Schwarmzeit

Ein halbes Jahrhundert im Dienste der Bienen

Biene auf einer Bienenwabe
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Eine Biene sitzt auf auf einer Wabe.

Als kleiner Junge half er seinem Vater bei der Imkerei, seit 33 Jahren gibt er an der Freien Universität sein Wissen weiter. Benedikt Polaczek ist wohl einer der bekanntesten Imker Berlins. Diese Bienensaison an der Hochschule ist seine letzte.

Berlin - Vorsichtig nimmt Imkermeister Benedikt Polaczek ein Rähmchen mit Bienen aus dem Kasten. Junge Bienen purzeln ins Gras und auf sein Hemd. Polaczek setzt sie vorsichtig wieder zurück.

„Sie sind noch zu schwach zum Fliegen und wenn wir sie nicht ins Volk zurücksetzen, sterben sie“, erklärt der 64-Jährige. Die Schwarmzeit steht an. Bienenvölker teilen und vermehren sich. Um zu verhindern, dass sich ein Volk unkontrolliert einen neuen Platz sucht, müssen Imker die Völker rechtzeitig kontrollieren und zur richtigen Zeit umsetzen.

Ein Arbeitsplatz mitten im Grünen

Für Polaczek ist das Routine. „Ich diene den Bienen jetzt seit 55 Jahren, davon 33 Jahre an der Freien Universität“, sagt der gebürtige Schlesier, der schon als Kind seinem Vater beim Imkern half.

„Ich habe einen super Arbeitsplatz“, schwärmt Polaczek. Mitten im Grünen, auf dem Gelände des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität (FU) in Düppel, befindet sich einer der drei Bienen-Standorte der Hochschule: ein Holzhäuschen, Tische und Bänke für Seminare im Freien, Bienen-Informationstafeln für Besucher, daneben die Bienenkästen. Und gleich nebenan grasen Kühe.

Bienen eines Bienenvolkes sind auf einer Wabe auf dem Gelände des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität (FU) in Düppel zu sehen. Die Freie Universität Berlin bildet seit Jahrzehnten angehende Imker, Veterinärmediziner und Amtstierärzte aus.

Ende des Jahres geht der Angestellte des Instituts für Veterinär-Biochemie in Rente. „Ich habe 45 Berufsjahre geschafft und möchte auch keine Ämter mehr“, sagt der langjährige Vorsitzende des Imkerverbands Berlin und wohl einer der bekanntesten Imker der Stadt.

Nur wenige junge Menschen erlernen den Beruf des Imkers

Hunderte Hobbyimker besuchen jährlich seine Kurse an der FU. Polaczek zeigt auch Berliner Kita- und Schulkindern regelmäßig, woher der Honig kommt. „Der Nachwuchs ist doch unsere Zukunft“, sagt er.

Bei ihm lernen zudem angehende Berufsimker, derzeit ist es Sarah Kirstein, mit der er an diesem Tag die Schwarmkontrolle erledigt. Nur wenige junge Menschen lernen diesen Beruf: An der bundesweit zentralen Ausbildungsstelle, dem LAVES Institut für Bienenkunde in Celle (Niedersachsen), haben im vergangenen Jahr 25 Imker ihre Abschlussprüfung abgelegt, berichtet Mitarbeiter Otto Böcking.

Auch angehende Veterinärmediziner und Amtstierärzte werden an der FU aus- und fortgebildet. „Damit sie den Umgang mit Bienen lernen und wissen, was sie tun“, erklärt Ralf Einspanier, Professor des Instituts für Veterinär-Biochemie. Er leitet die Bienengruppe und bietet für Studenten zwei Wahlpflichtkurse zur Bienenkunde an. In der regulären Tierarztausbildung komme diese recht kurz, so Einspanier.

An Bienen mangelt es nicht

„Das Interesse ist sehr groß, wir haben für unsere Kurse immer deutlich mehr Anmeldungen als Plätze“, so der Wissenschaftler. Jährlich können den Kurs demnach nur zwölf der 190 Studenten besuchen. „Wir überlegen, deshalb, das Angebot auszubauen“, sagt Einspanier. Denn der Bedarf sei da: Immer wieder gebe es in Berlin Krankheitsausbrüche in Bienenvölkern und Amtsärzte müssten wichtige Entscheidungen treffen. „Es geht immer um die Frage, ob Völker saniert werden können oder getötet werden müssen“, ergänzt Polaczek.

„Vor allem die meldepflichtige Amerikanische Faulbrut tritt in bestimmten Bezirken immer wieder auf“, so Einspanier. Es sei aber noch ungeklärt, woran das liege und wie man dem vorbeugen könne. An seinem Institut werde deshalb unter anderem dazu geforscht.

In Berlin gibt es laut Polaczek etwa 10.000 Bienenvölker, darunter 3000 von Bienenhaltern, die nicht in Vereinen organisiert sind. An Bienen mangele es nicht. Sorgen machten ihm Halter, die glaubten, ein Internet-Kurs und ein Kasten am Balkon oder auf dem Dach genügten.

Hobby-Imkerei führt zu Problemen

Immer wieder gebe es Probleme, nicht nur mit Krankheiten, der Witterung, der die Bienen schutzlos ausgeliefert seien oder Nachbarn, die sich belästigt fühlten. Polaczek berichtet von Völkern, die unkontrolliert schwärmen, sich an Ampeln, Fahrrädern oder in Jalousiekästen niederlassen. Um dies zu verhindern, sei Erfahrung nötig.

Auch der Deutsche Imkerverband rät anlässlich des Weltbienentags am 20. Mai davon ab, Bienen zu halten, ohne vorher an einem Bienenvolk gearbeitet und praktische Erfahrungen gesammelt zu haben. „Das ist ethisch nicht vertretbar“, sagt Sprecherin Petra Friedrich.

Polaczek hat sich schon vor Jahren für einen Qualifikationsnachweis für Imker ausgesprochen. Doch eine solche Pflicht ist nicht in Sicht. Die Berliner Umweltverwaltung hat 2019 eine Bienenstrategie erarbeitet, um die Bienengesundheit zu fördern. Ein Teil der Strategie ist die Entwicklung von Mindeststandards für die imkerliche Qualifikation.

Das drittwichtigste Nutztier in Deutschland

Auch die neu geschaffene Bienen-Koordinationsstelle an der FU gehört dazu. Die Veterinärmedizinerin Antonia Genath, die auch über Bienen promoviert hat, leitet die Stelle koordiniert die Arbeit, Weiterbildung und Forschung rund um die Bienen seit Sommer 2020.

Polaczek freut sich, dass die Lobby für die Bienen - immerhin nach Rind und Schwein das drittwichtigste Nutztier - in Deutschland gestärkt wird. Eine direkte Nachfolgerin für ihn werde es auch geben. Die Imkerei will er aber nicht aufgeben. „Ich möchte sie doch auch meinen vier Enkeln vermitteln“, sagt der künftige Rentner. dpa

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