Zeitinsel zu Antonio Caldara in Dortmund

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Julia Lezhneva im Konzerthaus Dortmund.

Von Edda Breski DORTMUND - Barock ist zwar hip. Abseits von Simone Kermes’ Rockgöttinnen-Pose und Cecilia Bartolis italienisch-überschäumender Laune ist es aber nach wie vor nicht einfach, das breite Publikum dafür zu begeistern. Beim Arienabend, der die Zeitinsel des Konzerthauses Dortmund zu Antonio Caldara eröffnete, blieben viele Plätze leer. Der Meister aus Venedig wird in Dortmund mit Vokal- und Kammermusik an drei Abenden vorgestellt. Verantwortlich ist Andrea Marcon, ein Star der Szene, der mit seinem Orchester „La Cetra“ aus Basel, hochkarätigen Sängern und Instrumentalisten angereist ist.

Caldara wird derzeit wiederentdeckt. In zwei Jahrzehnten Arbeit am Kaiserhof in Wien Anfang des 18. Jahrhunderts pflegte er einen opulenten, farbenreichen Stil. Das Ensemble spielte in Dortmund federnd und dynamisch, seine nuancierte, auf den Punkt geschärfte Klangrede kam durch eine ausgeklügelte Raum-Klang-Verteilung zur Geltung. Hörenswert auch die Sänger. Anna Prohaska fiel zwar aus, dafür sprang Julia Lezhneva ein.

In Barockarien sind Gefühle kodiert. Die musikalische Bravour und Farbpracht präsentieren Liebe oder Schmerz und zähmen sie zugleich, indem sie sie in eine Weltordnung einbinden. Sänger wie der spanische Countertenor Carlos Mena schaffen einen Brückenschlag durch eine Verblendung von Kunst und zeitlosem Affekt. Mena singt ausgesprochen rein, bleibt stets innerhalb der melodischen Linie, dabei dringt er in die Tiefe der Gefühlszustände vor. In Dortmund sang er „Men si tema“ aus dem Oratorium „Joaz“. Die Arie ist einer alttestamentarischen Furie in den Mund gelegt, die auf Rebellion und Mord sinnt.

Das Larghetto „Ahi! Come quella un tempo“ aus dem Oratorium „Sedecia“ ist eine Klage um das besiegte Jerusalem. Das anmutige Trauerthema wird durch das zirpende Hackbrett vorgestellt. Mena ließ die Klage fließen bis zur Reduktion kurz vor dem da capo. Stimme und Instrumente – Kontrabass, Gambe, Theorben – versickern in Stille. Ein großer Moment.

In der Abstimmung mit Julia Lezhneva gab es Schwierigkeiten, ihre vergleichsweise große Stimme verdrängte die anderen Parts. Sie zeigte erst in den Zugaben, wofür sie derzeit gefeiert wird: ihren vibratolosen Gesang, die klaren, wie gemeißelten Koloraturen, die mühelos ineinanderfließenden Phrasen. Die 24-jährige Russin ist eine reife Interpretin, die ihre Mittel sicher einsetzt, wie im da-capo-Teil in „Lascia la spina“ aus Händels Oper „Rinaldo“: Er begann mit einem gehauchten „Lascia“, die nächste Phrase setzte mit einer exquisiten, wie hingeseufzten Pianokoloratur ein.

Heute ist der Einakter „Die Harmonie der Planeten“ zu hören. Tel. 0231/22 696 200

www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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