Das „Zeitzeichen“ wird 40 – Täglich 15 Minuten Geschichte im Radio

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Die „Zeitzeichen“-Redaktion: Michael Rüger, Hildegard Schulte, Ronald Feisel und Claudia Beklas (von links). ▪

Von Elisabeth Elling ▪ DORTMUND/MÜNSTER/KÖLN–Das berühmteste „Zeitzeichen“ setzte eine Duftmarke. „Warum, meine Damen und Herren, hat König Ludwig XIV von Frankreich eigentlich so fürchterlich gestunken?“, fragte am 5. September 1973 Hans Conrad Zander zum 345. Geburtstag des französischen Herrschers und erläuterte den Absolutismus anhand von abstrusen Zahnbehandlungen und Abführ-Kuren. Damals war das „Zeitzeichen“ selbst erst anderthalb. Am 4. April wird es 40 Jahre alt. Zanders grandioses Hörstück wurde schon einige Male wiederholt.

Täglich würdigt das „Zeitzeichen“ in 15 Minuten ein historisches Ereignis – die Hochzeit von Yoko Ono und John Lennon zum Beispiel (1969), die Eroberung Roms durch die Vandalen (455), das Patent für Konrad Adenauers Schrotbrot-Rezept (1915) oder eben die Geburt des „Sonnenkönigs“ (1638).

Der WDR bejubelt sein Format; Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz lobt die Redaktion mit Sitz in Dortmund: Sie bilde, informiere und unterhalte, womit sie sich „vorbildlich auf die drei Säulen des öffentlich-rechtlichen Radios“ stütze. „Merkwürdig“ sei es darum, wenn dem WDR Kulturabbau vorgehalten werde.

Zwar zielt diese Kritik gar nicht auf das „Zeitzeichen“, sondern auf Kürzungen bei WDR 3. Aber tatsächlich blieb das „Zeitzeichen“ bemerkenswert unangetastet. Es wurde allerdings 1997 aus dem Hauptprogramm des Kölner Senders ins Wortprogramm WDR 5 abgeschoben. Auf WDR 2 läuft seither nur noch eine vierminütige Sparversion („Stichtag“, 9.40 Uhr). Trotzdem kommt das „Zeitzeichen“, das auch der Norddeutsche (NDR) und der Saarländische Rundfunk (SR) ausstrahlen, täglich auf 300 000 Hörer. Zusätzlich werden im Monat rund 500 000 Podcasts aus dem Internet heruntergeladen.

Roland Feisel, Leiter der WDR-Geschichtsredaktion Hörfunk, bestellt bei den rund 70 Autoren „Geschichten über die Geschichte“. Er will eine „journalistische Herangehensweise“, die den „subjektiven Zugriff“ der „großen Geschichte“ vorzieht. Der Münsteraner Heiner Wember, einer der wenigen Historiker unter den Autoren, hält sich an Biografien oder „aussagekräftige Anekdoten“, um zum Beispiel die zähen Verhandlungen zum Westfälischen Frieden 1648 in Münster und Osnabrück zu illustrieren. Damals seien die Vertreter souveräner Staaten in sechsspännigen Kutschen angereist. „Wenn man sich die engen Gassen vorstellt, versteht man, weshalb das alles so lange gedauert hat.“

1972 hatte WDR-Redakteur Wolf Dieter Ruppel die Idee für eine Jahrestage-Sendung. Am Anfang war das „Zeitzeichen“ ein Sammelsurium: Am 4. April 1972 ging es um die Belagerung Leningrads 1942, ein Chemieunglück 1952 und eine Rede der FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher von 1967. Bald setzten sich aber monothematische Stücke durch.

Die Machart werde immer aufwändiger meint Feisel. Sei ein „Zeitzeichen“ vor zehn Jahren noch mit rund 25 „funkischen Elementen“ wie Geräuschen, Musik und Originaltönen ausgekommen, seien es inzwischen 40 bis 50. Ein Autor wie Ralph Erdenberger liefere kleine Hörspiele ab.

Hans Conrad Zander nicht. Er braucht keine „funkischen Elemente“, sondern nuschelt in Schweizer Dialekt, um die anrüchigen Probleme Ludwigs XIV. auszumalen – und warum die arme Madame de Maintenon, seine Mätresse, immer frömmer wurde und „ihrem Louis immer eindringlicher zuredete, er solle doch die religiöse Erbauung den Sünden des Fleisches vorziehen“. „Der König stinkt“ gehört zu den Hörer-Favoriten, die WDR 5 am 4. April ab 19.05 Uhr sendet.

Quelle: wa.de

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