Tiefstes Süßwasserreservoir

Müll setzt dem russischen Naturparadies Baikalsee zu

Der mehr als 1600 Meter tiefe See in Sibirien kommt immer wieder in die internationalen Schlagzeilen. Foto: Claudia Thaler/dpa
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Der mehr als 1600 Meter tiefe See in Sibirien kommt immer wieder in die internationalen Schlagzeilen. Foto: Claudia Thaler/dpa
Müll liegt in einem Wald am Rande des Baikalsees. Foto: Ulf Mauder/dpa
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Müll liegt in einem Wald am Rande des Baikalsees. Foto: Ulf Mauder/dpa
Müll stapelt sich in einer Mülltonne am Baikalsee. Foto: Claudia Thaler/dpa
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Müll stapelt sich in einer Mülltonne am Baikalsee. Foto: Claudia Thaler/dpa
Umweltschützer sehen die Natur um das Schutzgebiet am Baikalsee durch Müll bedroht. Foto: Claudia Thaler/dpa
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Umweltschützer sehen die Natur um das Schutzgebiet am Baikalsee durch Müll bedroht. Foto: Claudia Thaler/dpa
Eine Verkäuferin bietet Touristen getrockneten Fisch an. Foto: Claudia Thaler/dpa
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Eine Verkäuferin bietet Touristen getrockneten Fisch an. Foto: Claudia Thaler/dpa
Touristen sonnen sich am Baikalsee. Foto: Claudia Thaler/dpa
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Touristen sonnen sich am Baikalsee. Foto: Claudia Thaler/dpa

Der riesige Baikalsee ist eines der beliebtesten Reiseziele Russlands. Doch sein fragiles Natursystem erlebt dadurch eine dramatische ökologische Krise.

Listwjanka (dpa) - Am Ufer reihen sich Schaschlikbuden und bunte Verkaufsstände aneinander. Unzählige Touristenbusse halten kilometerweit an den kleinen Stränden an einem der größten Naturwunder Russlands. Der mystische Baikalsee ist das tiefste und älteste Süßwasserreservoir der Welt.

Dem kleinen Ort Listwjanka ist seine Geschichte als Fischerdörfchen am Westufer des Sees kaum noch anzusehen. Hunderttausende Fremde kommen jedes Jahr hierhin. Doch noch nie kamen so viele Touristen zum Unesco-Weltnaturerbe Baikalsee wie in diesem Jahr, sagen Umweltschützer.

Und noch nie sammelte sich so viel Müll an.

Der mehr als 1600 Meter tiefe See in Sibirien kommt immer wieder in die internationalen Schlagzeilen. Früher kämpften Umweltschützer gegen eine Zellulosefabrik, deren Abwässer direkt in den Baikalsee geleitet wurden. Die als "Schande Russlands" bezeichnete Fabrik wurde 2013 geschlossen.

Nun setze dem rund 640 Kilometer langen See besonders der wachsende Tourismus zu, sagt sogar der Umweltbeauftragte des Kremls, Sergej Iwanow. "Der Baikal bereitet uns große Sorgen", betonte er unlängst bei einer Umweltkonferenz. Viele Touristen zelteten ohne Genehmigung, Hotels verfügten nicht über Kläranlagen. Zudem grillten viele Menschen wild und verursachten immer wieder schwere Waldbrände. Tonnen von Abfall lägen am Ufer und gefährdeten den See, der an der breitesten Stelle rund 80 Kilometer misst. Iwanow schlägt deshalb vor, eine Touristenquote einzuführen.

Die Einwohner von Listwjanka hadern immer wieder mit den Touristenmassen. "Es ist eine echte Belagerung", sagt Touristenführer Roman, der die Gäste von der rund 70 Kilometer entfernten Stadt Irkutsk zum See bringt. Gleichzeitig profitiert die strukturschwache Region enorm von den Besuchern. Auf einer Reise mit der - bei deutschen wie auch chinesischen Touristen beliebten - Transsibirischen Eisenbahn quer durch Russland lässt sich leicht ein Zwischenstopp in dem 2000-Seelen-Ort einlegen. Im vergangenen Jahr kamen nach offiziellen Angaben mehr als 1,6 Millionen Touristen zum Baikalsee; um dort zu wandern, Bootsausflüge zu machen oder an dem extrem kalten Gewässer einfach nur zu entspannen.

Großes Streitthema

Das Müllproblem in Russland ist in den vergangenen Jahren zu einem großen Streitthema geworden. So will etwa Moskau einen Teil seines Abfalls nach Archangelsk in den Norden verlagern. Doch die Anwohner protestieren seit Monaten dagegen. Eine landesweite Müllreform ist eigentlich geplant. Die Behörden sollen die Umsetzung auf Anweisung von Präsident Wladimir Putin nun stärker kontrollieren.

In Listwjanka schießen Hotels, Restaurants und Badeplätze wie Pilze aus dem Boden. Nur wenige Meter vom Ufer entfernt gibt es unzählige Baustellen, Marktplätze und Zoos, in denen etwa Robben für Shows im Wasser dressiert werden. "Listwjanka erstickt im Tourismus", sagt Galina Sibirjakowa der Deutschen Presse-Agentur. Die Umweltschützerin ist in dem kleinen Ort geboren. Heute lebt sie mit ihrer Familie auf der archaischen Schamaneninsel Olchon am Westufer des Sees.

Immer mehr Parkplätze werden in ihrer Heimat für die Touristenbusse gebaut, Straßen erweitert, Wälder dafür gerodet. "Es tut weh, das alles zu sehen. Und diese Entwicklung gibt es auch in anderen Orten", sagt Sibirjakowa. Auch auf der Schamaneninsel, wo es erst seit kurzem eine Landstraße gibt, könne es bald so aussehen. Jedes Jahr kommen rund 50.000 Touristen hierhin. Es gibt mehr als 30 Hotels und Wellnessorte in Olchon - Tendenz steigend. "Diese schönen Orte verwandeln sich in Müllhalden", sagt Sibirjakowa. Deshalb dokumentiert sie seit einigen Jahren auf einem Blog die Müllsünden der Region. Sie will so Hotels dazu bringen, zumindest die Auflagen des Naturschutzes einzuhalten.

Nicht immer bringt das den gewünschten Erfolg.

Werden Fälle aufgedeckt, droht den Betreibern zwar eine Geldstrafe. Doch die Behörden seien zu mild, kritisiert Sibirjakowa. "Gegen das Naturschutzrecht zu verstoßen, bleibt wirtschaftlich rentabel. Die Strafen sind einfach zu gering."

Auf der anderen Uferseite in der Teilrepublik Burjatien gibt es ähnliche Probleme. "Es ist ein Teufelskreis", sagte Iwan Loginow von der Organisation "Neue Energie" lokalen Medien. Die Menschen vor Ort profitierten zwar von den Touristen, am Ende fehlten jedoch sowohl die Mittel als auch der Wille, um gegen den zurückgelassenen Müll vorzugehen. Dort werde dieser nur vergraben, Recycling gebe es noch nicht. "Der Naturschutzbeauftragte kommt zwar vorbei, es gibt Strafen. Der Müll bleibt aber trotzdem liegen."

Weil viele Bewohner wie auch Schamanen mit der Entwicklung unzufrieden sind, hoffen sie auf Hilfe aus Moskau. Kremlchef Putin solle sich persönlich ein Bild vom See machen, sagt eine Verkäuferin an einer Schaschlikbude in Listwjanka. "Und er soll sehen, wie die Perle Russlands zugrunde geht. Das darf nicht so bleiben." Alles schreit nach der versprochenen Müllreform.

Baikalsee auf der Unesco-Welterbeliste

Greenpeace zum Baikalsee (Russisch)

Umweltorganisation "Save Baikal"

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