ARD zeigt Bremen-„Tatort“: „Der illegale Tod“

Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) in dem „Tatort“. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ Dass sie ihrem verkaterten Assistenten mit einem Aspirin auf die Beine hilft, ist typisch für Inga Lürsen (Sabine Postel). Die Bremer „Tatort“- Kommissarin ist eine handfeste Figur. Unaufgeregt, routiniert und trotz gelegentlicher Muffeligkeit durchaus fürsorglich gegenüber Stedefreund (Oliver Mommsen). Ihm gegenüber spielt sie auch schon mal auf ihre linksliberale Vergangenheit an – und ein bisschen selbstironisch auf eine halbe Generation Erfahrungsvorsprung: „Wir damals...“

So gesehen wird Lürsen im „Tatort“ auf dem falschen Fuß erwischt. Was nicht daran liegt, dass sie am Wochenende den Hund ihrer Tochter hüten muss. Übersäuert und mit politisch korrekt gescheiteltem Weltbild, trägt die Hauptkommissarin dazu bei, dass „Der illegale Tod“ einer der schwächeren Krimis ist (Drehbuch: Christian Jeltsch, Regie: Florian Baxmeyer).

In guter Bremer „Tatort“- Tradition spiegelt der Fall einen politischen Konflikt. Hintergrund ist ist die EU-Flüchtlingspolitik, die Abschottung der Grenzen durch die Agentur Frontex. Vier Kollegen der Bremer Wasserschutzpolizei waren ein Vierteljahr lang für die „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen“ (Frontex) im Mittelmeer auf Streife. Einer von ihnen – Stedefreunds Kumpel Peer (Michael Pink) – ist jetzt verschwunden.

Das Wiedersehen hatten die Freunde mit viel Tequila begossen, aus der Kneipe dann eine Afrikanerin mitgenommen. Nach einem Bier mit K.o.-Tropfen erwacht Stedefreund in Peers Wohnung, findet Blut und Kampfspuren – und alarmiert seine Chefin. Die löst ihm erst mal eine Brausetablette auf.

Bei dem Frontex-Einsatz gab es einen Zwischenfall. Der „Tatort“ beginnt mit schaukeligen Bildern einer Handykamera: Ein Boot mit Schwarzafrikanern treibt neben dem Polizeischiff „Weser 3“. Die Flüchtlinge versuchen, an Bord zu klettern. Eine Frau schreit auf Englisch: „Wir können Ihnen nicht helfen.“ Dann fällt ein Schuss, Panik bricht aus, die Aufnahme bricht ab. Zwei Tage später werden am Strand von Tunesien 14 Leichen angespült – und eine Überlebende, Amali Agbedra (Florence Kasumba). Sie findet ihre tote Tochter. Einige Wochen später hat sie es im Schlepper-Container nach Bremen geschafft, in Klarsichtfolie trägt sie Fotos von vier Wasserschutzpolizisten bei sich. Einer ist Peer.

Flüchtlingselend, schäbige Politikerphrasen, gewissenlose Vollstrecker in Polizeiuniform – das sind die Zutaten für diesen Film. Er häuft Klischees, logische Lücken und aufdringliche Konstruktionen. Dazu quengelt die Hauptkommissarin Sätze, die sie als gutmenschelnde Kummerkastentante denunzieren, zum Beispiel: „Euch ist einfach die Fähigkeit zur Empörung abhanden gekommen!“ Sie selbst kultiviert diese Fähigkeit, wittert allerorts Rassismus und Inhumanität. Wütend faucht sie etwa den Leiter der Flüchtlingsunterkunft an – und wird von dem Mann ausgebremst, als sie Amali Agbedras Spind knacken will: „Haben Sie einen Durchsuchungsbeschluss?“

Angefressen ist Lürsen auch von der karrierefördernden Bedenkenlosigkeit der jungen Kollegen – vor allem ihrer Tochter Helen (Camilla Renschke), die an diesem Wochenende als „Kommissarin vom Dienst“ ihre Vorgesetzte ist. Weshalb sie ständig Helens Terrier Gassi führen muss und ihr Vorwürfe macht wie: „Wir wollten Dich zu einem kritischen Menschen erziehen.“ Sie wird aber noch Grund haben, auf ihre Tochter stolz zu sein.

Grobe Typen sind die drei übrigen Wasserschutzpolizisten: Jeltschs Drehbuch bietet einen Zyniker (Arnd Klawitter), einen Traumatisierten (Daniel Lommatzsch) und eine Eiskalte auf. Elena Janson (Ulrike Claudia Tscharre) leitete den Frontex-Einsatz. Und sie hat eine Tochter – wie Amali Agbedra.

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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