der Kammer, wird ein Unterdruck erzeugt, der die Dokumente auftauen lässt. Dabei gehen die Materialien vom gefrorenen in den trockenen Zustand über, ohne erneut verflüssigt zu werden. Durch diese Technik sei es möglich, die feuchten Dokumente zu trocknen, ohne sie zu zerstören, erläutert Kügler. Mit der Gefriertrocknungsanlage ist die Firma in Olpe also in der Lage, viele Tonnen Nassgewicht gleichzeitig zu trocknen. „Ganz ohne Wäscheleine“, sagt Kügler mit Hinweis auf die Techniken, die früher angewendet wurden.

Zeitaufwendiges Verfahren

Die Dauer des Trocknungsprozesses ist abhängig vom Feuchtigkeits- und Verschmutzungsgrad der Papiere und beträgt „in der Regel zwischen zwei und sechs Wochen“, so Kügler. Nach der Trocknung weisen die Papiere nach wie vor optische Mängel auf. Das heißt, sie sind häufig wellig oder verformt. Jedoch sind die einzelnen Seiten „blätterbar“ und somit die enthaltenen Informationen gerettet. „Die Auswirkungen von Schlammpartikeln auf die Papiere bleibt jedoch abzuwarten“, konstatiert Fachmann Rolf Kügler.

Für die Altenaer Bestände bedeutet das, dass sie zum Ende des Monats wieder in die Burgstadt zurückkehren, sagt Dr. Christiane Todrowski. Es müsse dann geklärt werden, ob in bestimmten Fällen noch eine so genannte Einzelblatt-Restaurierung erforderlich ist. Insgesamt also ein zeitaufwendiges Verfahren.

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