1. come-on.de
  2. Kultur

Zita Gustav Wende inszeniert „Der große Gatsby“ am Schauspielhaus Bochum

Erstellt:

Von: Ralf Stiftel

Kommentare

Gatsby im Schauspielhaus Bochum.
Balanciert auf der schmalen Linie zwischen neuem Reichtum, gesellschaftlichen Ambitionen und einer alten Liebe: Guy Clemens als der große Gatsby im Schauspielhaus Bochum. © Armin Smailovic / Agentur Focus

Sie stehen vor dem Vorhang. Schauen sich an. Öffnen den Mund, aber bringen kein Wort heraus. Lange haben sich Gatsby und Daisy nicht gesehen. Aber ihre Gefühle sind noch da. Es ist wunderschön, Anna Drexler und Guy Clemens bei dieser Annäherung zuzuschauen.

Bochum – Der Spielraum in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum ist zurückgenommen, ein schmaler Streifen mit Kontakt zum Publikum. Nichts lenkt hier ab von der Ergriffenheit der beiden, die sich begegnen. Und man spürt die anschwellenden, überschäumenden Gefühle. Alles passiert in den Körpern, in den Gesichtern. Ja, das muss doch Liebe sein.

F. Scott Fitzgeralds Roman „Der große Gatsby“ spielt unter den Schönen, Jungen und Reichen in New York. Ein Klassiker, mehrfach verfilmt in Bildern, die glitzern und funkeln vor Fülle und Pracht. Aber es geht auch anders, wie Regisseurin Zita Gustav Wende in Bochum zeigt. In der Bühnenfassung von Angela Obst und Marvin T.L. Müller schießt alles zusammen zu einem Kammerspiel mit nur fünf Personen. Man braucht auch keine Ballsäle und Salons. Sophia Profanter (Bühne) und Tanja Maderner (Kostüme) kleiden alles in weißen Stoff, die Wände ebenso wie die Darsteller. Man soll vielleicht an unbeschriebene Blätter denken, an Unschuld. Es fühlt sich ein wenig so an, als schaue man dem Treiben einer Sekte zu, Leuten, die schon normale Sätze sagen, die dabei aber ziemlich fremd aussehen.

Ansonsten sieht man in Bochum eine nachvollziehbare, verständliche Geschichte, die sich recht zügig entfaltet. Der junge Börsianer Nick ist neu auf Long Island, in New York. Er wohnt in der Nähe seiner Cousine Daisy, die mit Tom verheiratet ist, einem Sportler und millionenschweren Erben. Als er sie besucht, hört er sofort, dass Tom eine Geliebte hat. Ein Geheimnis macht der daraus nicht, telefoniert mit ihr, während die anderen zuhören. Daisy flirtet herum, trinkt zuviel und zeigt nicht übermäßig viel Interesse an ihrer kleinen Tochter. Nicks Nachbar ist Gatsby, der Daisy liebte und noch liebt, der aber damals arm war und in den Weltkrieg musste. Nun ist er zurück, besitzt Geld im Überfluss, feiert große Partys und sucht wieder Kontakt. Das gäbe keinen Roman und kein Bühnenstück, wenn jetzt alle vernünftig wären, Tom seine ungeliebte Frau freigäbe und alle in neu sortierten Beziehungen glücklich alterten. Aber zwischen altem Geld und Neureichen ist Vernunft keine Option. Gatsby fordert von Daisy die absolute Liebe, es geht um Besitz, sie soll beteuern, dass sie nie etwas für Tom empfand. Und Tom mag zwar seine Geliebte, die ebenfalls verheiratete Myrtle, nicht aufgeben. Aber Daisy gehört natürlich nur ihm allein und nicht diesem dahergelaufenen Kerl, der sein Geld mit kriminellen Geschäften wie Alkoholschmugel machte. Es wird einen tödlichen Verkehrsunfall geben und sehr viel Unglück.

Die Regisseurin Zita Gustav Wende nutzt den Umstand, dass die Geschichte ohnehin aus einer Zeugenperspektive erzählt wird. So nutzen die Darsteller zum Beispiel den Zuschauerraum, und das Publikum wirkt schon mal als Resonanzkörper mit, wenn Gatsby am Mikrofon seinen mit Oxford aufgehübschten Lebenslauf vorträgt. Aber wenn wieder so eine Party dahinrauscht, dann erleben wir das von draußen, und nur wenn Gatsby die Tür öffnet, wummert die Musik von nebenan etwas weniger dumpf. Wir erleben nur die blütenweißen Fassaden der Figuren. Es werden reichlich Drinks eingeschüttet. Und immer, wenn es besonders stört, klingelt das Telefon. Den tödlichen, dramatischen Höhepunkt sehen wir gar nicht. Diese Szene läuft wie ein Hörspiel aus dem Off, mit gelegentlich aufblendendem Scheinwerferlicht.

Das literarische Ausstattungsstück mutiert in Bochum zum intimen Schauspielertheater. Und da hat das Haus einiges zu bieten. Guy Clemens stattet den Gatsby mit einiger Rätselhaftigkeit aus. Ein großzügiger und auch etwas gleichgültiger Gastgeber, der alle als „Sportsfreund“ anspricht. Seine Liebe aber äußert sich als Besessenheit, da will er seine Daisy unbedingt, verbissen, vor allem: nur zu seinen Bedingungen.

Anna Drexler gestaltet die idealisierte Traumfrau wunderbar widersprüchlich. Sie schaltet sofort um von der gerade noch beleidigten Betrogenen zur souveränen Society-Lady. Die vom Mint Julep schwere Zunge setzt sie virtuos ein, deutet das Torkeln an. Wenn sich ihr Cousin und die junge Golfspielerin Jordan beim Anschleichen ums Sofa gefunden haben und ein wenig kuscheln wollen, legt sie sich dazu und erzählt. Wenn sie sich dabei auf das Paar legt, wird Übergriffigkeit zu Körpergeschehen. Konstantin Bühler spielt den Nick als distanzierten Moralisten, er scheint immer ein wenig daneben zu stehen und zu staunen. Jele Brückner deutet in der Golferin Jordan souverän das Gegenbild zur überspannten, unentschiedenen Daisy an. Konstantin Bühlers Tom schließlich ähnelt äußerlich durchaus seinem Rivalen Gatsby, freilich in einer roheren Ausgabe, arrogant und überheblich.

Die Verwüstungen der Liebe bleiben verdeckt hinter Leichtigkeit und Eleganz. Das hält das Interesse. Und obwohl vor der eigentlichen Schlusskatastrophe des Romans, der für Gatsby tödlichen Schießerei, abgeblendet wird, stimmt das Porträt einer Gesellschaft, die auch Beziehungen noch über Besitz definiert.

3., 19.6., Tel. 0234/ 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

Auch interessant

Kommentare