Zeppelin-Zweiteiler „Hindenburg“ bei RTL

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Merten Kröger (Maximilian Simonischek) und Jennifer van Zandt (Laureen Lee Smith) im Hindenburg-Inferno. ▪r Luftwaffenoffizier ein bisschen herablassend zu dem achtjährigen Eric Kerner. Der Junge zappelt vor Begeisterung über den Zeppelin. Mit 125 Studenkilometern tuckern die Dieselmotoren über den Atlantik, zweieinhalb Tage dauert es von Frankfurt bis zum US-Luftschiffhafen Lakehurst. Die Messerschmitts, die Pilot Karl Erdmann (Wotan Wilke Möhring) sonst fliegt, sind ein anderes Kaliber. Gemächlich entwickelt auch der RTL-Zweiteiler „Hindenburg“ seine Geschichte. Es geht um die letzte Fahrt, die am 6. Mai 1937 in der Katastrophe von Lakehurst endete. Die Hindenburg explodierte, 36 Menschen starben. Drei Stunden nehmen sich Philipp Kadelbach (Regie), Johannes W. Betz und Martin Pristl (Drehbuch) Zeit, um eine Liebesgeschichte mit zwei Verschwörungstheorien zu verzwirnen: Die Gestapo fahndet nach geheimen Wehrmachtspapieren, die nicht in die USA gelangen sollen. Und es gibt eine Bombe an Bord. Der Thriller ist trotz Längen, eigentümlicher Wendungen und einer sperrigen Synchronisation (gedreht wurde für den internationalen Markt auf Englisch) ein bemerkenswertes Fernsehstück. Die Trickbilder vom großen ganzen Luftschiff haben Kino-Qualität. Die Besetzung ist prominent. Die Ausstattung schwelgt in den Umbratönen, Filzhüten und Pelzkragen der 1930er Jahre – einziger Stilbruch ist der rockige Soundtrack. Nachgebaut wurde auch das mondäne Bauhaus-Design der Kabinen. Vor allem aber vermittelt sich ein unbehagliches Zeitgefühl. Abgesehen von der fiesen Visage des Gestapo-Agenten und dem Kanisterkinn eines SS-Schergen genügen die Gründe, die einige Fahrgäste vier Jahre nach der „Machtergreifung“ das Ticket lösen ließen. Die Familie des kleinen Eric emigriert, um ihr Vermögen zu retten, denn nach den Rassegesetzen gilt sie als „jüdisch“. Noch sind „Endlösung“ und Todesfabriken unvorstellbar, und deshalb kann Anna Kerner (Christiane Paul) ihrem Mann diesen Entschluss nicht verzeihen. Ein Auftrittsverbot vertreibt den Varietékünstler (Hannes Jaenicke); er hofft, dass der Hitlergruß seiner Schäferhündin auch am Broadway ein Lacher wird. Erklärungswert besitzt auch der wirtschaftliche Hintergrund, ein Mix aus Fiktion und Fakten: Hugo Eckener (Heiner Lauterbach), Chef der Zeppelin-Reederei, und sein mürrischer Geschäftsführer (Ulrich Noethen) sind Prototypen einer Elite, die sich nicht gemein macht mit den NS-Bonzen, aber bei Aufrüstung und Aufschwung mitmacht für den Profit. Den bedroht ein Handelsembargo der USA. Eckener würde seine Luftschiffe lieber mit Helium füllen als mit entzündlichem Wasserstoff. Und dem US-Chemiekonzern Edward van Zandts (Stacey Keach) droht die Pleite, wenn er das Edelgas nicht bald wieder verkaufen darf. Jetzt will van Zandt mit aller Macht verhindern, dass Gattin (Greta Scacchi) und Tochter Jennifer (Lauren Lee Smith) an Bord der Hindenburg gehen. Ingenieur Merten Kröger (als Hauptdarsteller enttäuschend hölzern: Maximilian Simonischek), der am Vorabend mit Jennifer geflirtet hat, soll die beiden Frauen finden. Stattdessen tötet er in Notwehr Jennifers Verlobten, erfährt von dem Sprengsatz und klettert gerade noch rechtzeitig an Deck. Das ist zwar nicht logisch, aber immerhin schnell erzählt. 10,5 Millionen Euro hat RTL für „Hindenburg“ ausgegeben, darunter zwei Millionen Euro Subventionen von der Filmstiftung NRW. Die Rekordsumme investiert der Kölner Privatsender aber wohl nicht in die Quote, sondern in sein Ansehen bei der werbetreibenden Wirtschaft. Das ließ RTL sich zuletzt für weniger Geld im Dschungelcamp verbeulen. Trotz Zuschauerrekorden waren die Reklame-Blöcke da höchstens halb ausgebucht. RTL, so + mo, 20.15 Uhr

Von Elisabeth Elling ▪ Langsam sei die Hindenburg, sagt der Luftwaffenoffizier ein bisschen herablassend zu dem achtjährigen Eric Kerner. Der Junge zappelt vor Begeisterung über den Zeppelin. Mit 125 Studenkilometern tuckern die Dieselmotoren über den Atlantik, zweieinhalb Tage dauert es von Frankfurt bis zum US-Luftschiffhafen Lakehurst. Die Messerschmitts, die Pilot Karl Erdmann (Wotan Wilke Möhring) sonst fliegt, sind ein anderes Kaliber.

Gemächlich entwickelt auch der RTL-Zweiteiler „Hindenburg“ seine Geschichte. Es geht um die letzte Fahrt, die am 6. Mai 1937 in der Katastrophe von Lakehurst endete. Die Hindenburg explodierte, 36 Menschen starben. Drei Stunden nehmen sich Philipp Kadelbach (Regie), Johannes W. Betz und Martin Pristl (Drehbuch) Zeit, um eine Liebesgeschichte mit zwei Verschwörungstheorien zu verzwirnen: Die Gestapo fahndet nach geheimen Wehrmachtspapieren, die nicht in die USA gelangen sollen. Und es gibt eine Bombe an Bord.

Der Thriller ist trotz Längen, eigentümlicher Wendungen und einer sperrigen Synchronisation (gedreht wurde für den internationalen Markt auf Englisch) ein bemerkenswertes Fernsehstück. Die Trickbilder vom großen ganzen Luftschiff haben Kino-Qualität. Die Besetzung ist prominent. Die Ausstattung schwelgt in den Umbratönen, Filzhüten und Pelzkragen der 1930er Jahre – einziger Stilbruch ist der rockige Soundtrack. Nachgebaut wurde auch das mondäne Bauhaus-Design der Kabinen.

Vor allem aber vermittelt sich ein unbehagliches Zeitgefühl. Abgesehen von der fiesen Visage des Gestapo-Agenten und dem Kanisterkinn eines SS-Schergen genügen die Gründe, die einige Fahrgäste vier Jahre nach der „Machtergreifung“ das Ticket lösen ließen. Die Familie des kleinen Eric emigriert, um ihr Vermögen zu retten, denn nach den Rassegesetzen gilt sie als „jüdisch“. Noch sind „Endlösung“ und Todesfabriken unvorstellbar, und deshalb kann Anna Kerner (Christiane Paul) ihrem Mann diesen Entschluss nicht verzeihen. Ein Auftrittsverbot vertreibt den Varietékünstler (Hannes Jaenicke); er hofft, dass der Hitlergruß seiner Schäferhündin auch am Broadway ein Lacher wird.

Erklärungswert besitzt auch der wirtschaftliche Hintergrund, ein Mix aus Fiktion und Fakten: Hugo Eckener (Heiner Lauterbach), Chef der Zeppelin-Reederei, und sein mürrischer Geschäftsführer (Ulrich Noethen) sind Prototypen einer Elite, die sich nicht gemein macht mit den NS-Bonzen, aber bei Aufrüstung und Aufschwung mitmacht für den Profit.

Den bedroht ein Handelsembargo der USA. Eckener würde seine Luftschiffe lieber mit Helium füllen als mit entzündlichem Wasserstoff. Und dem US-Chemiekonzern Edward van Zandts (Stacey Keach) droht die Pleite, wenn er das Edelgas nicht bald wieder verkaufen darf. Jetzt will van Zandt mit aller Macht verhindern, dass Gattin (Greta Scacchi) und Tochter Jennifer (Lauren Lee Smith) an Bord der Hindenburg gehen. Ingenieur Merten Kröger (als Hauptdarsteller enttäuschend hölzern: Maximilian Simonischek), der am Vorabend mit Jennifer geflirtet hat, soll die beiden Frauen finden. Stattdessen tötet er in Notwehr Jennifers Verlobten, erfährt von dem Sprengsatz und klettert gerade noch rechtzeitig an Deck. Das ist zwar nicht logisch, aber immerhin schnell erzählt.

10,5 Millionen Euro hat RTL für „Hindenburg“ ausgegeben, darunter zwei Millionen Euro Subventionen von der Filmstiftung NRW. Die Rekordsumme investiert der Kölner Privatsender aber wohl nicht in die Quote, sondern in sein Ansehen bei der werbetreibenden Wirtschaft. Das ließ RTL sich zuletzt für weniger Geld im Dschungelcamp verbeulen. Trotz Zuschauerrekorden waren die Reklame-Blöcke da höchstens halb ausgebucht.

RTL, so + mo, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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