„Zeitinsel“ zu Alban Berg mit Salonen und Zimmermann

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Unaufgeregter Virtuose im Konzerthaus Dortmund: Der Geiger Frank Peter Zimmermann ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Diese Zeitinsel ist wieder eine dieser angenehmen Zumutungen, die das Konzerthaus Dortmund seinen Gästen zuweilen serviert. Alban Berg hat herrliche Musik geschrieben, die aber bei vielen noch Scheureflexe auslöst: ein Zwölftöner!

Nun ist in Dortmund eine Zeitinsel mit seinen Werken gestartet. Das Mini-Festival stellt bis Samstag Facetten von Bergs Schaffen vor und bettet seine Kompositionen in musikgeschichtliche und interpretatorische Kontexte ein. Zur Eröffnung dirigierte am Dienstag Esa-Pekka Salonen, Residenzkünstler in Dortmund, das Philharmonia Orchestra, Frank Peter Zimmermann übernahm den Solopart in Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“. Das schillernde, trotz Zwölftontechnik in Vielem spätromantische Konzert wurde ergänzt durch Gustav Mahlers neunte Sinfonie.

Esa-Pekka Salonen hat sich in Dortmund bei mehreren Anlässen als Interpret erwiesen, der das Sperrige einer Partitur effektvoll erschließen kann. Mit Frank Peter Zimmermann hatte er einen Solisten, der gewissenhaft auf die Musik hört, bis zu einem Punkt, an dem er hinter die Musik zurückzutreten scheint. Die Abgründigkeit des Soloparts behandelt er mit einer Unaufgeregtheit, die sich als Understatement nur tarnt. Er spielt die Kadenz im zweiten Satz und aus den vertrackten technischen Herausforderungen beginnt ein Gesang, der zur schlichten Klage wird; aber schon tanzen die Kobolde wieder, versteckt zwischen den Figuren, die zum großen Aufbäumen überleiten.

Nichts ist einfach oder so geradlinig, wie Zimmermanns Zugang zunächst denken ließe, dazu trifft er die Zwischentöne zu gut. Der Choral zum Finale, mit dem Bach-Zitat „Es ist genug“, ist weltlich, das sinnlich-nervöse Schillern der Musik definitiv weniger transzendent als irdisch. Zimmermann tritt buchstäblich zurück, horcht auf die Soloviolinen und gibt ihnen Raum. Und dann spielt er einen Schlusston, der verflackert und doch noch einmal zu einem vollen, süßen Ton anschwillt. Berg schrieb das Konzert im Gedenken an Alma Mahler-Werfels Tochter Manon Gropius, die 18-jährig starb. Ihre Verklärung ist nicht nur eine Idealisierung, sondern auch eine Feier des, freilich zu kurzen, Lebens. Daran erinnert Salonens und Zimmermanns Interpretation.

Mahlers neunte Sinfonie als Monumentalwerk war nach der Pause zu erleben. Mit den ersten Tönen treibt Salonen die Temperatur hoch. Es kann schon mal rumpeln, wenn die Riesenmaschine des Philharmonia Orchestra mit seinem markigen Blech anläuft; die Violinen schrauben sich in hysterische Höhen. Mahler als Vorgänger von Bergs gebrochenem Ton, seiner üppigen Gedenkfeier für die Vergänglichkeit, das funktioniert natürlich, und doch lässt Salonen etwas von dem Feingefühl vermissen, das man im Violinkonzert noch erlebt hatte. Die Themen schleudert er als grellfarbige Prachtfetzen in den Raum. Der Satz ist in Technicolor gefärbt, die Oberflächen gleißen, doch es fehlt an Feintuning. Die brachial herausgeschleuderten Ausbrüche klingen nach Kraftmeierei, manche Kantilenen sind überplüscht.

Dafür sind die folgenden Sätze konsequent umgesetzt, einer mitreißender gespielt als der andere. Salonen spürt, wenn man so will, den Momenten eines chaotischen Verrutschens nach, den Augenblicken, in denen die Welt aus den Fugen ist. Die feiert er, deren sinnliche Kraft arbeitet er heraus.

Im Ländler kommt Salonens Gespür für exzessive Rhythmik zum Tragen. Im Vergleich zum ersten Satz ist aber jederzeit eine ordnende Hand zu spüren. Ebenfalls stringent behandelt er das Zitatpotpourri der Rondo-Burleske; die Motive rumpeln lustvoll gegeneinander, schütteln sich und marschieren irritiert ab. Die Schlussattacke lässt die Zuhörer atemlos, und noch legt er einen drauf, dieses Mal im umgekehrten Extrem: Das finale Thema, das Zitat aus den „Kindertotenliedern“, schwillt wie aus beengter Brust an und haucht sich aus. Atemberaubend.

Noch bis Samstag widmet sich das Konzerthaus Dortmund dem Komponisten Alban Berg und Komponisten, in deren Tradition der Österreicher komponierte. Heute spielt das Minguet-Quartett, am Samstag das SWR-Sinfonieorchester. Der für Freitag geplante Liederabend mit Christianne Stotijn fällt wegen Erkrankung aus.

Tel. 0231/ 22 696 200,

http://www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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