Das zeichnerische Werk des US-Minimalisten Fred Sandback in Bottrop

+
Drei Striche ergeben ein Bild: Fred Sandbacks Farbkreidezeichnung „Untitled“ (1989), zu sehen in Bottrop.

Von Ralf Stiftel BOTTROP - Manche Bildhauer brauchen Tonnen von Bronze oder Stahl oder Stein für ihre Skulpturen. Fred Sandback ging zu Walmart und kaufte eine Rolle Acrylgarn. Sein Werk „Untitled“ von 1987 besteht aus zwei Fäden, die ineinander verschlungen sind. Das obere, orangene Stück beginnt ungefähr auf Augenhöhe in der Wand. Das untere, türkise Stück endet im Boden. Einfach eine Linie im Raum, diagonal, nicht rechtwinklig verspannt. So sieht man die Skulptur im Josef Albers Museum in Bottrop.

Auf den ersten Blick wirkt das so einfach. Aber der amerikanische Künstler hat den Faden-Strich präzise gesetzt. Obwohl die Skulptur materiell so bescheiden auftritt, nimmt man sie sofort als etwas Räumliches wahr. Sie bezeichnet mit dem Fußboden und der Wand eine Fläche – und diese Fläche wiederum teilt den Raum. (Reden wir einmal nicht davon, wie trickreich Sandback dafür gesorgt hat, dass man keine Befestigung erkennt. Der Faden erscheint aus der Wand und verschwindet im Boden.)

Sandback, 1943 in Bronxville, New York geboren, 2003 gestorben, ist in europäischen Museen durchaus präsent. Aber richtig populär ist er kaum, zu spröde erscheint wohl seine überaus konzentrierte und zurückgenommene Kunst. Was schade ist, denn Sandback kann regelrecht bezaubern, wie die wundervolle Ausstellung „Zeichnungen und Skulpturen“ im Josef Albers Museum in Bottrop zeigt. Er nannte sich gern einen Bildhauer, aber er betonte, dass seine Skulptur aus dünnen Linien bestehe, „die ausreichend Raum ließen, um sich durch sie hindurch und in ihr herum zu bewegen“. Und dann kommt ein großer Satz: „Eine Zeichnung, die man bewohnen kann.“

In Bottrop sieht man, in einer Kooperation mit dem Kunstmuseum Winterthur und dem Museum Wiesbaden, vor allem Sandbacks zeichnerisches Werk, gut 100 Blätter, ergänzt um acht Skulpturen. Und auch auf dem Papier funktioniert sein Minimalismus. Auf einigen Blättern sieht er nur eine geneigte, gerade Linie – und es ergibt sich doch ein Bild. Das Blatt „Untitled“ (1988) besteht aus drei Farbkreidelinien in den Grundfarben Rot, Blau, Gelb. Die längeren Linien stehen parallel aufrecht, die kürzere blaue Linie verbindet sie. Man sieht eine Art immaterieller Wand, perspektivisch schräg zum Betrachter stehend. Und je länger man das Blatt anschaut, desto instabiler wirkt es. Die gelbe Linie scheint ein wenig geneigt zu sein. Es liegt wohl an der leichteren Farbwirkung, dass diese Wand vibriert, ein wenig bebt, und die ganze schöne Geometrie sich auflöst. Eine ganz eigene Variation auf „Who’s afraid of Red, Yellow and Blue“.

Sandback hat in seinen frühen Arbeiten die Grenzen zwischen verschatteten und belichteten Bereichen materialisiert. Eine Zeichnung von 1967 skizziert eine Skulptur in einem Treppenaufgang. Die Fäden markierten die natürliche, vom Licht gezogene Grenze im Raum. Viele Zeichnungen entwerfen Fadenskulpturen für vorgegebene Räume, sie ähneln Architekturentwürfen. Der Bezug zu Sandbacks Skulpturen bleibt erhalten, auch wenn die Arbeiten längst nicht mehr Skizzen sind, sondern eigenständige Werke.

Sandback erweitert den Begriff der Zeichnung. Manche haben eine perspektivische Räumlichkeit, man sieht so etwas wie Wände, freilich fast immer ohne Volumen, flach, zweidimensional. Allerdings verdichten sich in einigen Blättern der späten 1980er Jahre die Linienführung, er setzt Schattierungen ein, und die Wände werden fasslicher. Ein wenig später arbeitet er auf farbigen Papieren, da bekommen seine wenigen Kreidestriche fast schon Ausdruck. Eine Werkgruppe von 1998/99 mit Schellack und Acrylfarben auf Mylar, einer Kunststofffolie, erinnern an asiatische Kalligraphien. Aber er zog seine Linien auch mit dem Messer, ritzte farbiges Papier am Rande der Sichtbarkeit.

Vier Arbeiten von Josef Albers zeigen in Bottrop Bezüge zwischen dem einflussreichen Lehrer und dem konsequenten Minimalisten. Sandback hat Albers selbst nicht gekannt, aber seine Lehrer hatten bei dem früheren Bauhausmeister studiert, als der an der Yale University in New Haven unterrichtete. Grundhaltungen ähneln sich verblüffend, angefangen bei dem bescheidenen Material, das beide einsetzten. Auch die Architektur-Elemente finden sich bei Albers wie bei Sandback, schließlich waren mexikanische Adobe-Bauten eine Inspirationsquelle. Im Gemälde „In Open Air“ (1936) überlagern sich Linien zu Flächen, bei denen Vorder- und Hintergrund nicht mehr bestimmbar sind. Diese Mehrdeutigkeit zwischen Raum und Fläche nimmt manches von Sandbacks Kunst vorweg.

Dann ist da noch das „Square Floor Piece“ (1989), bei dem vier Fäden ein Quadrat umreißen, das ganz flach an der Wand lehnt, fast schon liegt. Der Betrachter sieht in dieser Skulptur die Fläche – und könnte doch hineintreten, ohne die Struktur zu beschädigen. Eine Skulptur, die man bewohnen kann.

Ebenso faszinierend das Ensemble der Skulpturen im zentralen Lichthof, darunter zwei Arbeiten aus Weichstahl-Winkeln, die an der Wand lehnen, labil und transparent, und doch würdevoll wie Monumente.

Bis 9.11., di – sa 11 – 17, so 10 – 17 Uhr,

Tel. 02041/ 297 16,

www.quadrat-bottrop.de,

Katalog, Richter Verlag, Düsseldorf, 38 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare