ARD zeigt Dokumentation „Schmutzige Schokolade“

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Ein Junge aus Burkina Faso arbeitet auf einer Kakaoplantage an der Elfenbeinküste. Szene aus der ARD-Dokumentation „Schmutzige Schokolade“. ▪

Von Bernd Luig ▪ Kleine Jungen schleppen frisch geerntete Kakao-Schoten zu einem Sammelplatz. Solche Aufnahmen von Kindersklaven auf einer Plantage an der Elfenbeinküste dürfte es nicht mehr geben – spätestens seit 2008. Dazu verpflichteten sich die größten Schokoladenproduzenten in einem internationalen Abkommen. Miki Mistrati enthüllt schockierende Verstöße gegen diese Vereinbarung in der sehenswerten ARD-Dokumentation „Schmutzige Schokolade“.

Seine laut Untertitel „investigative Recherche in Westafrika“ zeigt Erschütterndes: Auf der einen Seite das Elend der kleinen Sklaven, die pro Kind „230 Euro kosten“, wie ein skrupelloser Menschenhändler strahlend verkündet. Und auf der anderen Seite das völlige Totschweigen bei denen, die mit der Veredelung der Kakaobohnen Riesengewinne erwirtschaften.

Die Elfenbeinküste ist das größte Anbauland. Rund 42 Prozent der weltweiten Kakao-Ernte stammen aus dem Gebiet um die Hafenstadt Abidjan. An diesem Hauptumschlagsplatz verfügen alle namhaften Schokoladenhersteller über Niederlassungen.

Für ein Kilo des wertvollen Rohstoffes erhalten die Plantagenbesitzer einen Euro. Der Exporteur streicht dafür 2,50 Euro ein. Bei der Versteigerung an der Börse entsteht der Kaufpreis für die Süßwarenindustrie, die aus einem Kilo Kakao rund 40 Tafeln Schokolade herstellt.

Allein in Europa werden pro Jahr 1,5 Millionen Tonnen Schokolade verzehrt, die Hälfte des weltweiten Absatzes. Miki Mistrati reist zur Süßwarenmesse nach Köln, um Vertreter der Branche mit den Vorwürfen zu konfrontieren, bei der Kakaoernte würden Kinderarbeiter eingesetzt. Dies sei „völlig inakzeptabel“, bekräftigt ein Top-Manager, gibt sich aber im gleichen Atemzug ahnungslos, es handele sich wahrscheinlich um Einzelfälle.

Noch dreister streiten Interviewpartner an der Elfenbeinküste die illegalen Praktiken ab. Der Staatssekretär im Arbeitsministerium spricht zynisch von „Urlaubern“, die vom Nachbarland Mali aus einreisen. Und der Besitzer einer der größten Kakao-Exportfirmen der Welt (Jahresgewinn: 135 Millionen Euro) behauptet kategorisch: „Ich habe nie Kinder auf den Plantagen gesehen. Es gibt da keine Kinder.“

Dass es sich bei den Aussage um Lügen handelt, belegt die Dokumentation mit eindeutigen Aufnahmen. Häufig mit versteckter Kamera gedreht. Hautnah beobachtet Miki Mistrati die bei Einheimischen bekannten Schleuseraktionen mit Kindersklaven an der Grenze zwischen Mali und der Elfenbeinküste. Der Reporter folgt den Spuren im Nachbarland. Dort wählt er nach eigenen Worten „eine beliebige Plantage“. „Wir wissen nicht, was uns erwartet“, kündigt der Journalist seine Stichprobe an. Die Bilder sprechen für sich. „Bald finden wir eine Hütte und dort Männer und vier kleine Jungen mit Macheten. Sie kommen aus Burkina Faso.“

Interpol, die internationale Polizeiorganisation, stützt die dokumentierten Erkenntnisse des dänischen Journalisten. Bei einer Großrazzia auf Kakao-Plantagen im Osten des Landes haben Ermittler von der Elfenbeinküste 65 Kinderarbeiter befreit – „teils krank durch die Arbeit mit Pestiziden und die Mangelernährung.“ Acht Menschenhändler kamen in Haft.

Miki Mistrati bemüht sich darum, Vertretern der Schokoladenproduzenten die Ergebnisse seiner Recherche zu zeigen. Vergeblich. Alle angefragten Firmen lehnen ab, die Beweise anzusehen und dazu Stellung zu nehmen. Man könne nicht für die Situation auf jeder Plantage die Verantwortung übernehmen, teilt der Branchenverband in dürftigen Worten mit – für den Filmemacher ein deutliches Indiz dafür, dass Kinderarbeit geduldet werde, statt die Plantagen zu kontrollieren und zu zertifizieren.

ARD, 23.30 Uhr

Quelle: wa.de

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