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ID. Buzz: So viel Bulli steckt im neuen Elektro-Bus von VW

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Von: Rudolf Bögel

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ID.Buzz gelb
Den Bulli des 21. Jahrhunderts gibt es mit Zweifarblackierungen. Gelb-Weiß ist unser Favorit aber auch in Blau-Weiß sieht der ID.Buzz gut aus. © VW

Kann Bulli auch Elektro? Erste Testfahrt im neuen ID.Buzz von VW. Bulli – was ist aus dir geworden?

Was war zuerst da? Der Bulli oder Volkswagen? Das ist wie mit dem Henne-Ei-Vergleich. Das Huhn gibt es nicht ohne Ei, und das Ei nicht ohne Huhn. So ähnlich verhält es sich mit dem T-Modell von Volkswagen. Vielleicht war der Bulli für den Konzern sogar wichtiger als der Käfer. Der Kastenwagen spielte nämlich in jeder Liga. Als Liefer- und Pritschenwagen, als Omnibus des kleinen Mannes, als Familienkutsche und Camper! Bullis sind in Alaska genauso unterwegs, wie in Zimbabwe. Von daher stand VW schon vor einer ganz besonderen Herausforderung, als Designer und Techniker ihr T-Modell in die Neuzeit übersetzen mussten. Neben dem neuen T7 ist er auch als Elektro-Bulli erschienen. Ob letzteres gelungen ist, zeigen die ersten Testfahrten.

ID.Buzz gelb Detail Frontscheinwerfer
Als ob ID.Buzz zwinkern würde. Die schmalen Scheinwerferaugen strahlen Freundlichkeit aus. © VW

Bei der Sympathiewertung erreicht der Bulli volle Punktzahl

Einmal Popstar sein. Einmal ein Bad in der Menge machen. Kein Problem. Denn dazu gibt es jetzt den VW ID. Buzz. Wir fahren den Elektro-Bulli von Volkswagen quer durch und rund um Kopenhagen und die Herzen fliegen uns zu. Lächelnde Gesichter, gezückte Handys – gerade zu schade, dass keiner ein Autogramm will. Wir geraten in eine Oldtimer-Treffen. Alte Corvettes, MG Roadster, Buckel-Volvos. Die Daumen wandern nach oben. Auf der Brücke nach Malmö beschert uns der VW-Transporter sogar einen kurzen Zwischenstopp an der schwedische-dänischen Grenze. Offiziell will der Beamte den Ausweis sehen – von uns aber eigentlich nur alles über den Bulli wissen. Nach einem viertelstündigen Plausch gibt es den Personalausweis mit einem zufriedenen Grinsen zurück. Eines ist schon nach kurzer Zeit klar. Die Sympathiewertung gewinnt der E-Bulli mit voller Punktzahl.

ID.Buzz Cockpit rot
Auch in Rot sieht der Bulli innen gut aus, direkt über den Bildschirm in der Mitte sieht man eine störende Nase in der Frontscheibe. © ingo barenschee / VW

VW Bulli kaufen – und den Weltmeeren helfen

Das Design ist ja auch zu knuffig. Freundliche zwinkernde Augen, jedoch kein Kindchen-Schema mehr. Wäre auch nicht zeitgemäß. Das Design sieht nach Vergangenheit aus – blickt aber mutig in die Zukunft. Zurück in die Zukunft – so lautet das Motto. Die Zweifarblackierungen (blauer Body, weißes Dach, orange-weiß, gelb-weiß) erinnern an die Vergangenheit, die kurzen Überhänge ebenso. Trotzdem wirkt der ID. Buzz nicht altmodisch. Das setzt sich im Inneren fort. Helle Optik, nach Leder und Holz sucht man vergeblich. Hier ist alles vegan und zum Teil Recycling-Ware. Hier werden nicht nur P.E.T.-Flaschen zu Kunststoff verarbeitet, hier macht man aus Pflanzenfasern die Beläge für Stoffsitze. Und in gewisser Weise unternimmt der ID. Buzz-Kunde sogar etwas gegen die Verschmutzung der Meere. Dort aufgefischtes Plastik wird zu neuem Kunststoffleben erweckt und wandert in den Elektro-Bulli. Sympathisch.

ID.Buzz gelb Seitenansicht geöffnete Türen
Platz nehmen und wohlfühlen. Das Ambiente im ID. Buzz wirkt luftig und leicht, außerdem werden hier viele Recycling-Produkte verwendet. © VW

Was macht denn die wulstige Nase auf der Winschutzscheibe?

Das Cockpit ist aufgeräumt – wer die ID-Baureihe von VW kennt – entdeckt zunächst einmal keinen Unterschied zu ID.3, 4 und 5. Stummelbildschirm mit den wichtigsten Informationen hinter dem Lenkrad, daneben der Gangwahlhebel und mitten auf dem Armaturenbrett der mittlerweile ziemlich logisch aufgebaut Entertainment-Bildschirm. Die Dekor-Elemente im Cockpit kann man ebenfalls zweifarbig wählen – und dann entdeckt man so nach und nach das ein oder andere feine Detail wie die eingravierten Smileys in den Türen. Überall im Auto sind USB-C-Buchsen untergebracht – schließlich wollen alle Smartphones, Tablets, Laptops während der Fahrt geladen werden. Wie im echten Bulli auch fehlt eine Motorhaube, der Blick geht direkt auf die Straße. Mit einer Ausnahme. In der Mitte stört eine dicke, wulstige Nase. Hier in der Mitte der Windschutzscheibe direkt oberhalb des Armaturenbretts wölbt sich ein Plastikbuckel, hier sind wichtige Sensoren untergebracht.

ID.Buzz blau Heck
Kurzes Heck, große Scheibe - der ID. Buzz bringt es auf eine Gesamtlänge von 4,71 Metern und ist wendig wie ein VW Golf. © www.martinmeiners.de / VW

Woher kommt eigentlich der Name Bulli?

Über solche Mängel sieht man gerne hinweg. Vor allem, wenn man mit dem Bulli durchstartet – also durchstromert in diesem Fall. 204 PS stehen in der Pro-Variante zur Verfügung und damit 310 Newtonmeter Drehmoment. Das reicht für einen kapitalen Start an der Ampel – allerdings geht dem 2,5-Tonner bald die Luft aus. Nun ja, der T1, also der Ur-Bulli, hatte sparsame 25 PS, musste dafür aber auch nur 890 Kilogramm herumschleppen. Apropos Bulli. Der Kosename des T1 ist noch relativ jung. Erst seit 2007, als Volkswagen die Namensrechte von der Kässbohrer Geländefahrzeug AG kaufte, heißt der Bus so. Vorher nannte man ihn einfach nur Kombi. Ob der Name Bulli von Bus und Lieferwagen abstammt, bleibt ein Fall für die Abteilung Legende. Sicher ist jedoch, dass anno 1951 bei der IAA ein Kleintransporter mit dem Namen „Samba“ vorgestellt wurde. Acht bis zwölf Sitze und 23 Fenster – das waren die Merkmale des erfolgreichsten Mini-Busses der 50er-Jahre.

ID.Buzz gelb Heckklappe offen
Wenn man das ganze Ladevolumen ausschöpfen will, dann einfach die Rücksitze umklappen, dann hat man Platz für mehr als 2000 Liter. © VW

Reichweitentest: Diese Strecke schaffen wir wirklich

„Tanze Samba mit mir, Samba Samba die ganze Nacht!“ Unweigerlich fällt uns der Gassenhauer von Schlagerkönig Tony Holiday ein. Beschwingt wie ein Samba. So carvt der ID.Buzz nämlich durch die Kurven. Elegant und schnell – ein Hüftschwung so flott wie der von einer brasilianischen Samba-Tänzerin. Poesie ist die eine Sache, Fakten die andere. Aber auch hier überzeugt der Elektro-Bulli. Er hat nämlich den gleichen Wendekreis wie ein VW Golf. 11,1 Meter – da ist sogar die Wende auf dem sprichwörtlichen Bierdeckel ein Kinderspiel. Ernst wird es wie bei allen Elektroautos jedoch bei der Reichweite. Unser Bulli hat die bereits von den anderen ID-Modellen bekannte 77 kWh-Batterie im Unterboden eingebaut. 402 bis 432 Kilometer sollen damit drin sein. Unser Bulli verspricht uns zu Beginn der Fahrt sogar 458 Kilometer. Nach 200 Kilometer Fahrt im weitgehend flachen Dänemark und Schweden, hauptsächlich über Landstraßen mit maximal 80 km/h und Autobahnen mit Höchstgeschwindigkeit 120 km/h landen wir bei einer Restreichweite von 223 Kilometern und einem Durchschnittsverbrauch von 18,3 kWh/100 km.

Maximal 13 Euro auf 100 Kilometer – das ist sparsam

Was sollen uns diese Zahlen sagen? Zum einen, dass der ID.Buzz immer unter der Voraussetzung, dass der Strompreis nicht ins Unermessliche schießt, tatsächlich wirtschaftlich zu bewegen ist. Sechs bis acht Euro Stromkosten pro 100 Kilometer sind günstig. Sogar ein Schnellader mit 70 Cent pro Kilowattstunde würde nur mit 13 Euro zu Buche schlagen. Was andererseits die Reichweite angeht, so sind Strecken jenseits der 400 Kilometer unrealistisch. 200 Kilometer mit 223 Kilometer Reichweitenverlust, und das unter Einbeziehung der Tatsache, dass man spätestens bei 50 Kilometer Rest schon hektisch nach einer Ladestation sucht, ergibt gerade mal ein wenig mehr al 300 Kilometer. Langstrecke adé - es sei denn, man hat ausreichend Zeit zur Verfügung. Hier heißt es also Teetrinken und abwarten – bis VW den angekündigten Akku jenseits der 90 kWh anbietet. XXL lautet die Devise auch bei einem längeren Bulli, der ebenfalls noch kommen soll und 30 Zentimeter mehr aufweist und beim GTX-Modell, das dann auch zwei Achsen angetrieben sogar bis zu knapp 300 PS locker macht.

ID.Buzz gelb aufladen
An der Wallbox dauert es 7 Stunden und 30 Minuten bis der E-Bulli aufgeladen ist, am Schnelllader geht es in 30 Minuten von 5 auf 80 Prozent Akkuladung. © MARTIN MEINERS / VW

Selbständig überholen – das kann der Bulli auch

Bei den Assistenzsystem ist der Bulli ziemlich auf der Höhe der Zeit. Assistierte Fahren, auch wenn nur ein Fahrstreifen erkennbar ist, soll möglich sein, weil sich der moderne VW-Bus mit anderen Autos austauscht. Die Intelligenz des Schwarms. Auch das Fahren auf der Autobahn soll einfacher werden. Abstand und Geschwindigkeit halten – das alles beherrscht der Travel-Assistent von Volkswagen bereits. Nun kommt aber ab Tempo 90 auf Autobahnen noch eine neue Funktion dazu. Ein kurzes Tippen auf den Blinker genügt, schon schert der Bulli selbständig aus, beschleunigt auf die eingestellte Geschwindigkeit, überholt den Vordermann und schert nach einem weiteren Tippen auf den Blinkerhebel wieder selbständig ein. Mehr Komfort beim Parken, vor allem bei kniffligen Verhältnissen, soll der Park Assist Plus bieten. Er kann angelernt werden. Hat er einmal das Rangieren in einer engen Einfahrt mit einem noch engeren Stellplatz gelernt, macht er das beim nächsten Mal völlig selbständig. Bis zu fünf solcher Situationen will sich das System merken. Bemerkenswert.

Unser Fazit, wenn wir dem Bulli tief in die Augen schauen

Wie ist er nun wirklich, der neue Bulli? Popstar, schön und gut. Aber der Ruhm lässt auch irgendwann mal nach. Wird man den ID. Buzz ähnlich lieben wie seine Vorgänger – oder bleibt er nur ein teurer Mode-Gag? Letzte Frage muss sich Volkswagen zumindest gefallen lassen. Kostet der VW-Bus, aus dem der ID.Buzz hervorging, doch immerhin ab 65.000 Euro aufwärts. Wir können diese Frage nicht rational beantworten. Unser erstes Rendezvous mit dem Elektro-Bulli war Liebe auf den ersten Blick. Unser zweites Treffen deutet auf mehr hin. Herzklopfen, aber mit Hirn. Ob daraus eine echte Beziehung wird – das wird erst der längere Praxistest zeigen. Ehe auf Zeit – wir werden sehen. Rudolf Bögel

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