Die zweite Ausgabe der Emscherkunst stellt Skulpturen in das Ruhrgebiet

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Beschwingt zeigt sich der Strommast in Oberhausen: Den „Zauberlehrling“ schuf die Berliner Künstlergruppe „Inges Idee“.

Oberhausen - Der Strommast tanzt buchstäblich aus der Reihe. Abgelegt hat er die dicken Kabel, dynamisch schwingt er die Seitenstreben, elegant wiegt er sich im Wind. Der „Zauberlehrling“, eine 35 Meter hohe Skulptur, steht im Schatten der Konsumtempel in Oberhausens Neuer Mitte. Unweit der Emscher, zu betrachten von einem Naturlehrpfad aus, fängt das Werk der Berliner Künstlergruppe „Inges Idee“ die Blicke. Das wird sicher eins der Lieblingsstücke der zweiten Ausgabe der Emscherkunst.

Von heute an präsentieren die Emschergenossenschaft, der Regionalverband Ruhr und die urbanen Künste Ruhr wieder Kunst im öffentlichen Raum. Gestartet war die Emscherkunst überaus erfolgreich 2010 in der Kulturhauptstadt Europas. Damals kamen 200 000 Besucher. Die Arbeiten begleiten die Renaturierung der Emscher, die einst ein offener Abwasserkanal des Reviers war. 4,5 Milliarden Euro kostet es, mit Kläranlagen, Baumaßnahmen und einem eigenen neuen Abwasserkanal dafür zu sorgen, dass der Fluss wieder ein Stück Natur wird. Die Emscherkunst begleitet die Maßnahme, soll zusätzliche Anreize schaffen, damit die Bürger das Gebiet wieder gern besuchen. Auf 47 Quadratkilometern zwischen Gelsenkirchen und der Emschermündung in den Rhein in Dinslaken sind Arbeiten von 30 Künstlern zu sehen. Die Schau hat einen Etat von 4,7 Millionen Euro.

Kurator Florian Matzner kann prominente Künstler einladen wie den chinesischen documenta-Teilnehmer und Dissidenten Ai Weiwei. Der steuert das Projekt „Aus der Aufklärung“ bei. Es sind rund 1000 Zelte, die nach seinen Entwürfen, mit Motiven aus Ais Werk, in China gefertigt wurden. Interessenten können sie ausleihen und an verschiedenen Standorten darin übernachten, sei es wildromantisch auf der Emscherinsel, sei es mit etwas mehr Begleittrubel am Besucherzentrum in Oberhausen am Niederrheinstadion. In der Containerstadt, die Ooze Architects aus Rotterdam gestalteten, präsentieren sich auch die Kunstvereine des Ruhrgebiets mit wechselnden Ausstellungen. Zum Auftakt zeigt Anett Frontzek eine poetische Lichtinstallation mit dunkel schimmernden Gebilden, die an Bakterien erinnern.

Die Kunstwerke reagieren auf ihre Umgebung. Der französische Künstler Daniel Buren zum Beispiel gestaltete den alten Möllerbunker im Duisburger Landschaftspark Nord mit Plexiglas zu einem Farberlebnisraum. Die Künstlerinnen Sabine Haubitz und Stefanie Zoche stellten am Pumpwerk Alte Emscher in Duisburg direkt unter einer Auffahrt zur Autobahn 42 ein Haus auf den Kopf, in dem sie Videos mit Hochwasser-Szenen zeigen. Der belgische Künstler Hans Op De Beeck zeigt in der Nähe der Emschermündung ein Miniaturdorf, das auf Stelzen in einem Teich steht. Er nimmt die Zukunft des Orts vorweg: Im Zuge der Renaturierung soll hier einmal der Fluss verlaufen. Neben rund 20 neuen Arbeiten wurden auch einige alte neu aufgestellt. Mark Dions Vogelbeobachtungsstation steht nicht mehr in Herne, sondern auf einem Hochwasserschutzdamm am Rheinufer in Duisburg-Walsum. Und Tobias Rehbergers wunderbar beschwingte Brücke „Slinky Springs to Fame“ war 2010 noch nicht fertig.

Eine Reihe von Arbeiten setzt auf die Beteiligung des Publikums. Ai Weiweis Arbeit zum Beispiel funktioniert nur, wenn Menschen in seinen Zelten übernachten wollen. Die Wiener Künstlerin Anna Witt und die schwedische Gruppe Uglycute schulen bei ihrem in einer ehemaligen Eckkneipe in Duisburg-Marxloh angesiedelten Projekt „Breaking new“ Freiwillige. Die fahren durch die Stadt und schaffen aus Sperrmüll neue Möbel, bezogen mit einem kupfrig-goldnen Stoff.

Immer wieder dreht sich die Kunst um Wasser, Umwelt, Energie. Idealtypisch setzt das der Duisburger Künstler Reiner Maria Matysik in der Installation „Fluss wird Wolke“ an der Emschermündung um. Wo das weitgehend geklärte Wasser über eine Staustufe in den Rhein strömt und dabei einen eigenartigen Geruch freisetzt, da hat er eine elektrische Verdampfungsanlage aufgestellt. Die Emscher geht sozusagen in die Luft. Die Energie dazu liefert sie selbst über eine Wasserkraftanlage bei Bottrop. In einem Kunstiglu zeigt Matysik Wolkenskulpturen. Er selbst ist angetan vom schrecklich-schönen Ort zwischen zwei Kohlekraftwerken, „die auch Wolken produzieren, aber als Abfall“.

Dennoch sieht man nicht Gefälligkeitskunst. Die Teilnehmer behaupten eigene Ansprüche, ja führen manchmal ganz weit weg von Vorgaben. Michael Sailstorfer ruft bei seiner Arbeit den „Anti-Herbst“ aus. Noch sieht man nichts außer einem freistehenden Baum auf dem Rheindamm und einem Bauwagen. Aber als der Baum im Herbst 2012 die Blätter verlor, da hoben der Künstler und Helfer sie auf und befestigten sie neu. Die Kunst trotzte der Natur. In einem Video im Bauwagen kann man dieses menschgemachte Wunder anschauen.

Arbeiten von 30 Künstlern rund um den Fluss. Die Emscherkunst wird heute mit einem Fest am Besucherzentrum in Oberhausen eröffnet. Am besten erkundet man die Schau mit dem Rad. Bis 6.10, tägl. 10 – 18 Uhr,

Tel. 0170/ 9103114

www.emscherkunst.de

www.revierrad.de/ek2013

Katalog in Vorbereitung, Verlag Hatje/Cantz, Ostfildern, 30 Euro

Quelle: wa.de

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