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Die Frühlingsidylle trügt - keine Entwarnung für Wildbienen

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Wildbienen
Aus einem Bienenhotel schlüpft eine Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta). Diese Wildbiene gehört zu den Arten, die sich an das Leben in Siedlungen angepasst haben. © Peter Zschunke/dpa-Zentralbild/dpa

Helfen Blühstreifen und Bienenhotels bei der Erhaltung der Artenvielfalt? Ja, sagen Experten. Aber dies gilt nur für wenige Arten, die sich an den Kulturraum angepasst haben. Andere sind weiter vom Aussterben bedroht.

Mainz - Sobald die Sonne durchkommt, fängt es an zu brummen. Mit einem satt vibrierenden Bass schwärmen frisch geschlüpfte Mauerbienen ums Haus und erkunden auf der Suche nach Nektar ihre Umgebung.

Im milden Rheinhessen sind sie in diesen Wochen an vielen Orten zu sehen. Überwintert haben sie in einem Kokon in Nisthöhlen, etwa in Mauerritzen oder Holzlöchern. Doch die Frühlingsidylle trügt.

Den meisten der etwa 560 Wildbienenarten in Deutschland geht es nicht so gut wie der Gehörnten Mauerbiene (Osmia cornuta), die sich in Siedlungen wohl fühlt und auch Schutzmaßnahmen wie sogenannte Bienenhotels dankbar annimmt. Die Rote Liste der Wildbienen führt 31 Arten auf, die vom Aussterben bedroht sind, und 78 weitere, die als stark gefährdet eingestuft sind.

Dem Großteil aller Wildbienen stehen harte Zeiten bevor

„Im Regelfall leben vom Aussterben akut bedrohte Insektenarten nicht im urbanen Raum und nicht in der konventionell genutzten Agrarlandschaft“, sagt Martin Sorg vom Entomologischen Verein Krefeld. Eine Gruppe von Entomologen (Insektenforschern) um Sorg konnte laut einer 2017 veröffentlichten Studie einen Rückgang der Gesamtmasse an Fluginsekten zwischen 1989 und 2016 um 75 Prozent nachweisen und löste damit öffentliches Erschrecken über ein dramatisches Insektensterben aus. Seitdem wurden zahllose Samenpäckchen für bienenfreundliche Blütenpflanzen verteilt, Blühstreifen in der Stadt und am Rand von Äckern angelegt und Bienenhotels aufgestellt.

Geht es den Wildbienen inzwischen besser? Gibt es Hinweise darauf, dass sich Wildbienenarten dem allgemeinen Trend rückläufiger Bestände widersetzen?

Ja, antwortet der Experte Sorg, schränkt aber ein, dass dies nur bei Arten zu beobachten sei, die sich an die Kulturlandschaft angepasst haben. Zu ihnen gehört auch die Gehörnte Mauerbiene. In der Roten Liste der Wildbienen wird sie als ungefährdet eingestuft. Für viele Wildbienenarten aber seien die gut gemeinten Maßnahmen keine Hilfe.

Lebensraum und Klima sind überlebensentscheidend

Das Umweltministerium in Mainz beobachtet bei einzelnen Arten seit einigen Jahren Ausbreitungstendenzen. Dabei handle es sich vor allem um Arten wie die ebenfalls als ungefährdet eingestufte Blaue Holzbiene (Xylocopa violacea), die eher einen südeuropäischen Verbreitungsschwerpunkt haben und mit der Klimaerwärmung häufiger in Rheinland-Pfalz zu beobachten sind.

Hingegen wird die Bärtige Sandbiene (Andrena barbilabris) in der Vorwarnstufe der Roten Liste geführt - sie gehört zu den Arten, die merklich zurückgegangen sind, aber aktuell noch nicht gefährdet sind. Die Sandbiene bevorzugt sandige Lebensräume mit keiner oder spärlicher Vegetation. Sie legt ihre Nester im lockeren Boden an, am Eingang werden die Sandkörner zu einer kleinen Pyramide angehäuft. Die Wildbiene zählt zwar auch zu den Solitärbienen, bildet also keine Völker wie die Honigbiene. Sie nistet aber gerne in Kolonien und schwärmt dann im Frühling ruhelos über den Erdlöchern hin und her.

Wildbienen
Eine Bärtige Sandbiene (Andrena barbilabris) schlüpft in ein Erdloch, wo Pollen als Nahrung für die Nachkommen im kommenden Jahr abgelegt wird. Diese Art wird in der Roten Liste der Wildbienen in der Vorwarnstufe geführt. © Peter Zschunke/dpa-Zentralbild/dpa

Für ihre Nahrung sind die Wildbienen auf früh blühende Pflanzen angewiesen. Die Sandbiene mag besonders den Pollen der weißen Blütendolden von Wiesen-Bärenklau (Heracleum sphondylium) und Wiesen-Kerbel oder auch die kleinen bläulichen Blüten von Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys).

Experte geben sich pessimistisch zur Bestandsentwicklung

Naturschützer begrüßen jede Maßnahme, die Nahrung und Nistmöglichkeiten für Wildbienen schafft. „Es kommt dabei jedoch sehr auf die Ausgestaltung an“, sagt der Wildbienenbotschafter beim BUND, Michael Leukam, der auch Vorsitzender der BUND-Kreisgruppe Worms ist. Die in der Landwirtschaft geförderten Blühstreifen enthielten oft Mischungen von Saaten aus Nordamerika, Asien oder dem Mittelmeerraum. Das helfe den Allesfressern unter den Bienen, nicht aber den bedrohten Spezialisten. „Von größter Bedeutung wären heimische Pflanzen, denn sehr viele Bienen haben sich im Laufe der Evolution auf bestimmte Nahrungs- und Pollenquellen spezialisiert.“

Bienenhotels könnten sinnvoll sein, wenn sie richtig gebaut seien. „Die meisten der in Gartencentern angebotenen Nisthilfen sind jedoch untauglich“, kritisiert Leukam. Viel wichtiger wäre es, im freien Feld oder in den Gärten Niststrukturen wie Totholz oder Sandflächen zu erhalten oder zu schaffen.

Zur Bestandsentwicklung der Wildbienen ist der BUND-Experte ähnlich pessimistisch wie der Wissenschaftler Sorg: „Leider gibt es da keine Entwarnung.“ Als Gründe nennt er die weiter zunehmende Bodenversiegelung, leblose Steingärten und den Einsatz von Pestiziden. Auch Flurbereinigungen und eine immer effizientere Bodenbearbeitung führten zu einem dramatischen Rückgang der Lebensräume für Wildbienen. „Rund die Hälfte aller Wildbienenarten ist gefährdet oder vom Aussterben bedroht.“

Getreide, Obst oder Blühstreifen?

Auch politische Parteien verteilen gerne Samentütchen für bienenfreundliche Pflanzen - Bienchen sind Sympathieträger. Aber im Februar hat Landwirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP) eine Ausnahmeregelung für den Obstbau in rheinhessischen Naturschutzgebieten erwirkt: Dort ist jetzt der Einsatz von Insektiziden zulässig - „denn die Obstkulturen können ohne Insektizide weder integriert noch ökologisch bewirtschaftet werden“. Widerspruch dazu kam von der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL). Die Zulassung von Insektiziden in Naturschutzgebieten stehe dem Gemeinwohl entgegen und „schädigt insbesondere die für uns wichtigen Wildbienen“.

Mit dem Krieg in der Ukraine ist zudem die Diskussion aufgekommen, Blühstreifen an Äckern und andere Ökologische Vorrangflächen (ÖVF) zeitweise für den Anbau von Getreide oder Mais zuzulassen. Landwirtschaftsministerin Schmitt befürwortet dies, die EU hat die Möglichkeit zu Ausnahmeregelungen zugelassen.

Im Umweltministerium sagt eine Sprecherin, das Bundeslandwirtschaftsministerium habe zwar der Nutzung solcher Flächen für Beweidung und Grünfutter zugestimmt. Einem Anbau von Feldfrüchten, wie er von Bauernverbänden gefordert werde, sei aber deutlich zu widersprechen. Gerade in den Obst- und Gemüsebauregionen von Rheinland-Pfalz seien Bestäuber von großer Bedeutung, „denn nur sie tragen zu einem ausreichenden qualitativen und quantitativen Ertrag dieser Früchte bei, und auch Raps benötigt die Wildbienen zur Bestäubung“.

BUND-Wildbienenbotschafter Leukam hält einen Getreideanbau auf Ökologischen Vorrangflächen für den falschen Weg: „Statt den Naturschutz zu beschneiden, wäre es sinnvoller, weniger Nahrungsmittel für die Tiermast oder für die Energieproduktion anzubauen.“ dpa

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