25-Jähriger: „Ja, er ist wegen mir gestorben“

Kamera- und Fernsehteams stürzen sich auf den Angeklagten. ▪

ALTENA ▪ „Ja, es stimmt, dass er wegen mir gestorben ist, und dass ich ihn hinterher verbrannt habe“, so gestern der 25-jährige Muhamed I. vor dem Schwurgericht des Hagener Landgerichts, nachdem Staatsanwalt Bernd Halldorn die Anklage verlesen hatte: Er soll seinen 65-jährigen Vater erschlagen und verbrannt haben.

Nur vier Zuhörer, dafür aber etliche Medienvertreter hören vom Leid des 25-jährigen, seiner Geschwister und seiner Mutter. „Mein Vater war ein Familientyrann. Er wollte andere Menschen immer nur manipulieren und kontrollieren. Er hat uns alle krank gemacht. Viele von uns wollten entweder sich selbst oder eben ihn umbringen.“ Der 25-jährige erklärt, es gebe so viele kleine Details aus diesem lebenslänglichen Familiendrama. Niemand könne sich vorstellen, wie er, seine türkischstämmige Mutter und seine Geschwister gelitten hätten. „Es war so schmerzhaft, ihn als Vater zu haben.“ Er berichtet von Beleidigungen, Demütigungen, von physischer und psychischer Gewalt. „Ich musste als dreijähriger Junge mitansehen, wie er meine Mutter immer wieder schlug“ – Muhamed bricht jetzt das erste Mal in Tränen aus, fasst sich aber schnell wieder als die vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen ihn darum bittet. Er erzählt weiter: 1990 habe seine Mutter dann die Familie verlassen, „sie konnte einfach nicht mehr“. Es folgten Stationen bei den Großeltern in den USA, „die haben mich auch misshandelt“, später dann bei der Stiefmutter im Libanon. Sein Vater sei nur sporadisch vorbei gekommen.

Alle hätten ihn immer gehänselt, weil er türkisch aussehe, sagt Muhamed. „Du bist nicht einer von uns. Du hast zu große Ohren, siehst aus wie ein Affe.“ Der Onkel habe ihn und seine Schwester oft fest zwischen die Beine genommen und dann zugedrückt. „Er wollte uns die Luft aus den Lungen holen, das mache uns stark, sagte er. Ich hatte schreckliche Angst.“ Diese Erlebnisse seien der Grund dafür, dass er heute unter Klaustrophobie leide, erklärt Muhamed.

Der 25-Jährige spricht weiter und weiter. Er scheint froh, seine Geschichte erzählen zu dürfen. „Mein Vater drohte uns schon immer damit, uns auf die Straße zu setzen. Und einmal hat er meinen kleinen Bruder auf einem Parkplatz ausgesetzt und ist mit uns weggefahren. Ich musste mit ansehen, wie Sammy schreiend, voller Angst zurückblieb. Es sollte eine Warnung sein.“ Er habe damals angefangen, sich selbst zu verletzen, bis er zwölf war, habe er am Daumen gelutscht und ins Bett gemacht – Muhamed bricht wieder in Tränen aus.

Auch im Teenie- und Erwachsenenalter hätten die Demütigungen nicht aufgehört. Als er in Aachen studierte, habe er jedes Wochenende nach Hause kommen müssen. „Mein Vater wollte nicht, dass ich Freundschaften schloss und er wollte mich weiter kontrollieren.“

Muhameds leidvoller Bericht dauert rund dreieinhalb Stunden. Jetzt soll er die Geschehnisse am 21. und 22. Mai darstellen. Der 25-Jährige stöhnt tief und lässt sich in seinen Stuhl sinken. Mit leiser Stimme berichtet er vom Streit zwischen ihm und seinem Vater. „Er hat mich beschimpft, wie er es immer getan hat.“ Er habe nicht mehr zuhören wollen und sei durch die TV-Kanäle gezappt. „Mein Vater wurde wütend, zog mich am Ohr und schrie mich an. Da bin ich ausgeflippt“, fast flüstert Muhamed jetzt. Mit der Faust habe er seinen Vater geschlagen, woraufhin der ihn getreten habe, so dass Muhamed gegen den Esstisch fiel. „Mit seinem bösen Blick sprang er auf mich und ich hatte keine Luft mehr.“ Sein Vater habe gesagt, er habe keinen Sohn mehr, für ihn sei er jetzt tot.

Jetzt mischt sich Muhameds Verteidiger, Prof. Dr. Ralf Neuhaus, ein: „Wo waren die Hände ihres Vaters?“ Muhamed antwortet nicht. „Wo waren die Hände ihres Vaters?“, fragt Neuhaus erneut. Muhamed legt seine Hände an seinen eigenen Hals und drückt zu: „Hier.“

Auf dem Tisch liegend, mit dem fast 100 Kilo schweren Vater auf sich, habe er dann nach irgendwas gesucht, berichtet der 25-Jährige weiter. Mit der linken Hand habe er ein Messer zu fassen gekriegt. „Ich habe einmal zugestochen. Meine Augen waren zu.“ Sein Vater habe von ihm abgelassen. „Er hielt sich die Schulter. Es kam sofort Blut – Ich bin weggelaufen“, berichtet Muhamed. Mit dem Auto seines Vaters sei er nach Werdohl auf einen Parkplatz gefahren. „Ich war völlig durcheinander.“ Eine Stunde etwa sei er dort geblieben, dann zurück nach Hause gefahren. „Dort lag mein Vater in einer Blutlache. Die ganze Wohnung war voll Blut“, auch das trägt Muhamed sehr leise und ganz ruhig vor. Zu diesem Zeitpunkt sei für ihn die Welt zusammengebrochen. Lange Zeit habe er da gesessen, geweint und nicht gewusst, was er tun solle. Dann habe er sich entschlossen, die Leiche seines Vaters zu verstecken. Er habe sie in Schlafsäcke gewickelt, die Treppen hinunter geschleift und sie irgendwie ins Auto gehievt. Er sei zur brach liegenden Firma gefahren und habe den Leichnam seines Vaters eine Böschung hinunter fallen lassen auf das Gelände, weil er keinen Schlüssel gehabt habe. Dann sei er nach Hause gefahren, um zu schlafen. „Das ging aber nicht.“ Und so habe er sich den Firmenschlüssel besorgt und dort nach einer Schaufel gesucht. „Ich habe aber keine gefunden.“ Dafür habe er den Industrieofen entdeckt und „da kam mir die Idee, meinen Vater zu verbrennen“. Am Sonntag dann habe er noch die blutverschmierten Möbel verbrannt, um Spuren zu verwischen. „Das war nicht ich zu diesem Zeitpunkt. Ich kann das nicht begreifen“, sagt Muhamed abschließend.

Sein Anwalt glaubt ihm: „Der lügt nicht. Das, was er erzählt, ist affektiv (gefühlsbetont) unterlegt. Es war Notwehr.“ ▪ Von Ilka Kremer

Der Prozess wird am 20. Oktober ab 9 Uhr fortgesetzt.

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