Zwischen Soest und dem Iran: Marius Hulpes Roman „Wilde grüne Stadt“

Marius Hulpedeutscher SchriftstellerFoto: Ekko von Schwichow

Die „Wilde grüne Stadt“ hat Marius Hulpe nach dem Sandstein benannt, der seine Geburtsstadt Soest so sehr prägt. Und der Autor kann in einem Absatz ein Panorama malen, das wie ein Gedicht klingt: „Grüner Sandstein, Sieben Kirchen. Rosenstöcke. Gräfte, Wall. Palmsonntag, weiße Kleider, Kommunion. Heißluftballons. Steigen in der Ferne auf, und mit ihnen die Embleme der regionalen Gebräue. Wimpel baumeln zwischen Häuserwänden, flappen hier und da unter den milden Frühlingsböen, und durch die von Rüschen gesäumten Tischreihen der Lokale jagen manisch Kleinkindtruppen, auf und ab.“

Marius Hulpe, geboren 1982, heute in Berlin lebend, hat bislang vor allem mit Lyrik von sich reden gemacht, und das merkt man seinem ersten Roman auch an. Wie er mit Worten Bilder heraufbeschwört, das hat eine suggestive Kraft.

„Wilde grüne Stadt“ handelt vor allem von einer Familie, die über mehrere Generationen hinweg begleitet wird, in wilden Zeit- und Ortssprüngen. Da ist Reza, der Sohn eines Großgrundbesitzers im Hamadaner Land im Iran, der den Fehler begeht, einem General erst zu widersprechen und ihm dann noch einen Faustschlag zu verpassen. Aber der Geheimdienst des Schah hat besseres zu tun mit dem rebellischen Geist, als ihn wegzusperren, zu foltern, umzubringen. Reza wird nach Deutschland geschickt mit einer Geheimmission: Er soll Wissen jeder Art sammeln, um sein Heimatland voranzubringen. Reza landet in Soest, wo er Agrarwissenschaft studiert.

Und er trifft dort auf Clara, Tochter eines Kürschners, widerspenstig und viel zu unangepasst für die westfälische Provinz. Was sich schon darin zeigt, dass sie lieber als mit einem „deutschen Holzkopf“ mit „diesen Ausländern“ zusammen ist. Nicht nur mit Reza, der sich zwischendurch nach Berlin verzieht, sondern auch mit Cosmin aus Rumänien. Wie sie um die Freiheit dieses Geliebten kämpft, mit Briefen an Willy Brandt, Edward Kennedy und einen jungen Abgeordneten aus dem Sauerland namens Franz Müntefering, das ist ein spannendes Nebenkapitel des Eigensinns. Reizvoll sind auch die Begegnungen mit dem konsternierten Standesbeamten, der nicht einsehen will, welchen Vater Clara eintragen lassen und welche Namen sie ihren Kindern geben will. Sie trotzt der Spießigkeit der Stadt, dem autoritären Vater, dem Niedergang des Geschäfts mit Pelzen, das sein Ansehen verliert, als Aktivisten den Tierschutz vorantreiben.

Dritter Protagonist dieses autobiografisch unterfütterten Romans ist Niklas, Sohn von Clara und Reza. Der erlebt, wie schon vorher sein Vater, den Alltagsrassismus in der Provinz, wird vom eigenen Onkel als „kleiner Ayatollah“ und Sohn eines „Kamelreiters“ geschmäht, von anderen Kindern gemobbt und viel zu oft gefragt, wo er denn herkomme. Und das zielt nicht auf Soest oder Westfalen.

Einen eindeutigen roten Faden hat der Roman nicht. Stattdessen mäandert das Geschehen zwischen 1960 und 2010, zwischen dem Iran und verschiedenen deutschen Städten und den verschiedenen Figuren. Es ist erfreulich unberechenbar. Bei einem Besuch Rezas in seiner Heimat, nicht mit Clara, sondern einer anderen Geliebten, zeichnet sich die islamische Revolution mit dem Terror Chomeinis schon ab. Hulpe umspielt Motive wie Familie und Freiheit.

Wenn er die geordneten Verhältnisse in der Nachkriegsprovinz schildert, die Enge einer Stadt, in der man in Vereinen, in Kneipen, auf den Straßen sich immer wieder begegnet und im Blick hat, dann ist er sehr überzeugend. Und die Szenen von Niklas als Messdiener haben eine fein beobachtete Ungemütlichkeit mit der Rivalität der Jungen und dem unbehaglichen Ritual beim Gottesdienst. Und hinreißend Hulpes Ohr für den westfälischen Ton, wo man „schlört“ und „bölkt“, wo „geschmötkert“ wird und „geschnuckert“, wo Papier „verschröggelt“ riecht.

Das Lektorat hat bei diesem Buch aber versagt. Da häufen sich Fehlschreibungen wie „Klos im Hals“, „Rumpelstielzchen“, „Spezies“ als Plural von Spezi, „Probst“ und „Träcker“. Ganz gewiss „bewirten“ Landwirte ihre Äcker nicht. Man wälzt sich auch nicht „in den Stilblüten des Großstadtlebens“. Vom Sandstein heißt es: „Oft porös und erwiesenermaßen lichtempfindlich, kann nichts und niemand ihn so ganz beschützen.“ Dieser Satzbau verstößt gegen die Grammatik. Es ist kein Einzelfall. Bei einem Prosawerk, das so exponiert mit Sprache arbeitet, dürfen handwerkliche Aussetzer in dieser Fülle nicht vorkommen.

Marius Hulpe: Wilde grüne Stadt. DuMont Verlag, Köln. 398 S., 18,99 Euro

Quelle: wa.de

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